27.02.13

Reichstagsbrand

Seit 80 Jahren wird heftig über den Täter gestritten

Gefälschte Dokumente führten häufig zu Kommunisten oder Nazis als Schuldige. Ermittlungsakten weisen aber eindeutig auf van der Lubbe.

Von Berthold Seewald
Foto: dpa

Täter: Marinus van der Lubbe wurde 1934 hingerichtet
Täter: Marinus van der Lubbe wurde 1934 hingerichtet

Noch während die Flammen den Plenarsaal des Reichstagsgebäudes auffraßen, begann die Diskussion über die Täterschaft. Wahrscheinlich als Erster brachte ausgerechnet ein führender Nazi, der Chefredakteur des "Völkischen Beobachters", Alfred Rosenberg, die Vermutung auf, es könnten Hitler-Anhänger gewesen sein.

"Ich hoffe, es ist nicht das Werk unserer Burschen", sagte der NSDAP-Ideologe zu dem britischen Journalisten Sefton Delmer, als die beiden am 27. Februar 1933 gegen 22 Uhr vor dem Reichstag standen. "Es ist genau eines jener verdammt blöden Stücke, die ihnen ähnlich sehen."

In der Täterfrage hat es seither eine seltsame Diskrepanz gegeben: Zu allen Zeiten waren nüchterne Fachleute der Ansicht, dass Marinus van der Lubbe allein der Urheber der verheerenden Brandstiftung war, während Ideologen und Aktivisten den Nazis die Schuld zuwiesen. Grob lassen sich drei Phasen der Debatte unterscheiden: von 1933 bis in die 50er-Jahre, von 1959 bis Anfang der 90er-Jahre und seither.

Kommunisten veröffentlichten gefälschte Dokumente

Unmittelbar danach, als die Nazis virtuos die Brandstiftung nutzten, um die Eroberung der totalen Macht über Deutschland voranzutreiben, überwog bei Beobachtern die Ansicht, die Nazis müssten die Verantwortlichen sein.

Schon damals waren die zuständigen Ermittler zwar der Ansicht, van der Lubbe sei ein Einzeltäter, und stellten sich damit in Gegensatz zum politisch erwünschten "Ergebnis" der Untersuchungen, demzufolge die KPD verantwortlich sein sollte. Daran hat nie jemand geglaubt.

Um gegenzuhalten, veröffentlichten nach Prag und Paris ausgewichene kommunistische Propagandisten zahlreiche gefälschte Dokumente, die eine Verantwortung von SA und SS nachweisen sollten. Noch mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende hielt sich diese Auffassung.

Sozialdemokrat Fritz Tobias glaubt an Täterschaft van der Lubbes

Dann veröffentlichte 1959 der Regierungsrat und Sozialdemokrat Fritz Tobias (1912–2011) eine Serie im Magazin "Der Spiegel", in der er nachwies, dass man den Geständnissen des 1934 hingerichteten van der Lubbe glauben solle. Darauf reagierten mehrere Aktivisten, darunter der Schweizer Historiker Walter Hofer und der serbische Publizist Edouard Calic, mit wütenden Attacken.

Sie veröffentlichten angeblich neue Dokumente, die sie in der DDR aufgetrieben haben wollten, die angeblich die Nazis der Brandstiftung überführten. Doch diese Unterlagen erwiesen sich nach jahrelangen heftigen Auseinandersetzungen ausnahmslos als Fälschungen. So stammte ein Dokument, das von einem nachweislich 1934 ermordeten Hitler-Gegner geschrieben worden sein sollte, aus einer Papierserie, die erst seit 1935 überhaupt produziert wurde.

Bald nach der Wiedervereinigung 1990 gelangten bis dahin in gesperrten SED-Archiven gelagerte Originalakten ins Bundesarchiv Berlin. Seither kann jedermann, der Archiverfahrung hat, mit den originalen Ermittlungsakten arbeiten – mehr als 200 Bände mit fast 50.000 Blatt.

Zu jedem Jahrestag gibt es neue Indizien

Obwohl gerade in den Bänden der Kriminalbeamten und der Brandermittler keinerlei Hinweise auf einen anderen Täter als Marinus van der Lubbe enthalten sind, behaupten einige Aktivisten in Büchern, Zeitungsartikeln, TV-Dokumentationen und dem Internet mit zunehmender Aggressivität das Gegenteil.

Zu jedem runden Jahrestag des Reichstagsbrandes verbreiten sie wieder die alten Behauptungen und unterstellen, es gäbe neue Indizien. Doch das sind freie Erfindungen.

Die Nazis, voran Hitler, Göring und Goebbels, wollten nachweisen, dass mehrere Täter, nämlich KPD-Anhänger, im Reichstag Feuer gelegt hätten. Die Kommunisten versuchten, mit deutlich größerem Erfolg, der NSDAP die Brandstiftung anzuhängen.

Dabei ist die Lösung ganz einfach, deckt sich mit allen Geständnissen von Marinus van der Lubbe, allen Ermittlungsergebnissen und dem gesunden Menschenverstand: Der Reichstagsbrand war der Anschlag eines Einzeltäters, den die Nazis allerdings äußerst effizient für ihre eigenen Ziele instrumentalisierten.

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