22.01.13

Start-ups

Wenn die Laterne zur modernen Tankstelle wird

Ein Berliner Start-up hat die Lösung für das Lade-Problem für Elektroautos. Die Stadt zeigt sich interessiert.

Foto: Christian Kielmann

Einmal volltanken: Die Ubitricity-Gründer Knut Hechtfischer (l.) und Frank Pawlitschek mit der von ihnen entwickelten Strom-Tanksäule
Einmal volltanken: Die Ubitricity-Gründer Knut Hechtfischer (l.) und Frank Pawlitschek mit der von ihnen entwickelten Strom-Tanksäule

Straßenlaternen sind ja in vielerlei Hinsicht nützlich: Sie spenden Licht, man kann das Rad dran festschließen oder Zettelchen anbringen – und in Zukunft vielleicht dort sein Elektroauto aufladen. Ein Berliner Start-up-Unternehmen hat ein Konzept entwickelt, dass das möglich macht. Die Stadt Berlin ist nicht abgeneigt, Hunderte Laternen zu Ladestellen umzurüsten.

Noch ist das Interessen an E-Autos eher gering. Die Auswahl an entsprechenden Modellen ist überschaubar, und wirklich schön sind die Autos, die bereits auf dem Markt sind auch nicht. Von den deutlich höheren Anschaffungskosten im Vergleich zu einem Auto mit Verbrennungsmotor gar nicht erst zu reden. Lässt man all das außer acht und kauft dennoch ein Batteriefahrzeug stellt sich die entscheidende Frage: Wo "betankt" man den Stromer?

Die meisten lassen die Hände vom E-Auto mangels Ladestation

E-Autos werden für Ballungszentren entwickelt, in ländlichen Regionen werden sie sich aufgrund der begrenzten Reichweite der Voltspeicher nicht durchsetzen. Nur: Viele Städter können ihre Stromer nicht in der eigenen Garage oder am Eigenheim laden, sie werden also die Hände vom E-Mobil lassen. Es sei denn, das Konzept des Berliner Start-up Ubitricity setzt sich durch.

Die Berliner haben ein mobiles Lade- und Abrechnungssystem entwickelt, dass das "Tanken" überall dort erlaubt, wo es Strom gibt und Autos andocken können. In Parkhäusern zum Beispiel, vor Geschäften. Oder eben an Straßenlaternen. Jeder Laternenmast eine Stromtankstelle, das ist die Vision von Knut Hechtfischer und Frank Pawlitschek.

Das Konzept, dass das 14-köpfige Start-up entwickelt hat, ist überraschend simpel. Ein Elektroauto aufzuladen ist nicht aufwendiger als ein Handy, nur müssen es viele Großstädter wohl im öffentlichen Raum tun oder auf Parkplätzen. Dass sich Parkhausbetreiber, der eigene Arbeitgeber oder ein gutmütiger Ladenbesitzer anzapfen lassen, mag vorkommen. Doch es stellt sich die Frage, wie man den Stromverbrauch abrechnet – schnell, unkompliziert, exakt.

Das geht bislang nur an sogenannten Stromzapfsäulen. Doch die kosten pro Stück mehrere Tausend Euro, Investitionen, die die Energieversorger scheuen, weil es sich nicht rechnet. Schließlich ist auch ein leistungsfähiger Autoakku selbst bei saftigen Preisen für deutlich unter fünf Euro voll. "Die Lösung ist, dass man die nötige Technik zum Beispiel für die Abrechnung nicht mehr teuer in die Ladestation integriert, sondern selbst mitbringt", sagt Hechtfischer. Für den Besitzer des E-Autos würden so nur geringe Kosten anfallen, für den "Stromspender" gar keine.

Zapfen in Zukunft über Laternen

Konkret funktioniert das System wie folgt: Im Auto, beispielsweise in einem "intelligenten" Ladekabel, ist ein Zählsystem integriert, das sich per Mobilfunk mit einer Leitzentrale verbindet. Die erfasst nach jedem Laden wo, von wem und wie viel Strom "getankt" wurden und leitet die Daten zur Abrechnung weiter. An den Stromquellen selbst sind Steckdosen angebracht, die erkennen, ob der jeweilige Nutzer zur Entnahme berechtigt ist und die Sperre freigegeben wird.

Die Montage derartiger Dosen ist simpel, im Wartungsschacht eines Laternenmastes lassen sie sich ohne weiteres einbauen. Das schlaue Kabel selbst schlägt als einmalige Anschaffung für den Autobesitzer laut Hechtfischer mit rund 100 Euro zu Buche. "Damit kann man ohne großen Aufwand überall mobil Strom tanken", schwärmt der Start-up-Gründer. Prototypen des Systems gibt es bereits, mit großen Energieversorgern in Frankreich und der Schweiz werden derzeit Testversuche gemacht. Immerhin konnten die Berliner von Bosch den Entwicklungsleiter Elektromobilität, Rupert Stützle, abwerben und einen großen Autozulieferer und Anlagenbauer als Anteilseigner gewinnen. Ende des Jahres will Ubitricity mit seinem Mobil-Strom-System starten – wenn sich Partner finden, die ihr Netz anzapfen lassen.

Das Konzept hat nämlich einen Schwachpunkt: Um mobil Strom tanken zu können, soll der Kunden einen Vertrag mit einem Stromversorger abschließen. Ubitricity bleibt im Hintergrund, will nur an einer Grundgebühr für den Zähler verdienen, die die Nutzer an den Energielieferanten zahlen. Einnahmen für jene, die ihren Netzzugang, also den Platz der Steckdosen, zur Verfügung stellen, sind nicht vorgesehen. Um das System nicht zu teuer zu machen, sollen sie leer ausgehen. Warum also sollten sie sich anzapfen lassen?

Berlin hat sich der Unterstützung von E-Autos verschrieben

Größere Arbeitgeber, die sich ein umweltfreundliches Image versprechen, könnte die Spezialdosen für ihre Mitarbeiter installierten, hoffen Hechtfischer und Pawlitschek oder Parkhausbetreiber, die das Laden als Service anbieten. Den eigentlichen Durchbruch erhoffen sie sich jedoch von den Kommunen. Die haben am ehesten ein Interesse, Stromer zu fördern und Stinker aus den Citys zu verbannen.

Im Falle Berlins gibt es zudem einen besonderen Anreiz: Die Hauptstadt ist eines der bundesweit fünf "Schaufenster Elektromobilität", die sich der besonderen Unterstützung von E-Autos verschrieben haben. In diesen Schwerpunktregionen treibt die Bundesregierung ihre Bemühungen voran, bis 2020 eine Million Stromer auf deutschen Straßen zu haben. Berlin hat sich dabei verpflichtet, bis 2015 insgesamt 800 öffentliche Ladestationen zu schaffen und die Entwicklung eines Konzepts dafür europaweit ausgeschrieben.

Rund 30 Bewerbungen waren eingegangen, acht kommen in die nächste Runde – und Ubitricity hat beste Chancen dabei zu sein. "Wir prüfen derzeit, ob es möglichst ist, die Lichtmasten entsprechend umzurüsten", heißt es in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

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