Nach Amen-Verkauf

Hipster-Dämmerung in der Berliner Start-up-Szene

Nach dem Verkauf der von Hollywood-Star Ashton Kutcher geförderten Bewertungs-Plattform Amen an den Online-Musiksender Tape.TV stellt sich eine Frage: Ist die Berliner Hipster-Szene am Ende?

Foto: TapeTV

Die Berliner Start-up-Szene ist erwachsener geworden. Mit der Übernahme der Bewertungs-App Amen durch die Videoplattform Tape.tv (Link) legt die Berliner Gründerszene endgültig ihre Hipster-Klamotten ab. Das kann nicht schaden.

Die Zukunft des Berliner Ecosystems liegt da, wo im Internet Geld verdient wird: mit Onlinehandel, mit Unternehmensanwendungen und wie im Fall von Wooga mit Internet-Spielen. Seit jeher ist die milliardenschwere E-Commerce-Fabrik Rocket Internet mit ihrem früheren Flaggschiff Zalando ein Synonym für die Berliner Gründerszene. Und einige hochspezialisierte "Hidden Champions" – von Online-Marketing bis Software Intelligence – verdienen ohne nennenswerte öffentliche Aufmerksamkeit Millionen. Doch wenn von der Berliner Start-up-Szene die Rede ist, denkt man an die jungen Leute, die bedruckte T-Shirts tragen und übergroße schwarze Brillen und die Coworking-Spaces zwischen Wedding und Neukölln bevölkern. Sie träumen alle von ihrem großen Wurf.

Ohne die Unterstützung aus Hollywood – wie im Fall von Amen und Gidsy – werden es neue Hipster-Apps künftig schwerer haben, sich internationale Aufmerksamkeit zu verschaffen und erfolgreich zu sein. Der Celebrity-Bonus ist verspielt. Ashton Kutcher und seine Hipster-Karawane sind längst weiter gezogen – wie es heißt, versucht er jetzt in Tel Aviv sein Glück, der Stadt mit der weltweit höchsten Dichte an technischen Start-ups.

Berlin ist nicht das Silicon Valley

Kutcher & Co. haben mit ihren Investitionen dem Berliner Ecosystem insgesamt zu einer internationalen Aufmerksamkeit verholfen, die es aus eigener Kraft vermutlich nie erhalten hätte. Das half Berlin, um sich einen Namen zu machen. Das muss die Szene künftig aus eigener Kraft schaffen.

Berlin ist nicht das Silicon Valley, wo zunächst scheinbar namenlose Projekte millionenschwer gefördert oder verkauft werden. Das Foto-Netzwerk Pinterest hat in vier Finanzierungsrunden inzwischen mehr als 300 Millionen Dollar erhalten. Die Videoapp Vine ging im Jahr 2012 für 30 Millionen US-Dollar an Twitter. Zum Vergleich: Amen hatte gerade einmal drei Millionen Dollar Seed-Finanzierung erhalten.

Investoren belohnen Innovation

Dabei sind Berliner Start-ups durchaus in der Lage, internationales Kapital zu generieren – zumal von prominenten Investoren – wie die jüngste Investitionsrunde des Forschernetzwerks ResearchGate zeigt: Microsoft-Gründer Bill Gates investierte 35 Millionen US-Dollar. Aber das tat er nicht, weil das "Facebook für Wissenschaftler" so hip und cool ist, sondern weil Gründer Ijad Madisch und sein Team Innovation mit Mehrwert bieten.

Das Ende von Amen und Gidsy ist kein Trauerfall, sondern "Business as usual". Es zeigt einmal mehr, wie sehr auch das Scheitern zur Gründerszene gehört. Die Nachricht über das Ende von Amen und Gidsy holt das Berliner Eco-System auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurück und ist für Berliner Gründer in zweierlei Hinsicht ein Lehrstück: Erstens zeigt diese Erfahrung, das auch gehypte Ideen frontal gegen die Wand fahren können. Und zweitens kann die Szene daraus lernen, dass das Scheitern zum Geschäft gehört und dass Hinfallen keine Schande ist. Felix Petersen hat das gezeigt, er ist nach dem Sturz wieder aufgestanden und macht weiter. Manche Berliner Gründer haben diese Erfahrung noch vor sich.

Große Aufgabe für Internet-Visionär

Die Übernahme von Felix Petersen ist ein Glücksfall für Tape-tv. Er ist ein Visionär, hat mit der Webplattform Plazes im Jahr 2004 lange vor allen späteren Mitbewerbern einen ortsbasierten Internetdienst eingeführt, den er 2007 an den Handyhersteller Nokia verkaufte. Als Plazes auf den Markt kam, gab es noch kein Foursquare und auch keine Smartphones. Petersen war seiner Zeit voraus, die Lorbeeren ernteten andere.

Und er ist ein tüchtiger Mann, wie die jahrelange Arbeit an seinem Amen-Projekt zeigt, das er über Jahre zusammen mit Florian Weber, einem der ersten Ingenieure des Kurznachrichtendienstes Twitter, und Caitlin Winner entwickelte. Wenn es gut läuft, wird er dazu beitragen können, den seit Mitte 2008 streamenden Musiksender auf die Höhe der Zeit zu bringen. Ob es ihm gelingen wird, das "Pinterest für Videos" zu erfinden, sei dahingestellt.

Aus den Hipster-Charts in den Business-Markt

Nach dem Hype ist vor dem Hype. Auch nach dem Scheitern von Gidsy, Amen und der in aller Stille dahingeschiedenen Wunschlisten-App Toast wird die Berliner Szene hippe Anwendungen hervorbringen – ohne Hilfe aus Hollywood: Die nächste könnte der Foto-Messenger DingDong sein.

Andere wie die Nachrichten-App Moped, der Aufgaben-Manager Wunderlist oder die Mode-Plattform Views, die man vor kurzer Zeit noch in den Hipster-Charts wähnte, haben sich längst in die Kurve gelegt, um in Richtung Small-Business-Anwendung abzubiegen und im Business2Business-Markt zu überleben. Dort sieht auch die Foto-App EyeEm ihre Überlebenschance, die derzeit letzte erfolgreiche Berliner Consumer-Plattform mit Hipster-Esprit.

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