13.02.13

Simples Konzept

Vier Berliner wollen den Sprachkurs neu erfinden

Vor sechs Jahren stellte "babbel.com" den ersten Sprachkurs online. Heute werden damit Millionen umgesetzt. Die Technologie ist einfach.

Von Max Boenke
Foto: Glanze

Erfolgsmodell: „babbel.com“-Geschäftsführer Markus Witte
Erfolgsmodell: "babbel.com"-Geschäftsführer Markus Witte

Es ist deprimierend. Dinge, die einem daheim leicht fallen, gelingen im Urlaub meist nur mit dämlichen, sich ständig wiederholenden Handbewegungen und Wortfetzen, die man meist nicht einmal buchstabieren kann. Eine Flasche Wein bestellen, sich über das Hotelzimmer beschweren oder am Straßenrand fragen, wo der nächste Strand ist?

Auf Italienisch gar nicht so einfach. Und jedes Mal ist es nach einem Urlaub dasselbe. "Jetzt lerne ich aber mal ein paar Worte…", heißt es dann großspurig. Italienisch, Französisch, Schwedisch, Türkisch. Fehlanzeige.

Denn Ausreden gibt es immer. Wer eine neue Sprache lernen will, wird die anfängliche Motivation und den neuen Wissensdurst nur allzu leicht überwinden. Schließlich kostet der persönliche Spanisch-Sprachlehrer so viel wie ein ganzer Mallorca-Urlaub.

Nebenbei ein bischen Spanisch lernen

Die 15-teilige CD-Sammlung des Italienisch-Kurses samt Vokabelwälzer landet nach zwei Wochen doch wieder im Schrank. Und sich montagabends in den Volkshochschulkurs für Französisch zu setzen, ist so wahrscheinlich wie sonntagmorgens joggen zu gehen.

"Eine Sprache zu lernen ist in erster Linie eine Frage der Motivation", sagt Markus Witte. Der 42-Jährige ist Mitgründer und Geschäftsführer von "babbel.com", einem Sprachlernsystem mit weltweit zehn Millionen Usern. Vor etwa sieben Jahren arbeitete Witte noch bei Native Instruments, einem Hersteller für Musiksoftware. Sein Kollege Lorenz Heine, der Native Instruments 1996 gründete, wollte nebenbei ein bisschen Spanisch lernen und fragte Witte nach einem Lern-Tipp.

Unglaublich veraltete Technologie im Sprachlernbereich

"Er hatte im Internet nach einem Sprachenprogramm gesucht und selbstverständlich damit gerechnet, dort fündig zu werden", erzählt Witte. Nach einer Weile kam Lorenz Heine mit einer CD-Rom zu seinem Kollegen. "Das ist das Beste, was ich gefunden habe", habe er gesagt.

Die beiden konnten nicht glauben, wie veraltet die Technologie im Bereich Sprachenlernen war. "Das Problem war nicht die Didaktik, sondern das Produkt", erzählt Witte. Der Kontrast zum Musikbusiness, "wo so viel Liebe beim Entwickeln einfließt", war für Heine und Witte schier unfassbar. Technisch zu komplex, langweilig, einfach lieblos. So das Fazit der beiden.

Beweisen, dass es besser geht

Neben seinem eigenen Job bastelte Witte mit seinen Kollegen, mittlerweile waren sie zu viert, an einem Prototyp für einen Spanischkurs. Sie wollten beweisen, dass es auch besser geht. Im März 2007 war der Kurs fertig programmiert. Sie engagierten kurzerhand eine Fremdsprachendidaktikerin sowie eine Übersetzerin und feilten an vier weiteren Sprachen.

Im Januar 2008 ging "babbel.com" online. Da war schon längst klar, dass die vier Gründer Markus Witte, Lorenz Heine, Toine Diepstraten und Thomas Holl das Projekt hauptberuflich angehen wollten. "Wir dachten uns, das ist ein Produkt, das jeder braucht – wie Zahnseide", sagt Witte.

Der Schlüssel zum Erfolg ist für Witte die Motivation. Und um diese aufrecht zu erhalten, macht "babbel.com" es dem Lernwilligen einfach. Geht man auf die Website oder auf die mobile App für Smartphone und Tablet von "babbel.com", braucht es lediglich zwei Klicks, um die ersten fremdsprachlichen Worte zu lernen. "Die Schwelle online zu gehen, liegt bei null, absolut null", sagt Witte stolz.

Keine Installation, keine Werbung - nur eine Entscheidung

Er meint: Auch für Menschen, die nicht so vertraut mit dem Internet sind, ist die Hürde nicht besonders hoch, denn es ist keine Installation nötig, es nerven keine Werbebanner und man kann sich praktisch nicht verirren auf "babbel.com". Man muss sich lediglich entscheiden, welche der elf Sprachen, die angeboten werden, man lernen möchte und ob man "Anfänger" oder "Fortgeschrittener" ist.

Mit jeweils einem Mausklick nehmen diese Entscheidungen keine fünf Sekunden in Anspruch. Man bräuchte länger, das Wort "Entscheidung" im Wörterbuch nachzuschlagen.

Der Vorteil von "babbel.com": Man kann lernen, wann und wo immer man will. Der Nachteil: Man kann es auch einfach sein lassen. Wann und wo immer man will.

Günstiger und zeitsparender als die klassische Sprachenschule

Bei "babbel.com" gibt es kein schlechtes Gewissen, keine Tests, keine Verpflichtung. Für Markus Witte ist das ein fairer Deal: "Der Aufwand, eine Sprache zu lernen, ist bei 'babbel' nicht sonderlich hoch – klar, dafür ist die Lernkurve auch nicht so ausgeprägt."

Ein Kurs in einer Sprachschule sei sicherlich "eine gute Art, eine Sprache zu lernen", sagt Markus Witte. Wer das nötige Geld und die Zeit dafür habe, sei dort gut aufgehoben. "Babbel.com" sei aber die günstigere und zeitsparendere Alternative. Kostenlos ist es aber nicht. Nicht mehr.

Ende 2009 entschied man sich bei "babbel.com", das Freemium-Modell über Bord zu werfen und die Website von Werbung zu befreien. "Unsere Kunden sind die Lerner, nicht die Werbetreibenden", hieß es damals. Konsequent. Und ziemlich mutig. Denn bis dato konnten rund 500.000 registrierte User die Lernprogramme teilweise kostenlos in Anspruch nehmen.

500.000 Anmeldungen monatlich

Die "Lerner" sprangen nicht ab – im Gegenteil, sie kamen in Scharen hinzu. Was vielleicht auch an der besonderen Zielgruppe von "babbel.com" liegt. "Unsere User sind 'Young Professionals, aber vor allem viele ältere Leute", erzählt Witte.

Durch die einfache Nutzung sei man auf alle Altersgruppen eingestellt. "Im Bridge-Club gibt es nichts Cooleres als zu erzählen, dass man im Internet eine Sprache lernt. Das ist ein Statussymbol unter älteren Leuten", sagt Witte.

Heute verzeichnet "babbel.com" 500.000 Neuanmeldungen pro Monat. In interaktiven Übungen lernen die User – auf ihr Niveau abgestimmt – Aussprache, Grammatik und Hörverständnis. Über ein Headset kann man Gehörtes nachsprechen und wer will, kann von unterwegs auf seinem Smartphone Vokabeln pauken.

Maximales Wachstum wichtiger als hoher Gewinn

Wer sich für ein halbes Jahr registriert, zahlt monatlich 5,55 Euro. Möchte man nur einen Monat lang lernen, kostet es 9,95 Euro. Finanziell lohnt sich das Geschäft offenbar. In diesem Jahr erwartet Witte einen Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro. Wie hoch der Gewinn sein wird, will er nicht sagen. Nur so viel: "Es geht uns im Moment um maximales Wachstum, nicht darum, etwas einzufahren."

Jegliche Gewinne fließen laut Witte zurück in die Firma. Dass es gut läuft für "babbel.com", wird im Frühjahr spürbar werden, denn dann wird das Unternehmen mit 65 Mitarbeitern in ein neues, 1000 Quadratmeter großes Büro im Bergmannkiez umziehen.

Alle Artikel der Serie finden Sie unter: www.morgenpost.de/start-up

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