06.02.13

Gründerszene

Der Retter des verlorenen Musikfernsehens

Conrad Fritzsch, Gründer von tape.tv, kommt nicht aus der Musikindustrie. Das ist von Vorteil. Denn er hat nichts zu verteidigen.

Von Frédéric Schwilden
Foto: Glanze

2008 hatte Tape.Tv noch acht Mitarbeiter. Inzwischen arbeiten in der Firma von Conrad Fritsch in Pankow 70 Angestellte
2008 hatte Tape.Tv noch acht Mitarbeiter. Inzwischen arbeiten in der Firma von Conrad Fritsch in Pankow 70 Angestellte

Der Erfinder des digitalen Musikfernsehens bietet einem zu Beginn des Gesprächs als Getränk ein Mineralwasser aus der hässlichsten Flasche der Welt an. Die gebe es gegenüber in einem Supermarkt. Natürlich ist diese Offerte nur ein Türöffner.

Conrad Fritzsch, Gründer von tape.tv, war früher mal Werber mit eigener Agentur. Werber, die können extrem gut Türen aufmachen. Und anhand dieser Flasche, sie ist übrigens wirklich hässlich, so eine verkümmerte Pet-Flasche, erklärt er direkt, worauf es bei Werbung ankommt: Dinge auf einen Vorteil reduzieren. Wir haben also eine hässliche Flasche, dann verkaufen wir das als Feature und nicht als Malus. Schon steht Fritzsch drin mit einem Fuß, der übrigens in einem bunten Sneaker steckt, und so schnell loswerden kann man ihn nicht.

Dabei hat man ihn auch wirklich gern als Gesprächspartner. Weil das mal nicht so ein Schlaffi ist, der vor einem im Stuhl hängt. Seine Augen gehen auf beim Sprechen und Fritzsch benutzt seine Hände beim Reden. Obwohl er jetzt nicht der Allersportlichste ist, meint man, dass sein ganzer Körper pure Energie ist. Im Internet gibt es Videos von Reden von ihm, die er auf so Technik- und Innovativ-Treffen gehalten hat, vor sehr viel Fachpublikum. Und da sieht man dann, was damit gemeint ist. Er hüpft da rum wie ein Elektron.

In Pankow residiert Fritzsch in dem ehemaligen Gebäude der australischen Botschaft in der DDR. Zu DDR-Zeiten und danach sah das für die Anwohner bestimmt furchtbar aus. Dieser große Klotz mit diesen Treppen bei denen Kieselsteine in Beton gedrückt werden. Aber heute fühlen die jungen Kreativen beim Betreten des Gebäudes eher so einen Charme. Eine Mischung aus Abenteuer und Ironie.

Digital, personalisiert, international

Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Stephanie Renner gründet der 1969 Ost-Berlin geborene im Juli 2008 das Unternehmen Tape.Tv. Fritzsch hatte die Werbung satt. Es gebe da diesen Film, "39,90", meint er, und da könne man schon ganz gut die frustrierte Welt eines Werbers sehen. In dem Film springt der Werber dem Kunden mit einer blutigen Nase auf den Tisch. Und ein Satz lautet "Sie glauben, ich verschönere die Welt? Nein, ich mache sie kaputt." Grund genug also etwas Neues zu machen.

Renner kennt Fritzsch noch aus seiner Agentur. Sie setzen sich also 2007 an einen Tisch mit einem Blatt Papier. Sie fragen sich, was heute funktioniert. Digital, personalisiert und international soll das Produkt sein. Renner hat Kulturmanagement studiert, hat in den Neunzigern in Freiburg Hip-Hop-Konzerte organisiert. Fritzsch hat in Potsdam Regie studiert. Also klatschen sie die Musik, die Kommunikation und das visuelle Geschichtenerzählen zusammen und Tape.Tv. entsteht.

Musik sucht sich ihre Konsumenten

Das Prinzip von Tape.tv ist relativ einfach erklärt: Der Konsument soll seine Musik nicht suchen, sondern sie soll ihn finden. Man meldet sich also auf der Homepage www.tape.tv an. Dann kommt da eine Maske in der man seinen Inhalt selber bestimmen kann. Es gibt Wiedergabelisten für die Stimmungen wie ängstlich, entspannt oder aufgedreht. Der Benutzer kann auf genrespezifische Listen wie Indie, HipHop oder Eletronic zugreifen. Er bekommt dann ein auf ihn zugeschnittenes Musikfernsehen zu jeder Zeit an jedem Ort.

Einst war das Musikfernsehen noch an das terrestrische Signal und an die Uhrzeit gebunden. Alternative-Rock lief nur nachts, der Mainstream-Pop tagsüber. So mussten sich Konsumenten nach dem Medium richten und nicht das Medium nach dem Konsumenten. "Tape.Tv ist mein Hub zur Musik. Je nachdem wie Du gestrickt bist, bekommst Du ein anderes Produkt", das kommt an und zeigt, dass MTV und Viva einfach nicht mehr zeitgemäß war. Und da sah Fritzsch die Lücke: "Musikfernsehen hatte noch keine Adaption im digitalen Zeitalter gefunden."

An der weißen Wand in Fritzsch' Büro hängt eine aus Obstkistenbruchstücken gefertigte Gitarre des Künstlers Raul Walch. Der Künstler hat aus dem Holzabfall Träume von Leuten nachgebaut. Es gibt auch einen 911er Porsche aus Obstkisten. Jedenfalls passt das gut zu Fritzsch weil der auch der träumt und die Sachen dann einfach wahr werden lässt.

Drei Millionen Nutzer

2008 hat Tape.Tv 8 Mitarbeiter und etwa 100.000 Nutzer. Schon damals hat Fritzsch die Vision 2014 100 Angestellte zu haben. Inzwischen ist das Unternehmen auf 70 Angestellte gewachsen. Drei Millionen Menschen nutzen Tape.Tv. Achtzig Prozent der Leute sind zwischen 14 und 40 Jahren bei einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis und die bleiben durchschnittlich 25 Minuten auf seiner Homepage.

Es ist eigentlich absurd, dass einer, der von Musik wenig Ahnung hat, vielleicht sogar einen Teil zum Erhalt der Musikindustrie beiträgt. Die Plattenlabels agieren in alten Strukturen. "Die kommen nicht aus ihrem eigenen Saft heraus", erklärt Fritzsch. "Anstatt einen eigenen Musiksender zu starten, verteidigen sie ihre alte Burg." Als Werber weiß er, wie man kommuniziert und als Absolvent des Regie-Studiums ist Fritzsch fähig, Geschichten zu erzählen.

So verwundert die Erklärung des kleinen Mannes mit der Brille nicht, warum die großen Plattenfirmen mit ihm zusammenarbeiten. "Die Labels haben uns den Vertrag gegeben, weil Tape.Tv den Leuten erklärt, was gute Musik ist." "Social Curating" heißt diese Phänomen. Von Freunden bekommt man ja auch Empfehlungen für Musik. Und bildlich gesprochen, das ist so ein Werbersatz von Fritzsch, soll Tape.Tv eben eine Art Freund werden, der einem eben sagt: Wenn Dir Cro gefällt, magst Du doch auch bestimmt Materia.

Formate erinnern an Viva2-Zeiten

Durch Musiksendungen wie "Ontape", "6 Kurze 6 Fragen" oder "Auf den Dächern" wird Werbung zur Unterhaltung. Letztendlich war das frühere Musikfernsehen ja Werbung und Produkt in einem. Die Künstler warben mit ihrem Musikvideo für ihre Musik. Die redaktionell produzierten Inhalte, sind etwa so, wie aus den guten Viva2-Zeiten.

Da unterhalten sich Künstler über Musik. Sie spielen Live-Konzerte auf einem Berliner Dach. Oder bei sechs Schnäpsen beantworten Typen wie Eddie Argos von Art Brut oder Moses Pelham Fragen wie "Wenn Du einen Dichter wiederbeleben dürftest, um auf Deinem Album mitzumachen, wer wäre das?" Dazu wird geraucht, getrunken und Moderator und Gast haben einen Heidenspaß und der Zuschauer merkt das. Dazu können für viele dieser Sendungen Tickets gewonnen werden. Die Gewinner kriegen dann Bier und und ihren Lieblingskünstler in Wohnzimmeratmosphäre. Das stärkt natürlich auch die Nutzerbindung.

Mit Tape.Tv hat Conrad Fritzsch das antiquierte Format Musikfernsehen in die digitale Zeit gerettet. In den nächsten Jahren wird der Erfolg des personalisierten Senders von seiner Expansion abhängen. Der Audiostreamdienst "Spotify" verfügt schon über 15 Millionen Nutzer weltweit. Und da muss man wohl oder übel hin, wenn man am Markt bestehen will. Digital, personalisiert und international.

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