23.01.13

Start-ups Berlin

Wowereits Ausflug in die Welt der Wunder

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit besucht Start-ups – und gönnt sich damit auch eine Auszeit von der Flughafen-Tristesse.

Von Hans Evert
Foto: dpa

Spielhalle Klaus Wowereit und Gründer Jens Begemann beim Online-Game-Portal Wooga
Spielhalle Klaus Wowereit und Gründer Jens Begemann beim Online-Game-Portal Wooga

Äußerlich passt er da gut rein. Sein lässiges Schlendern im dunklen Anzug, darunter das Hemd kragenoffen und ohne Krawatte. Die Altvorderen der Start-up-Szene, jene, die schon Geld gemacht haben, rennen häufiger so rum wie Klaus Wowereit an diesem Vormittag. Start-ups will er besuchen, insgesamt vier dieser Wunderfirmen, deren Ruf aus Berlin heraus weit in die Welt schallt. Um seinen Hals hat er einen Schal gewickelt. Lila ist der, auch ein bisschen schwarz und mit ein Spruch versehen: "Am schönsten sind Erinnerungen, die man noch vor sich hat". Das soll Jeanne Moreau gesagt haben, und es passt gut zu allem möglichen. Zum Beispiel, wenn man im Bus durch seine Stadt fährt, um aufstrebende Unternehmer zu treffen. In 20 Jahren ist so ein Start-up vielleicht ein großer Konzern. Da kann man sich heute auf die Erinnerung freuen.

"Ich bin Klaus Wowereit"

An diesem Wintertag freuen sich an den vier Etappenorten alle, dass Reiseleiter Klaus mit seinem Bus vorbeikommt. In der Grünberger Straße in Friedrichshain frieren die Gründer von Sofatutor, Stefan Bayer und Colin Schlüter, Wowereits Ankunft im Freien entgegen. Hoch geht es dann, in den fünften Stock, wo junge Menschen im Großraumloft sitzen. Sofatutor bietet Nachhilfe über das Internet an. Tausende Animationsfilmchen erklären Dreisatz oder französische Grammatik. Für das Monatsabo kann man auch mit Nachhilfelehrern chatten. Bayer, der junge Chef, versteht was von Marketing. Wowereit soll mit ihm einen Text für ein Sachkunde-Video besprechen. 4. Klasse, Thema: die Bundeshauptstadt und ihre Geschichte. "Ich bin Klaus Wowereit und Berlin ist die Stadt, in der ich geboren bin", fängt Wowereit an. Die gute Laune der 74 Mitarbeiter steigt da gleich noch ein bisschen weiter.

Parallelwelt, in der alles gelingt

Klaus Wowereit kommt einfach gut an. Da können sie ihn wegen des Flughafens noch so nieder machen. Da mag im RTL-Dschungelcamp ein dubioser Transvestit komische Sachen über ihn verbreiten. So eine Tour mit vielen Berichterstattern im Schlepptau hätte er schon früher machen sollen. Es ist das reinste Image-Labsal, diese Firmen, mit ihren jungen, lässig gekleideten Menschen aus aller Herren Länder. In Wowereits Stadt geschieht gerade nicht weniger als ein kleines Wirtschaftswunder. Nur kann er das gar nicht richtig genießen. Das wird alles von der Flughafen-Verspätung überstrahlt. Somit gleicht Wowereits Tour am Mittwoch mehr einer Alltagsflucht in eine Parallelwelt, in der alles gelingt.

Berlins Start-up-Szene ist ein Geschenk für Wowereit in diesen Monaten der Flughafen-Tristesse. Nahezu unbemerkt ist die Gründerszene in den vergangenen zwei, drei Jahren gereift. Plötzlich reiben sich alle die Augen und staunen, wie groß zum Beispiel der Modeversender Zalando tatsächlich ist. Welche Aufmerksamkeit Unternehmen wie Soundcloud weltweit genießen. Investoren und junge Menschen mit Ideen strömen nach Berlin, in seine, in Wowereits Stadt.

Alte Wirtschaft und Gründer leben nebeneinander her

Es gebe da verschiedene Welten, sagt Wowereit während der Busfahrt. Die alt eingesessene Welt der Berliner Wirtschaft und die junge, internationale Gründerszene. "Zwischen beiden funktioniert die Sprache nicht, man lebt nebeneinander her", doziert Wowereit. Ein Glücksfall für ihn. Übersetzt heißt das nicht anderes als: Ihr Wirtschaftsverbände, IHK und Co., die ihr mich so gern kritisiert, habt das alles nicht so richtig mitbekommen.

Die erste Station von Wowereits Ausfahrt ins Wirtschaftswunderland liegt in einer Gewerbe-Etage an der Schlesischen Straße in Kreuzberg. Darin steht ein langer schwarzer Tisch mit langen schwarzen Bänken. Auf dem Tisch liegen zwei goldene Schuhe und an diesem Tisch nimmt Wowereit Platz. Es treten auf: Alex Farcet, Franzose. Nam Chu Hoai, Berliner. Arianna Bassoli, Italienerin und Oliver Luksch, Österreicher. Farcet ist der Chef hier, der Mitbegründer von Startup Bootcamp. Das ist ein Brutkasten, wo Jungunternehmer ihre Ideen ausbrüten sollen. Erfahrene Unternehmer geben Tipps und helfen, wie Farcet erzählt, bei der Suche nach Investoren.

"Habt Ihr einen Betriebsrat?"

Nam Chu Hoai zum Beispiel hat Credport entwickelt. Das ist ein Portal, das die Reputation von Nutzern anhand ihrer Einträge in sozialen Netzwerken darstellt. Misstrauen – oft eine Barriere bei Anbahnung von Onlinegeschäften – werde so abgebaut. Zwei Jahre war er weg aus Berlin, zum Studium in Boston. Erst seit kurzem ist er mit seiner Idee wieder in der alten Heimat. "Ich konnte kaum glauben, was sich hier in kurzer Zeit entwickelt hat", sagt Nam. Immer wieder bekommt Wowereit auf seiner Tour so etwas zu hören. Abwechselnd auf Deutsch und Englisch. Berlin, sagt Farcet, sei der "absolut most exciting place in Europe" – der aufregendste Ort in Europa. Wowereit genießt die Tour mit der er, wie er sagt, auch die "Aufmerksamkeit auf Firmen lenken will, die schon Substanzielles zum Arbeitsmarkt beitragen".

Rebuy ist so eine Firma. Sie residiert weit draußen, fern der hippen Innenstadtbezirke Kreuzberg oder Mitte. Rebuy hat seinen Sitz an der Kanalstraße in Rudow. Sie brauchen viel Platz hier, wie Lawrence Leuschner ausführt. Leuschner ist noch keine 30 und führt bereits ein Unternehmen mit fast 400 Beschäftigten. Seine Firma kauft Gebrauchtes an – Bücher, CDs, DVDs – verkauft es dann weiter. Dazwischen wird die Optik etwas aufpoliert. 8000 Quadratmeter groß ist die Halle. Auf fünf Etagen stehen voll gepackte, graue Körbe voller Bücher, CDs und DVDs. Nur der Computer kennt sich hier noch aus. "Bis Ende des Jahres werden wir 700 Mitarbeiter haben", sagt Leuschern. Gerade wächst auf dem Gelände eine zweite Halle hoch, nochmals 8000 Quadratmeter. "Mal so eine Frage aus der Old Economy: Habt Ihr auch einen Betriebsrat", fragt Wowereit. Die Gründer erschrecken kurz. Doch Wowereit grinst und knufft. Alles nicht schlimm.

Keine Alternative zu Berlin

Von der Alten Backfabrik am südlichen Anfang der Prenzlauer Alle kann Wowereit durch einige Fenster den Turm des Roten Rathauses, seines Amtssitzes, sehen. Doch noch ist er in der Parallelwelt, beim Online-Spieleunternehmen Wooga. Jens Begemann heißt hier der Chef und Gründer. Ein kräftiger Typ mit tönender Stimme. 50 Millionen spielen pro Monat Wooga-Games wie Diamond Dash. Nur Berlin, nirgendwo anders könne er es sich vorstellen sein Unternehmen zu betreiben. 250 Mitarbeiter hat Wooga. 55 Prozent kommen aus dem Ausland. Beim Rundgang durch die Büros bekommt eine Südkoreanerin Wowereits Charme-Attacke ab. Sie hängen ihm zum Schluss ein Lebkuchenherz um. Das, sagt Begemann, bekomme hier jeder neue Mitarbeiter.

Um kurz nach 13 Uhr muss Wowereit die schöne Parallelwelt verlassen. Er steigt in seinen schwarzen Dienstwagen um. Knöpft drinnen den obersten Hemdknopf zu und bindet sich eine rote Krawatte um. Wenig später sitzt er neben seinem Vize Frank Henkel (CDU). Voll und ganz geht es jetzt wieder um Old Economy, genauer um Bauwirtschaft. Im Bauausschuss des Abgeordnetenhauses muss er sich mal wieder zum Flughafen erklären.

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