19.09.12

Interview

"Sind Sie wie ein Vater für Deutschland?"

Sechs Kinderreporter der Berliner Morgenpost bekamen beim Bürgerfest ein Exklusiv-Interview mit Bundespräsident Joachim Gauck – sie waren beeindruckt

Von Marni, Lara, Eva, Jan, Raffael, Jimmy
Foto: Massimo Rodari
Massimo Rodari
Da waren alle wieder ganz entspannt: Jan (9), Raffael (11), Lara (11), Eva (10), Marni (10) und Jimmy (10, v. l.) mit Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) nach dem Interview

Jan (9): Herr Bundespräsident, was muss man können, um Präsident zu werden?

Joachim Gauck: Die Hauptsache ist, glaube ich, dass man gezeigt hat, dass man ein anständiger Typ ist. Und dass man die Aufgaben, die man sich im Leben vorgenommen hat, ernsthaft erledigt hat und glaubwürdig ist. Der vorherige Beruf spielt keine so große Rolle.

Lara-Sophie (11): Sind Sie wie ein Vater für Deutschland?

Joachim Gauck: (Lacht) So habe ich mich bisher noch nicht gefühlt – das ist die kurze Antwort. Die längere Antwort ist: Vielleicht gibt es viele Menschen im Land, die sich danach sehnen, dass man an der Spitze des Landes jemanden hat, auf den man sich verlassen kann – wie auf einen guten Vater. Unabhängig davon, ob ich die Qualität habe oder nicht, wollen sich die Menschen geborgen fühlen in dem Land, in dem wir leben. Das hat vielleicht gar nicht so viel mit der Person Joachim Gauck zu tun. Sie wollen im Vertrauen darauf leben können, dass sie von ernsthaften, ehrlichen Menschen regiert werden, dass sie positiv begleitet werden. Das könnte es sein. Wusstest Du, dass Du da eine philosophische Frage gestellt hast?

Lara: Nein – eigentlich nicht.

Eva (10): Setzen Sie sich als Bundespräsident auch für Kinder ein?

Joachim Gauck: Ja, wir haben ganz viele Projekte. Meine Lebensgefährtin Daniela Schadt und ich haben da viel Engagement von unseren Vorgängern geerbt. Wir beide haben eine Menge Schirmherrschaften, auch für Kinderprojekte, darunter sind oft solche für benachteiligte oder kranke Kinder.

Marni (11): An unserer Schule haben wir bei einem Projekt namens "Respekt" mitgemacht und einen Videofilm gedreht. Was bedeutet für Sie Respekt?

Joachim Gauck: Respekt hängt für mich mit Fairness zusammen. Es gibt Lebenssituationen, da spürt man automatisch, man steht einem Menschen gegenüber, der seine Sache gut macht. Egal ob es ein Lehrer, Journalist oder eine Ärztin ist. Da gewinnst du automatisch Achtung.

Dann gibt es Menschen, die mögen keine Achtung vor anderen Menschen. Sie müssen immer so tun, als seien nur sie selber toll. Und wenn sie andere eigentlich bewundern möchten, dann finden sie irgendwas Negatives. Das ist unfair. Man muss den anderen mit dem, was er gelernt hat, erst mal ernst nehmen.

Man kann zum Beispiel einen berühmten Dichter nicht mit einem Konditor vergleichen. Der eine kann schöne Gedichte schreiben, der andere dafür tolle Torten backen. Fairness, Achtung, Respekt – das gehört zusammen. Und je mehr wir uns darum bemühen, desto leichter wird das Leben.

Wenn man unfair beurteilt wird, tut das weh. Es gibt verschiedene Arten, darauf zu reagieren, manchmal schlägt man zurück oder ballert mit Worten zurück. Aber manchmal gelingt es ja, einen anderen durch eine Rückfrage zur Vernunft zu bringen oder wenigstens zu Fairness. Dann geht das wieder.

Man macht ja selber auch Fehler und wird dann zu Recht kritisiert. Ich finde sogar, wir zeigen dem anderen auch Respekt, wenn wir fair und ernsthaft Kritik üben.

Marni: Wurden Sie schon einmal persönlich respektlos behandelt und wie haben Sie reagiert?

Joachim Gauck: Ja, besonders in meinem früheren Amt als Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen. Da hat es sehr viele böswillige Kommentare über meine Tätigkeit gegeben, auch manche Lüge. Das hat mich sehr gekränkt.

In meinem jetzigen Amt gab es gelegentlich schon ein bisschen Kritik, aber auch so viel Lob und Anerkennung, dass ich das nicht als Kränkung empfinden konnte. Ich kann mich nicht beschweren, ich bin als Bundespräsident ziemlich positiv begleitet worden von den Medien und von den Menschen. Wie die mir begegnen, finde ich besonders schön.

Raffael (11): Was wollten Sie werden, als Sie so alt waren wie ich heute?

Joachim Gauck: Als ich elf war, habe ich sehr viele Bücher gelesen, auch manche, die ich noch gar nicht richtig verstanden habe. Als ich elfeinhalb war, lebte ich in der DDR in Rostock und mein Vater wurde abgeholt und eingesperrt. Dadurch wurde das Leben unserer Familie sehr ernst.

Mein Vater war kein Verbrecher, sondern ein ganz normaler Seemann, ein Kapitän. Wir hatten damals eine strenge Diktatur und einen strengen Diktator. Das waren harte Zeiten. So verschwand unser Vater eines Tages und wir wussten über zwei Jahre lang nicht, wo er war. Er war in Sibirien, hat das aber überlebt und kam zurück.

Ich erzähle dies, um zu begründen, warum ich mit elf Jahren schon sehr intensiv Texte gelesen habe, in denen es um Gerechtigkeit und Freiheit ging. Z. B. von Friedrich Schiller, weil der ein Dichter war, der die Freiheit liebte. Da fing das schon an, dass ich am liebsten Schriftsteller geworden wäre.

Ich fand es toll, wenn Leute Worte gefunden haben, die ich noch gar nicht hatte. Aber ich hatte Gefühle und Sehnsucht in mir und fand es toll, wenn jemand die so gut beschreiben konnte. So wollte ich mich auch ausdrücken können.

Deshalb wollte ich in dem Alter nicht Lokführer werden oder Kapitän wie mein Vater einer war. Ich hatte schon früh das Gefühl, dass mein Leben etwas mit dem Wort zu tun hat. Später bin ich Pfarrer geworden, aber das ist eine eigene Geschichte…

Jimmy (10): Wie sähe ein Tag aus, an dem Sie machen dürften, was Sie wollen?

Joachim Gauck: (Lacht) Dann würde ich wahrscheinlich nicht im Schloss Bellevue sein, denn das ist ja mein Arbeitsplatz. Ich arbeite nicht ganz wenig, für mein Alter eigentlich genug. Wenn ich jetzt tun könnte, was ich gerne möchte, würde ich mich in meine Heimat an die Ostsee fahren lassen, auf ein kleines Holzboot setzen und über den Bodden segeln.

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