07.02.13

Berliner Start-Ups

"Die IHK muss noch mehr auf die Szene zugehen"

Die Industrie- und Handelskammer ist bislang vor allem Partner klassischer Branchen. Die jungen Start-ups nehmen sie tatsächlich kaum wahr.

Foto: Amin Akhtar

Startups wie die Berliner „Moped Labs“ sind keine klassischen Konzerne mit altbekannten Strukturen und Bedürfnissen. Als unkonventionelle, flexible und schnell agierende Kleinstunternehmen brauchen sie eine andere Betreuung durch die IHK
Startups wie die Berliner "Moped Labs" sind keine klassischen Konzerne mit altbekannten Strukturen und Bedürfnissen. Als unkonventionelle, flexible und schnell agierende Kleinstunternehmen brauchen sie eine andere Betreuung durch die IHK

Das Phänomen Berliner Gründerszene hat viele überrascht – auch Wirtschaftsvereinigungen wie die Industrie- und Handelskammer (IHK). Der Unternehmer Daniel-Jan Girl, Inhaber einer Multimedia-Agentur kümmert sich bei der IHK um das Thema Start-ups. Mit ihm und IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder sprach Hans Evert.

Berliner Morgenpost: Alle Welt redet über die Berliner Start-up-Szene. Firmen und Arbeitsplätze entstehen. Dennoch scheint die IHK das Thema verschlafen zu haben. Warum?

Jan Eder: Wie kommen Sie darauf? Jeder von uns weiß doch, dass sich Wirtschaft zunächst entwickelt. Wirtschaftsverbände wie die IHK arbeiten am Rahmen mit und leisten praktische Hilfe. Wir können – und wollen auch gar nicht – vorgeben, in welche Richtung sich Märkte entwickeln. Darum kümmern sich richtigerweise schon die Unternehmen selbst. Und unter guten Bedingungen entsteht Neues, wie jetzt die Berliner Gründerszene.

Ihr Gestaltungsanspruch geht schon weiter. Zusammen mit dem Senat haben Sie Masterpläne und Förderstrategien ersonnen. Die Start-up-Szene ist ohne diese "Betreuung" entstanden.

Eder: Diese besondere Förderung, unsere Clusterstrategie etwa für die Gesundheitswirtschaft, wurde immer erst dann akut, wenn Branchen eine relevante Größe erreicht hatten und Wertschöpfungsketten existieren. Am Reißbrett kann man keine Wirtschaftsbereiche konstruieren!Daniel-Jan Girl: Es wäre verkehrt gewesen, einfach ein Thema zu setzen, das noch keine Substanz, sprich: keine relevanten Firmen hat. Ich glaube aber schon, die Internet-Szene blüht unter anderem auch deswegen so, weil die IHK beim Senat auf Branchenstrategien gedrungen hat.

Sie meinen, die IHK kann sich den Aufschwung der Gründerszene gutschreiben? Das geht wohl ein bisschen weit.

Eder: Natürlich kann sich nur einer den Aufschwung gutschreiben: die Gründer selbst! Aber das, was wir gerade erleben, ist eben auch passiert, weil die Stadt und die Wirtschaft Berlins sich insgesamt positiv entwickelt haben. Daran haben viele mitgewirkt – auch die IHK, die im Übrigen kein Branchenverband ist, sondern für alle Unternehmen der Stadt arbeitet.

Hört man sich bei Start-ups um, nehmen die meisten die IHK schlicht nicht wahr.

Eder: Das mag für viele zutreffen. Aber es gibt eben auch eine ganze Reihe, die unsere Beratungen in Anspruch genommen haben, zu Umwelt-, Rechts- oder Personalproblemen. Start-ups profitieren wie alle anderen Mitglieder von unserer wirtschaftspolitischen Arbeit – beispielsweise dem Verhindern einer Erhöhung der Gewerbesteuer, unseren Plattformen und unseren Hilfestellungen.

Wenn junge Israelis, Amerikaner oder Schweden hier ein Unternehmen gründen, tun sie das ja nicht wegen der IHK.

Eder: Nein, natürlich nicht. Aber sie profitieren von den gesamten Rahmenbedingungen.Girl: Hier wird ja gern über Bürokratie, die Verwaltung und das Kammerwesen geschimpft. Wir sollten uns mal fragen: Ist es da nicht erstaunlich, dass trotzdem so viele hierher kommen? Es kann ja nicht alles so schrecklich und so falsch sein.Eder: Und ich möchte einmal daran erinnern: Als wir in Berlin die ersten drei Cluster definiert haben, hieß eines Kreativwirtschaft/Informationstechnologie (IT). Das war 2004.

Damals verstand man unter Kreativwirtschaft vor allem Film, Fernsehen und Kultur.

Eder: Das stimmt, doch IT war mit dabei. Und das Thema ist ja erst in den vergangenen drei bis vier Jahren so richtig virulent geworden. Der Senat sollte sich jetzt schon überlegen, wie er mit dieser schnell gewachsenen Branche umgehen will. Alle, die Wirtschaftspolitik gestalten – auch wir – stehen vor dieser Frage.

Vielleicht sollten Sie sich besser alle zurückhalten. Bislang ist es doch auch so ganz gut gelaufen.

Eder: Auf den Gedanken könnte man kommen. Nur glaube ich, dass die Start-up-Branche mittlerweile Ansprüche hat. Wenn sich ein junger Wirtschaftszweig etabliert, tauchen fast immer dieselben Fragen auf: Flächen, Kapital für Wachstum, Fachkräfte und Ausbildung. Dann können wir schon helfen.

Herr Girl, Sie sind selber Unternehmer. Hat die Start-up-Branche Erwartungen an die IHK oder die Politik?

Girl: Die IHK muss sicherlich noch mehr auf die Szene zugehen. Umgekehrt möchte ich vielen Unternehmern zurufen: Ihr müsst Euch mehr informieren. Die IHK ist ein aktiver Partner, wenn man auf sie zugeht. Es ist ein Geben und Nehmen, das von beiden Seiten sicherlich ausbaufähig ist.Eder: Die IHK kann Rahmenbedingungen mitgestalten, Beraten und eine Plattform bieten. Wir haben beispielsweise einen Arbeitskreis Junge Unternehmer. Und auf unserem Neujahrsempfang hatten wir einen eigenen Stand für Start-ups.

Das klingt nach der Kinderecke beim Familientreffen.

Eder: Sie können von mir aus gern darüber spotten. Aber: Es war das erste Mal überhaupt, dass eine Branche auf unserem Neujahrsempfang so hervorgehoben wurde.Girl: Symbole sind wichtig. Ist die Start-up-Szene willkommen? Kümmert sich der Regierende Bürgermeister persönlich? Da geht es um öffentliche Wertschätzung und darum, ob man ernst genommen wird.

Wowereit hat das Thema seit ein paar Monaten entdeckt. Mit seiner Art kommt er ja gut an bei Start-up-Unternehmen.

Eder: Das stimmt, locker repräsentieren, das kann er.Girl: So etwas wollen Start-up-Unternehmer. Wir mögen das, wenn einer wie Wowereit das Gespräch sucht und für Öffentlichkeit sorgt. Wir brauchen ihn als treibende Kraft.Eder: In seinen späten Regierungsjahren scheint er sein Herz für die Wirtschaft zu entdecken. Das erfüllt uns mit Freude.

Muss die Wirtschaftspolitik nicht grundsätzlich überdacht werden? Das Prestigeprojekt der Berliner Wirtschaftspolitik, der Technologiepark Adlershof, hat 15.000 Arbeitsplätze. Dafür flossen weit mehr als eine Milliarde Euro an öffentlichen Mitteln. In der IT-Branche entstanden seit 2008 rund 12.000 neue Jobs – ohne dass es eine vergleichbare Förderung gab. Brauchen wir Großprojekte à la Adlershof und irgendwann einmal Tegel?

Eder: Für mich ist das kein Widerspruch. Wir brauchen natürlich Unternehmer, die gründen und einfach machen. Aber wir brauchen auch Orte wie Adlershof. Vielleicht nicht für Internet-Start-ups, aber für andere, technologieintensive Branchen. Dort brauchen wir die enge, räumliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft als Keimzelle für neue Unternehmen.

Mittlerweile hat der Senat die Ideenmaschine angeworfen. Die Messe Berlin soll eine Start-up-Schau veranstalten. Die Förderbank IBB soll mehr Geld direkt in junge Unternehmen stecken. Ist das sinnvoll?

Girl: Gezielte finanzielle Unterstützung kann helfen, keine Frage. Aber die Geschäftsmodelle sind äußerst unterschiedlich, und das Tempo der Innovationen ist hoch. Es ist immer wieder eine große Herausforderung für eine Institution wie die IBB, die Angebote auf die Bedürfnisse der Unternehmen zuzuschneiden.

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