04.02.13

Gründerszene

"hub:raum" - der Geburtshelfer der Berliner Start-ups

Der Kreuzberger "hub:raum" ist ein so genannter Accelerator. Hier lernen Gründer in Crashkursen den Aufbau einer Internet-Firma.

Foto: Jürgen Stüber

Zehn-Minuten-Takt: Gründer und Investoren bei den Präsentationen im „hub:raum“
Zehn-Minuten-Takt: Gründer und Investoren bei den Präsentationen im "hub:raum"

Im vierten Stock des Betahauses in Berlin-Kreuzberg steht die Luft. 150 Zuhörer verfolgen die Präsentationen der Start-ups, die sich im Zehn-Minuten-Takt das Mikrofon weiterreichen. Im Publikum sitzen die Szene und zahlreiche Investoren, die Ausschau nach erfolgsversprechenden Unternehmen halten.

Insgesamt stellen sich 15 Start-ups vor. "Toywheel" etwa zeigt seine Plattform für Eltern, die sich über Spiele, Spielzeug und Aktivitäten für Kinder austauschen wollen. Beate Wedekinds "The New" will als Kommunikationsplattform eine Brücke zwischen Afrika und Europa schlagen – auf Talente und Produkte hinweisen.

Viele Projekte zielen auf einen praktischen Nutzen in der realen Welt: "Solarbrush" zum Beispiel, Preisträger beim Start-up-Wettbewerb der "hy! Berlin". Gründer Ridha Azais zeigt einen Putz-Roboter, der Photovoltaik-Anlagen staubfrei und leistungsfähig erhält. Der "Maschinendirigent" von Miro Wilms und Benedikt Voigt soll Landwirte unter anderem beim Flottenmanagement unterstützen.

"Capsule.FM" ist eine App, die Nachrichten hörbar macht. Und "Master & Slave" ist eine Art Anti-App. Die mobile Plattform ist ein Schutzraum für überlastete Internetnutzer. Sie blendet unwichtige Nachrichten aus und schafft damit einen Platz der Ruhe, in dem sich Kreativität entfalten kann.

Erfolgsversprechende Ideen

Nicht jedes Start-up wird den Weg bis zur Marktreife schaffen. "Wir wollen ein interessantes Feld von tollen Leuten bieten. Das ist gut für die Dynamik und die Gründer lernen viel voneinander", sagt Peter Borchers, der Leiter von hub:raum. Das ist die Start-up-Schmiede der Deutschen Telekom. Bei ihm klopfen Gründer an, wenn sie Hilfe und Geld brauchen. Und seine Aufgabe ist es, die erfolgsversprechende Ideen herauszufiltern und anzuschieben.

Er kennt die Start-up-Szene aus eigener Erfahrung. In den 90er-Jahren gründete er die die Internet-Plattform "everseven", eine Freiberuflervermittlung, die nach dem Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 scheiterte. Seitdem berät der Betriebswirtschaftler Gründer und Unternehmen. Später rief er das Enterpreneur-Programm der Telekom ins Leben, die Alpha-Version des im Mai 2012 gegründeten Accelerator-Programms hub:raum.

US-Investor kauft Neuköllner Firma

"Wir hatten kein Team, kein Geld und keine Leute", erinnert sich Borchers. Doch bald schon konnte Borchers mit "wahwah.fm" ein erstes erfolgreiches Start-up vorweisen. Nutzer dieser Musik-App können Songs teilen und die Lieblingstitel ihrer Freunde hören. "wahwah.fm" war so erfolgreich, dass das Neuköllner Start-up im Herbst vergangenen Jahres vom US-Unternehmen Senzari gekauft wurde.

Heute unterstützt die Telekom Start-ups mit zwei Angeboten: Das Accelerator-Programm gibt jungen Gründungen erste Hilfe. Das Inkubator-Programm, eine Art Brutkasten, hilft Start-ups, die schon mehr Erfahrung gemacht haben. Hier können Gründer eine Anschubfinanzierung von bis zu 300.000 Euro erhalten. Außerdem gibt es für sechs bis zwölf Monate Beratung durch Mentoren und Büroräume sowie Zugang in die Netzwerke des Telekommunikationskonzerns.

Im Accelerator lernen die Start-ups die Grundlagen der Unternehmensgründung. Sie werden acht Wochen lang trainiert: in Finanzierung, Design, PR und vor allem für die Entwicklung von Geschäftsmodellen. Das Programm schließt mit dem "Demo Day" ab, bei dem die Start-ups Investoren ihre Ideen präsentieren.

Digitale Klassenzimmer

"Scolibri" war eines der Start-ups, die beim "Demo Day" auf der Bühne des Kreuzberger Betahauses standen und ihre Idee präsentierten. Oliver Wilken, Tobias Hönig und Lukas Wandzioch entwickeln eine App für die Schule. Lehrer und Schüler sollen im digitalen Klassenzimmer zusammenkommen wie in einem sozialen Netzwerk. Lehrer stellen zum Beispiel Hausaufgaben, die von den Schülern auf der Plattform gelöst werden.

Das Team arbeitet bereits seit eineinhalb Jahren an dem Projekt. Im April soll es eine erste geschlossene Beta-Version der Plattform geben, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Systematische Didaktik der Berliner Humboldt-Universität entstand, wie Tobias Hönig erläutert. Die Plattform wurde beim Start-up-Wettbewerb "TheEuropas" kürzlich in Berlin als beste pädagogische App ausgezeichnet.

Eine Stufe weiter, im Inkubator-Programm, ist das Start-up "Blinkist". Das ist eine App für Leute, die keine Zeit zum Bücher lesen haben, aber mitreden wollen. Sie erschien vor wenigen Tagen im Apple App-Store. Die Gründer wollen das "Subcompact Publishing" zum Trend machen: Der Inhalt eines Buches wird dabei zu wenigen Kernbotschaften destilliert, die in Häppchen ("Blinks") serviert werden. Das ist gut für Leute, die einen 200-Seiten-Wälzer in 20 Minuten erfassen wollen.

Werke aus den Bereichen Karriere, Populärwissenschaften, Politik und Zeitgeschehen werden in jeweils zehn Blinks auf den Punkt gebracht. Zum rund 50 Titel umfassenden Start-Angebot gehören die Bestseller "Tiere Essen" von Jonathan Safran Foer oder "Lean Startup" von Eric Ries. Drei Bücher, die auf Blinks reduziert wurden, gibt es gratis. Alle weiteren kosten jeweils 1,79 Euro.

Von Berlin nach Osteuropa

Mehrere hundert Unternehmensgründer haben sich seit dem Start von hub:raum um Aufnahme ins Inkubator-Programm beworben. Doch bislang überzeugte nur "Blinkist". Insgesamt sei geplant, pro Jahr 10 bis 15 Start-ups aufzunehmen, sagt Borchers. Er lobt die Kreativkraft der Stadt, die sich in den international anerkannten Designs der hiesigen Start-ups zeigt. Der Zuzug von Menschen aus verschiedensten Ländern sei "ein Jungbrunnen für die Berliner Szene", sagt der hub:raum-Chef.

Als nächstes steht für sein Unternehmen Krakau auf dem Programm. Die weniger als 600 Kilometer von Berlin entfernte polnische Universitätsstadt entwickelt sich zu einem angesagten Start-up-Zentrum. "Wir sehen dort große Chancen für unser Unternehmen, es gibt wenig Infrastruktur und tolle Leute", sagt Borchers. Das nächste Berliner Accelerator-Programm soll im Herbst starten.

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