27.02.13

Nationalsozialismus

Feuer im Berliner Reichstag war willkommene Brandstiftung

Vor 80 Jahren legte der Niederländer Marinus van der Lubbe im Parlament ein verheerendes Feuer. Und spielte so den Nazis in die Hände.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: National Archives College Park / Maryland (USA)

Am Abend des 27. Februar 1933 versucht die Berliner Feuerwehr mit allen Mitteln, den Großbrand im Reichstag unter Kontrolle zu bekommen. Sogar Leiterwagen waren in einem Innenhof des Reichstagsgebäudes eingesetzt, um den Brand im Plenarsaal zu bekämpfen.

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Es war kalt in Berlin: Vier bis fünf Grad unter null zeigten die Thermometer in der Innenstadt am Abend des 27. Februar 1933. Ansonsten aber deutete nichts darauf hin, dass die Ereignisse dieses Abends die deutsche Geschichte verändern sollten.

Es herrschte Wahlkampf, am kommenden Sonntag sollten die Deutschen schon wieder ein neues Parlament bestimmen. Doch dass alle Parteien im laufenden Wahlkampf faire Chancen hatten, glaubte niemand. Denn die von Hermann Göring kontrollierte preußische Polizei löste Versammlungen der Opposition schon bei nichtigen Anlässen auf, während die NSDAP nie auf diese Weise behindert wurde.

Im Reichstagsgebäude war es am 27. Februar ruhig – allerdings nur bis gegen 21 Uhr. Um diese Zeit befand sich der Theologie-Student Hans Flöter gerade auf dem Heimweg aus der Staatsbibliothek. Gerade passierte Flöter den südlichen Beginn der Rampe zum Reichstagsportikus, als er ein scharfes Splittern hörte. Der Student blickte hinauf und konnte schemenhaft eine Gestalt sehen, die offenbar etwas Brennendes in der Hand hielt.

Wenige Meter vor ihren Augen lief eine Brandstiftung ab

Sofort lief der Student los und stieß auf der nördlichen Seite der Auffahrt auf einen Polizisten, den Oberwachtmeister Karl Buwert. Ihm rief Flöter zu: "Jemand ist da eingestiegen!" Doch der Schupo zögerte. Erst als der Student ihm auch sagte, dass er Feuer gesehen habe, reagierte Buwert. Es war etwa 21.05 Uhr.

Bald entdeckte Buwert selbst einen flackernden Flammenschein im Hauptgeschoss. Neben dem Polizisten standen inzwischen zwei weitere Passanten: Der 21-jährige Schriftsetzer Werner Thaler hatte ebenfalls Glas splittern gehört, als er gerade am Südportal des Reichstages vorbeigekommen war. Ungefähr zur gleichen Zeit kam ein weiterer junger Mann dazu. Zu dritt starrten sie nun auf die Fenster des Reichstagsrestaurants.

Dort brannten offenbar bereits mehrere Vorhänge. Es gab keinen Zweifel mehr: Wenige Meter vor ihren Augen lief eine Brandstiftung ab. Thaler schrie Buwert an: "Nun schießen Sie doch!" Der Polizist griff zu seiner Dienstwaffe und feuerte auf den Schemen, doch der Schuss ging fehl.

Erster Notruf bei der Feuerwehr um 21.13 Uhr

Jetzt befahl Buwert dem jungen Mann: "Rennen Sie doch schnell rüber zur Brandenburger-Tor-Wache. Sagen Sie, dass der Reichstag brennt!" Das ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen.



Während der Polizist weiter an der Südwestseite des Reichstages den Feuerschein hinter den Fenstern beobachtete, kamen ihm, aufgeschreckt durch den Schuss, zwei Kollegen zu Hilfe, die im Tiergarten Streife gegangen waren. Nach kurzer Beratung rannte einer von ihnen weiter zur Moltkestraße. Dort stand ein fest installierter Feuermelder.

Um 21.13 Uhr verzeichnete die Hauptwache der Berliner Feuerwehr in der Lindenstraße den Eingang des ersten Notrufes. Sofort wurde die nächstgelegene Feuerwache in der Linienstraße benachrichtigt, und von dort brauste eine Minute später ein erster Löschzug los. Eine Minute danach rückte noch ein Zug aus. Diesmal vom Revier Turmstraße.

"Sofort kommen! Der Reichstag brennt!"

Gleichzeitig erreichte der junge Mann, den Buwert zur Polizei geschickt hatte, die Wache am Brandenburger Tor und meldete: "Sofort kommen! Der Reichstag brennt!" Polizeileutnant Emil Lateit sprang auf.

Kaum vor Ort, befahl Lateit Großalarm für die Polizei. Dann lief er los, um einen Eingang zu finden. Das Südportal, der Eingang für die Abgeordneten, war verschlossen, die Loge nicht besetzt – also rannte der 34-Jährige an der Ostfassade zum Nordportal, wo er einen Nachtpförtner antraf.

Während der Leutnant dort stand, rief Reichstags-Hausinspektor Alexander Scranowitz an. Er erfuhr vom Feuer und hetzte sofort zum Parlament hinüber. Es war ungefähr 21.20 Uhr, als der Hausinspektor beim Nordportal eintraf. Zusammen mit Lateit betrat Scranowitz das Parlament. Sie liefen durch die weiten Wandelhallen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Keine offenen Feuer, aber außerordentliche Hitze

Wenig später, vielleicht gegen 21.23 Uhr, erreichten der Hausinspektor und ein Polizist den Plenarsaal. Scranowitz blickte "nur den Bruchteil einer Sekunde" hinein und schloss "blitzschnell" die Tür wieder. In dem einen Augenblick fiel ihm aber auf, dass die Vorhänge hinter dem hölzernen Präsidium schon hell brannten. Noch aber war nur wenig Rauch in dem riesigen Raum.



Im selben Moment begannen Oberbrandmeister Emil Puhle und seine Männer von der Feuerwache Linienstraße zu löschen. Puhle ging gleich weiter hinein ins Gebäude. Etwa im selben Moment liefen Brandmeister Waldemar Klotz von der Feuerwache Turmstraße durch das Nordportal in den Reichstag.

Klotz schaute, etwa gegen 21.25 Uhr, in den Plenarsaal, der jetzt mit dichtem Rauch gefüllt war. Zwar sah er keine offenen Feuer, aber ihm schlug außerordentliche Hitze entgegen. Instinktiv schloss Klotz die Pendeltür sofort wieder, weil er "eine Stichflamme" fürchtete. Doch es war zu spät.

"Von oben bis unten und in der Mitte ein einziges Flammenmeer"

Denn um 21.27 Uhr ging der Plenarsaal "ruckartig in ein Flammenmeer auf". Vor Ort spürte Oberbrandmeister Puhle, dass nach dem Öffnen der Tür zum Saal erst Hitze hinausschlug, sich dann jedoch der Luftzug schlagartig umkehrte; dann sah er eine Flamme, die "zur Kuppel empor" brauste. Von einem Moment auf den anderen war der Plenarsaal "ringsherum von oben bis unten und in der Mitte ein einziges Flammenmeer".

Auch Zugführer Klotz beobachtete, wie sich die Flammen blitzschnell ausweiten: "Ich sah, wie es hinter der Milchglasscheibe, durch die ich zunächst hindurch gesehen hatte, feuerrot wurde."

Hausinspektor Scranowitz und ein Schupo waren weiter durchs Hauptgeschoss gelaufen. Schließlich gelangten sie in den Bismarck-Saal. Als sie gerade unter dem großen Kronleuchter standen, stolperte ihnen etwa um 21.26 Uhr eine Gestalt entgegen.

Marinus van der Lubbe wird festgenommen

Als der Schemen die beiden Männer sah, stoppte er jäh und machte dann einen Schritt zurück. Doch der Polizist hatte schon seine Pistole im Anschlag und schrie: "Hände hoch!" Die Gestalt, die Brust bis auf Hosenträger nackt, hob sofort die Arme.

Kein Zweifel: Dieser Mann gehörte nicht ins Parlament. Der Beamte war sich sicher, dass er den Brandstifter gestellt hatte. Gleichzeitig brüllte Scranowitz zitternd vor Wut den Fremden an: "Warum hast du das gemacht?" Der junge Mann stieß mit hartem Akzent heraus: "Protest, Protest!" Da konnte der Hausinspektor nicht mehr an sich halten: Er schlug mit aller Kraft zu.

Der Schupo nahm den jungen Mann, der laut Pass Marinus van der Lubbe hieß, in den Polizeigriff, schob ihn zum Ausgang und ließ ihn hinüber ins Revier am Brandenburger Tor fahren, wo er laut Wachbuch um 21.35 Uhr ankam. Derweil brannte der Plenarsaal des Reichstages aus. Die Feuerwehr kann daran nichts mehr ändern.

Hitler, Goebbels und Göring treffen am Reichstag ein

Noch während die Flammen im Plenarsaal wüteten, bald nach 22 Uhr, kamen Reichskanzler Adolf Hitler und Berlins NSDAP-Chef Joseph Goebbels in das Parlamentsgebäude. Schon etwa 20 Minuten früher war Reichstagspräsident Hermann Göring eingetroffen, zugleich kommissarischer Innenminister Preußens. Alle drei waren hocherregt.

Hitler wusste klar, dass die Reichstagswahl am 5. März 1933 von großer Bedeutung für seine weitere Macht sein würde. Er setzte darauf, eine solide absolute Mehrheit zu bekommen, um die Eroberung der totalen Macht voranzutreiben.

Brandstiftung wurde zur Zäsur

Dazu gehörte, die SPD und vor allem die KPD zu zerschlagen. Für Hitler wurde der Reichstagbrand zum optimalen Anlass, die eigentlich für die Tage nach der Reichstagswahl vorgesehene Verhaftungsaktion gegen die Kommunisten vorzuziehen. Noch in derselben Nacht wurden mehr als 130 KPD-Funktionäre und linke Prominente festgenommen; in den folgenden Tagen waren es Tausende, die oft brutal gequält und misshandelt wurden.

Die Brandstiftung im Reichstag, die Marinus van der Lubbe begangen hatte, um gegen die Regierung Hitler zu protestieren, lieferte jetzt eben dieser Regierung den Vorwand, mit äußerster Brutalität ihre Gegner außer Gefecht zu setzen. Das Feuer wurde zur Zäsur.

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Der Brand und die Folgen

Ausstellung der Feuerwehr
  • Initiative

    Zum 80. Jahrestag des Reichstagsbrandes zeigt das Feuerwehrmuseum Berlin eine Sonderausstellung. Sie stellt den Brandverlauf dar, die Folgen und die Prozesse. Im Fokus steht Walther Gempp, Feuerwehrchef und Einsatzleiter beim Reichstagsbrand.

  • Erklärung

    Besonders wichtig ist, dass sich die Experten der Feuerwehr mit dem brandphysikalischen Phänomen der Rauchgasdurchzündung beschäftigen, der wahrscheinlichsten Erklärung für die Entflammung des Plenarsaals neun Minuten nach der Brandlegung durch Marinus van der Lubbe.

  • Termine

    Zur Ausstellung erscheint eine Begleitbroschüre, die für drei Euro im Shop des Feuerwehrmuseums Berlin zu kaufen ist. Zu sehen ist die Sonderausstellung „Der Reichstag brennt!“ bis 27. September in der Veitstraße 5 in Tegel. Geöffnet ist Di. und Do., 9–16 Uhr, Mi. , 9–19 Uhr, Fr. und Sbd., 10–14 Uhr. So. und Mo. geschlossen. Geöffnet ist zusätzlich am 3. März von 10 bis 14 Uhr.

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