31.07.12

Naturschutz

Aale Ahoi! Fischkur für Berliner Flüsse

Jedes Jahr setzen Fischer Hunderttausende Aale in Havel, Spree und Dahme aus. Das soll den Bestand erhöhen. Denn der Aal ist gefährdet

Foto: DPA
Aussetzung von Aalen in die Havel bei Berlin
Zwischenstation: Ein Mitarbeiter des Berliner Fischereiamtes setzt Aale in der Unterhavel aus. Dort bleiben sie einige Jahre zum Heranwachsen

Berlin hat plötzlich 340.000 Einwohner mehr. Ungefähr so viele Aale setzen Mitarbeiter des Fischereiamtes seit Mitte Juli in der Havel aus. Denn den zehn Gramm leichten Fischen fällt der Weg nach Berlin zu schwer. Aale sind Wanderfische – und das ohne Füße. Sie werden im Sargassomeer östlich von Florida geboren. Die Larven sehen aus wie die Blätter von Weiden und schwimmen etwa drei Jahre im Atlantik Tausende Kilometer mit dem Golfstrom nach Europa. Warum sie das machen, weiß kein Mensch. Vielleicht wollen die Kinder dorthin, wo ihre Eltern lebten – in unserem Fall in Berlin.

An der europäischen Küste angekommen sind die Tiere zu Glas-Aalen geworden: gestreckt in Bleistift-Länge und durchsichtig. Der weitere Weg würde sie einige Monate lang durch die Elbe und ihre Nebenflüsse nach Berlin führen. Aale sind sehr beweglich, sie können Betonwände erklimmen und über feuchte Wiesen schlüpfen, so dass manche sie für Schlangen halten.

Stauwerke behindern Fische auf ihrem Weg

Dennoch sind viele Stauwerke in den Flüssen so gebaut, dass die Fische nicht weiterschwimmen, nicht "aufsteigen" können. "Auch deshalb gibt es immer weniger Aale in den Berliner Gewässern", sagt Susanne Jürgensen. Sie leitet das Berliner Fischereiamt, das sich um Fischzucht und Fischer, Angler und ihre Rechte kümmert.

Der Europäische Aal ist laut Weltnaturschutzorganisation IUCN vom Aussterben bedroht. In den regionalen Binnengewässern leben nur noch ein bis vier Prozent Aale gemessen am Bestand vor 30 Jahren, das sagt der Direktor des Instituts für Binnenfischerei, Uwe Brämick. In Berliner Gewässern haben 29 Fischereibetriebe 2011 nur 14 Tonnen Aale gefangen – halb so viele wie 1994.

Um die Lage zu verbessern, haben das Land Berlin, der Europäische Fischereifonds und die Fischersozietät Tiefwerder-Pichelsdorf sowie die Köpenicker Fischervereinigung 150.000 Euro zusammengelegt und in einer dänischen Fischfarm all diese jungen Aale gekauft.

Französische Aale in Dänemark aufgepäppelt

Die Dänen hatten die Tiere an der französischen Atlantikküste gefangen, drei bis vier Monate durchgefüttert und dann mit einem Lastwagen nach Hamburg gebracht und in vier Stunden weiter nach Berlin.

Als Fahrer Lars Renken die Boxen in Charlottenburg öffnet, sprudelt das Wasser wie wild – wegen der Belüftung mit Sauerstoff. Renken hebt die Fische mit Käschern in große, durchlöcherte Eimer. Das Wasser soll abfließen, weil Aale auch über ihre Haut atmen können.

Aus dem Eimer setzen Fischer wie Otto Latendorf die Tiere in belüftete Behälter an Bord ihrer Boote, werfen den Motor an und tuckern die Unterhavel entlang. Sie setzen die Jungaale an vielen unterschiedlichen Stellen aus. Ob der Aufwand sich lohnt, weiß man nicht, sagt Institutschef Brämick. Das zeige sich frühestens in 20 Jahren mit der nächsten Aalgeneration.

Acht Jahre Zeit zum Heranwachsen

Die Neu-Berliner Aale werden sich in Havel, Dahme und Spree verteilen. Dort werden sie mindestens die nächsten acht Jahre ihres Lebens verbringen und wachsen. Sobald sie einen halben Meter lang sind, wird es für die Fischer interessant. Sie wollen den ausgewachsenen Aal fangen und verkaufen.

Der Aal ist ein beliebter Speisefisch, bis zu 30 Prozent seiner Körpermasse bestehen aus Fett. Doch sobald er sich ausgewachsen fühlt, hört er auf zu fressen und lebt nur noch von seinen Fettvorräten. Die Eingeweide bilden sich zurück, seine Geschlechtsorgane wachsen.

Der Aal macht sich nun davon: tschüss Berlin, ahoi Elbe, see you Nordsee. Ein bis anderthalb Jahre schwimmt er zurück ins Sargassomeer zum Ablaichen. Danach ist er so erschöpft, dass er stirbt. "Beim Aal ist eben alles anders", sagt Jürgensen, "er ist ein ganz besonderer Fisch".

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