20.02.13

Smartphone-App

"barcoo" aus Kreuzberg schafft es bis in die "Tagesthemen"

Das Berliner Start-up barcoo hat große Ziele. Die Strichcode-Scanner-App für das Smartphone wurde bereits 9,2 Millionen Mal heruntergeladen.

Von Leon Scherfig
Foto: Jörg Krauthöfer
Mit Erfolg: Benjamin Thym, Geschäftsführer der Firma barcoo in Kreuzberg, hat zusammen mit seinen Mitarbeitern eine App für Smartphones entwickelt
Mit Erfolg: Benjamin Thym, Geschäftsführer der Firma barcoo in Kreuzberg, hat zusammen mit seinen Mitarbeitern eine App für Smartphones entwickelt

Skandal-Zeiten sind gute Zeiten. Zumindest für das Start-up barcoo aus Kreuzberg. Als Kontrolleure Dioxin in Eiern entdeckten, schaffte es das Berliner Unternehmen in die "Tagesthemen". "Wir haben damals sehr eng mit dem Verbraucherschutz zusammengearbeitet, um unsere Nutzer darüber zu informieren, welche Eier mit dem Giftstoff belastet waren", sagt Benjamin Thym.

Der Geschäftsführer der Firma sitzt im hellen Konferenzraum des Altbaubüros in Kreuzberg. In seiner rechten Hand hält er das, worum es in dem rund 240 Quadratmeter großen Büro geht. Das Produkt, für das die 30 jungen Mitarbeiter programmieren, schreiben und designen. Auf Benjamin Thyms Smartphone leuchtet die kostenlose App barcoo, ein mobiler Barcode-Scanner, mit dem der Handynutzer Produktinformationen über das Internet abrufen kann.

Der Preis im Sofortvergleich

Der Nutzer fotografiert mit seinem Smartphone den Strichcode auf der Verpackung des Produkts – und bekommt Preisvergleiche sowie Daten zu Nährwerten, Fettgehalt und Herkunft bei verschiedenen Anbietern dafür angezeigt. Oder der Kunde gibt den Namen per Hand ein. "L-a-s-a-g-n-e B-o-l-o-g-n-e-s-e A&P", tippt Geschäftsführer Benjamin Thym beispielsweise in sein iPhone. Bei der Kundenbewertung warnt der Kommentar unter der Rubrik "Schon gewusst? Aus dem Verkehr gezogen – Verdacht auf Pferdefleisch". Darunter folgen einige Zeilen zum aktuellen Skandal, als Quelle gibt der Text den Verbraucherschutz Hamburg an.

"Entlarven von Produktschummel", steht auf einem Schild geschrieben, das an einer Tür im Flur des Kreuzberger Büros hängt. Ein halbes Dutzend Programmierer halten im lichtdurchfluteten Nebenzimmer gerade eine Stehkonferenz, "Stand-up", sagt man hier. Club-Mate-Flaschen stehen auf den Tischen herum – für alle Mitarbeiter gibt es eine Flatrate für das Getränk.

Nebenan arbeitet das "Content"-Team, das die Texte für die App schreibt. Annemarie Munimus recherchiert an ihrem großen Flachbildschirm, welche Handelsketten von dem Pferdefleisch-Skandal betroffen sind. "Unsere Quellen sind die Verbraucherzentralen, NGOs und die seriöse Presse", sagt eine 28-jährige Texterin. Schon Stunden nach Bekanntwerden der nicht deklarierten Pferdefleisch-Produkte konnten die Nutzer ihre Mahlzeiten per Strichcode-Scan einem Mogelpackungstest unterziehen.

9,2 Millionen Downloads

Das Programm aus Kreuzberg kommt im gesamten deutschsprachigen Raum gut an. "Rund 9,2 Millionen Installationen haben wir bisher in Deutschland, Österreich und der Schweiz", sagt Benjamin Thym. Die App lässt die Nutzer Testberichte verfassen, und eine Lebensmittelampel zeigt den Gehalt von Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Natrium an. Wird ein kritischer Wert überschritten, schlägt das Programm Alarm. Barcoo geht es aber auch um Wachstum, Werbung und Gewinne.

Benjamin Thym weiß um den Schatz an Daten, die ihm Tausende von Nutzern täglich bereitwillig liefern. "Ständig tragen User neue Produkte, die wir vorher gar nicht kannten, wie wild in die Datenbank ein und schreiben Bewertungen", sagt der junge Unternehmer. Mehr als 699 Kommentare gaben Nutzer etwa allein für eine Ein-Liter-Flasche Coca-Cola ab ("Geilo", "Lecker, macht aber dick", "Viel zu süß!!!!!!" zum Beispiel).

1211 Mal vergaben App-User ein "Daumen hoch" oder "Daumen runter" in den Kategorien "Erfrischend", "Geschmack", "Empfehlenswert". Noch seien die Daten nicht repräsentativ und daher für die Marktforschung nicht geeignet, sagt Thym. Künftig sei dort aber natürlich noch viel Luft nach oben.

Bisher finanziert sich die Firma über Werbeanzeigen und eine Provision, die immer dann anfällt, wenn ein Nutzer ein Produkt direkt über die App kauft. Immerhin sieben Prozent beispielsweise betrage die Provision bei Büchern, sagt Benjamin Thym. Bei anderen Artikeln, zum Beispiel Elektronik, liegt die Courtage darunter.

Werbemarkt wächst

"Der mobile Werbemarkt ist derzeit noch klein, er wird aber – nach positiven Prognosen – bis zum Jahr 2022 sehr stark wachsen und insgesamt einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro machen", sagt der Geschäftsführer. "Unser Ziel ist es, der größte Publisher Deutschlands zu werden", so Benjamin Thym.

Um das zu erreichen, sollen künftig noch weitere Funktionen hinzukommen. "Zum Beispiel: Stellen Sie sich ein Abendessen vor, serviert wird Fisch – warum soll mir die App nicht auch anzeigen, welcher Wein besonders gut dazu passt?", fragt Thym. Für die Firma gibt es nach Meinung des Unternehmers ganz klar nur eine Richtung: "Wenn wir unseren Marktanteil weiter so behaupten, dann gehört uns bald halb Kreuzberg."

Auf dem direkten Erfolgskurs war das Unternehmen nicht von Anfang an. Im Jahr 2007 hatte Benjamin Thym mit drei Freunden das Start-up in Berlin gegründet, das zunächst im "Homeoffice" am Boxhagener Platz untergebracht war. Die vier Männer hatten sich zuvor oft über die diversen Öko- und Biosiegel, die jeder Supermarkt in Eigenregie zu vergeben schien, gestritten – und entdeckten die Möglichkeiten des Preis- und Produktvergleichs im Internet.

Barcoo wurde zunächst durch ein Gründerstipendium der EU finanziert, bis sich drei Investoren fanden. "Es geht voran, alles läuft weiterhin cool", sagt Benjamin Thym. In einem Monat bezieht das Start-up ein neues Büro. Mit doppelt so großer Fläche.

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