26.08.13

Gründerszene

Unternehmensberater entdecken neues Potenzial in Berlin

Vor zehn Jahren schickte die KPMG Frank Wiethoff noch nach Düsseldorf, weil es in Berlin kein Geschäft gab. Jetzt setzt er als Ostdeutschland-Chef der Berater auf den wachsenden Mittelstand der Stadt.

Von Joachim Fahrun
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Setzt auf ein stärkeres Berlin: Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost der KPMG
Setzt auf ein stärkeres Berlin: Frank Wiethoff, Regionalvorstand Ost der KPMG

Für Unternehmensberater ist Berlin inzwischen ein wichtiger Standort. Denn hierher können die Unternehmen die jungen, smarten Consultants locken, die sie für ihre Klienten brauchen. "In Deutschland will niemand mehr nach München, die wollen alle nach Berlin", sagt Frank Wiethoff. Auch internationale Bewerber interessierten sich nicht mehr nur für London und Paris, sondern auch für die deutsche Hauptstadt.

Für den neuen Ostdeutschland-Chef der KPMG, mit 1400 Beschäftigten eine der größeren Consulting-Firmen der Stadt, ist diese Gefühlslage seiner aktuellen und künftigen Mitarbeiter ein wichtiger Baustein für das Ziel, die Aktivitäten in seinem Reich auszubauen. Zumal die Berater immer weniger jede Woche in einen Flieger oder einen Zug steigen müssen, um zu ihren Klienten zu gelangen. Als Wiethoff 2003 aus New York zurück nach Deutschland kam, hieß es bei KPMG noch, es gebe kein Business in Berlin. Also schickte ihn seine Firma nach Düsseldorf, weil dort eher große Kunden saßen.

"Inzwischen hat sich einiges geändert", sagt der 44 Jahre alte Betriebswirt aus dem Rheinland, der familienbedingt schon immer eine Berlin-Affinität verspürte. Seine Eltern stammen aus der Stadt, eine Großmutter wohnt in Spandau, auch seine Frau kommt aus Berlin. "Die Stadt hat eine unglaubliche Anziehungskraft", sagt Frank Wiethoff.

Drei Berliner Wachstumsbereiche

Die Politik habe das verstanden und ziehe mit. Zwar gebe es in der Stadt außer der Deutschen Bahn noch immer nicht die großen Mandate. Aber inzwischen sei ein vielfältiger Mittelstand entstanden, der es für eines der weltgrößten Berater-Netzwerke durchaus interessant mache, seine Aktivitäten im Osten Deutschlands auszubauen.

Da sind etwa die großen internationalen Pharmakonzerne, von denen viele inzwischen ihre Deutschland-Zentralen in Berlin hätten. "Wie schaffen die es, die kleinen, schnellen, innovativen Unternehmen zu integrieren?", beschreibt der Consultant eine Fragestellung, die ihm in Berlin häufig begegnet.

Seine Aufgabe im KPMG-Gebäude gegenüber der CDU-Zentrale an der Klingelhöferstraße ist es, die Themen der Stadt noch fokussierter aufzugreifen. Deshalb hat er drei Wachstumsbereiche für das KPMG-Geschäft definiert: Die Gesundheitswirtschaft, die Kreativbranche und die öffentliche Verwaltung sind die Schwerpunkte, die Wiethoff aus seinem kleinen Büro mit der meist geöffneten Glastür in der vierten Etage heraus beackert. Zu diesen Themen hat er Teams aufgestellt, quer über die üblichen Bereiche der Berater hinweg.

"Man muss auch mal auf einer Kiste Bier gesessen haben"

So will er mit 30 Leuten die wachsende Start-up-Szene der Stadt als Kundschaft erschließen. Man müsse deren Vertrauen gewinnen, beschreibt Wiethoff die Herausforderung für seine Berater. "Der persönliche Draht und die Präsenz vor Ort sind sehr wichtig. Dazu muss man mit den Leuten auch mal abends auf einer Kiste Bier gesessen haben", sagt der Vater zweier Söhne, der gerade seine Strohwitwer-Bleibe im Moabiter Hinterhaus gegen eine Familienvilla in Zehlendorf getauscht hat. Seine Familie ist nun auch aus Düsseldorf übergesiedelt.

Die KPMG habe zwei Schreibtische im Gründungszentrum Factory. Business-Themen ergäben sich aber auch im lockeren Gespräch ganz schnell. "KPMG sind die kleinen innovativen Unternehmen genauso wichtig wie unsere mittelständischen und großen Mandate, und wir kümmern uns intensiv um sie, von der Gründung an über jedes Stadium ihres Wachstums", sagt Wiethoff.

Am Anfang seien es Steuerberatung und vertragliche Fragen. "Die kleinen Tickets", so nennen das die Consultants. Sie setzen sich mit dem Geschäftsmodell der potenziellen Klienten auseinander, spendieren auch mal einen Tag Rechtsberatung. Aber schon bald müssten sich die wachsenden Unternehmen auch mit ihren Prozessen beschäftigen oder mit Finanzierung – ein Markt für Berater.

Netzwerk mit 8600 Mitarbeitern an 25 deutschen Standorten

"Junge und stark wachsende Unternehmen wie Zalando haben die gleichen Themen auf ihrer Agenda wie ein Konzern, auch mit Turnschuhen und Jeans", sagt Wiethoff mit Hinweis auf den rasant wachsenden Online-Händler aus Berlin. Wenn es den KPMG-Leuten gelinge, mit den "kleinen Tickets" zu überzeugen, spreche sich der "Mehrwert unglaublich schnell" in der Szene herum.

Als Netzwerk mit 8600 Mitarbeitern an 25 deutschen Standorten, dazu Repräsentanzen in 156 Staaten mit insgesamt 152.000 Mitarbeitern, biete KPMG den Gründern Zugänge zu Finanzierungsquellen wie Venture-Capital-Firmen oder Familienunternehmen, die ihnen sonst verschlossen bleiben würden.

Den Start-up-Boom in Berlin hält er nicht nur für einen Hype. "Darin steckt viel Potenzial für Berlin", sagt der KPMG-Chef, der in Münster BWL studierte, 1995 zur KPMG ging und in Köln als Wirtschaftsprüfer begonnen hat. Natürlich werde nicht jede Firma überleben, die jetzt die x-te mobile Anwendung für Smartphones entwickele. Das Geschäft mit Endkunden, das "Business to customer", sei endlich.

Start-ups und etablierte Unternehmen können voneinander profitieren

Allerdings könnten die kleinen IT-Unternehmen im Business-to-Business die Geschäftsmodelle von traditionellen Unternehmen revolutionieren. Start-ups und etablierte Unternehmen können gegenseitig enorm voneinander profitieren. "Diese Chance, aus der digitalen Welt etwas zu schaffen, was auch für die etablierten Firmen gilt, sehe ich ganz besonders in Berlin", sagt Wiethoff.

Um dabei zu helfen und um sein persönliches Netzwerk zu stärken, engagiert sich Wiethoff im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und in der Stiftung Zukunft Berlin. "In Berlin beobachte ich derzeit eine Aufbruchstimmung", so Wiethoff. Die Stadt habe die Chance, aus der einzigartigen Wissenschaftslandschaft und ihrem kreativen Potenzial etwas richtig Gutes zu gestalten.

Kernproblem in Berlin: Der spezielle Mikrokosmos in jedem Bezirk

"Man muss den Leuten aber ihre Freiräume lassen", lautet ein Ratschlag des KPMG-Mannes an die Politik. In seinen dreieinhalb Jahren in New York habe er gelernt, dass es viel mehr bringt, wenn man sich nicht aufhält mit dem Lamento, was alles nicht geht, sondern sich auf die Chancen konzentriert.

Die Politik in Berlin sieht er im Grundsatz auf einem guten Weg. Aber auch die strukturellen Hindernisse in der Stadt seien bekannt. Das Kernproblem seien die zwölf Bezirke mit ihrer Autonomie und ihrem speziellen Mikrokosmos. Aber um dieses Thema zu lösen, wird Frank Wiethoff in absehbarer Zeit wohl kein Mandat bekommen.

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Die KPMG
  • Prüfer

    KPMG gehört auch in Deutschland zu den führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen. Der Name des Unternehmens geht zurück auf seine Gründer Klynveld, Peat, Marwick und Goerdeler. Weltweit beschäftigt das Beratungsnetzwerk rund 152.000 Mitarbeiter in 156 Ländern. Im Geschäftsjahr 2012 hat KPMG allein in Deutschland einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftet.

  • Deutschland

    KPMG Deutschland betreut Mandanten jeder Größe und aller Branchen. Das Unternehmen ist in die drei Geschäftsbereiche Wirtschaftsprüfung („Audit“), Steuerberatung („Tax“) und Unternehmens- und Managementberatung („Advisory“) gegliedert. Darüber hinaus gibt es auch die KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, assoziiert mit der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

  • Spezialist

    Für wesentliche Wirtschaftsbranchen hat KPMG eine Spezialisierung vorgenommen, mit der insbesondere Familienunternehmen, Konzerne, Staat und öffentliche Hand sowie das Finanzwesen beraten werden sollen. Neben Berlin unterhält die KPMG in Deutschland unter anderem Büros in Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Dresden, Stuttgart, Augsburg und München.

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