25.02.12

Ich bin ein Berliner

Henriette Abitz – Schmiedin

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Henriette Abitz. Die 23-Jährige ist Schmiedin, obwohl sie nur 1,58 Meter misst und 52 Kilo wiegt.

Von Michael Bee (Text) und Christian Kielmann (Fotos)
Foto: Massimo Rodari
Die gelernte Schmiedin Henriette Abitz arbeitet in ihrer Werkstatt in Berlin-Rixdorf
Die gelernte Schmiedin Henriette Abitz arbeitet in einer Werkstatt in Berlin-Rixdorf

Die Schläge prasseln auf den Rohling nieder. Immer wieder prallt der Hammer auf den Kopf, bis sein Leuchten erlischt. Dann greift Henriette Abitz die Metallstange und bohrt sie zurück in die Glut. Fünf Durchgänge später taucht sie den Stahl ins Kühlwasser. An seiner Spitze rankt sich nun eine Arabeske.

Trotz Amboss, Glut und Vorschlaghammer: Wie ein Kraftakt sieht ihre Arbeit kaum aus. Die Bewegungen sind präzise, wohl dosiert, mühelos, beinahe elegant. Mit Muskelmasse könnte sie ohnehin nicht punkten: Henriette Abitz misst 1,58 Meter und wiegt 52 Kilo. Nicht unbedingt Idealvoraussetzungen für eine Schmiedin. Mit wenig Kraft das Beste aus dem Stahl herausholen: Das musste die 23-Jährige erst lernen. Vor zwei Jahren schloss sie ihre Ausbildung zur Metallgestalterin, so die neumodische Bezeichnung ihres traditionsreichen Handwerks, in der Rixdorfer Schmiede am Richardplatz in Nord-Neukölln ab. "Beim Schmieden kommt es eigentlich nur auf Geschicklichkeit an, für alles andere finden sich Hilfsmittel", sagt Henriette.

Die junge Frau mit vietnamesischen Wurzeln wäre also ein Paradebeispiel für Durchsetzungsvermögen und Gleichberechtigung – selbst in dieser archaischen Handwerkskunst, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Wäre da nicht Henriettes Unbekümmertheit: "Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, ständig mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Als ich in der Schmiede angefangen habe, kam mir das gar nicht in den Sinn, dass das eine Männerdomäne ist."

Erst bei ihren Einsätzen auf Großbaustellen machte sie Bekanntschaft mit der Welt der Machos und Malocher: "Diese zotigen Witze, diese Sprüche: Die haben natürlich am Anfang sehr genervt." Den Respekt der männlichen Kollegen musste sie sich hart erarbeiten: Mit ihrem Gesellenstück, einer Feuerschale, wurde sie Landessiegerin ihres Jahrgangs. Und damit zur besten Schmiedin der Hauptstadt. Ihre Eltern dagegen hatten lediglich Sorge um ihre Gesundheit. Berechtigterweise. "Leichte Verbrennungen und Schnittverletzungen gehören nun mal dazu. Daran gewöhnt man sich schnell", sagt Henriette.

Das Böhmische Dorf rund um den Richardplatz, zwischen Sonnenallee, Karl-Marx-Straße und der Ringbahnstrecke gelegen, ist ein Mittelalter-Idyll, in dem die Rixdorfer Schmiede das heimelige Zentrum bildet. Die Winterluft strömt durch die Türritzen, die beiden mit Steinkohle befeuerten Essen spenden kaum Wärme, durch die Fenster dringt kein Licht. Werkzeuge und Arbeitsflächen sind mit einer Schicht aus Ruß und Staub überzogen. Sehr wahrscheinlich, dass schon im Jahre 1624, das Jahr, in dem die Schmiede erstmals Erwähnung fand, unter gleichen Bedingungen gearbeitet wurde.

"Die Dunkelheit ist notwendig, damit mit man die Glühfarben besser sehen kann", sagt Henriette. Wenn der Stahl hellgelb leuchtet, beträgt seine Temperatur etwa 1100 Grad. Nur dann lässt er sich in Kunstwerke verwandeln. Wobei: Um Kunstwerke geht es ihr gar nicht. Die wenigen Auftragsarbeiten drehen sich oft um Zäune, Balkongitter oder Handläufe. Am liebsten schmiedet sie aber Gebrauchgegenstände: Küchenbedarf, Möbel, Lampen. Dinge, die einen Zweck erfüllen und dennoch ästhetisch sind.

Schon als Kind betrat Henriette die Schmiede, beim Weihnachtsmarkt auf dem Richardplatz. Dass sie später allerdings selbst einmal am Amboss stehen würde, hätte sie nie erwartet: "Nach dem Abitur hatte ich die Bücher erst einmal satt und wollte etwas mit den Händen machen. Nach einem Praktikum habe ich mich dann für eine Ausbildung entschieden."

Weil in dem harten, kalten Stahl unendliche Möglichkeiten stecken, weil sie das Feuer fasziniert, weil man sich in ihrem Handwerk ständig neu erfinden muss. "Schmiede sind zwar etwas eigenbrötlerische aber hochintelligente Menschen, die für jedes Problem neue Lösungen finden. Wenn ein Werkzeug fehlt, dann schmiedet man sich eben eins", sagt Henriette.

Seit vier Jahren schwingt sie nun den Hammer, schon morgens um sieben Uhr geht es los. Und an den meisten Wochenenden wird weiter gearbeitet. "Am Ende des Tages ist man schwarz und voller Dreck", sagt Henriette. Nur daran wird sie sich wohl nie gewöhnen.

Zur Person

Henriette Mai Huong Abitz, 23 Jahre alt und im Neuköllner Kiez rund um den Richardplatz aufgewachsen, entschied sich nach ihrem Abitur für eine Ausbildung zur Metallgestalterin in der Rixdorfer Schmiede. Die Gesellin stammt aus einer technisch orientierten Familie: Ihre Mutter, gebürtige Vietnamesin, ist Geschäftsführerin einer Software-Firma, ihr Vater pensionierter Mathematik- und Physiklehrer. Henriettes Traum: immer besser in ihrem Beruf werden. Bis dahin könnte es allerdings noch eine Weile dauern: "In 40, 50 Jahren bin ich vielleicht so weit", sagt sie.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist . (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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