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20.02.12

Ich bin ein Berliner

Kai Reineke – Eistaucher

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Kai Reineke. Der 28-Jährige aus Köpenick ist Extremtaucher und nutzte die kalten Tage für eine Expedition unter die Eisfläche.

© Christian Kielmann
Kai Reineke, Eistaucher
Kai Reineke, Eistaucher

Das Grollen kommt von ganz tief unten und bleibt nur einen Augenblick. Wie eine Explosion in Watte, abgedämpft durch viele Tonnen Eis. "Oh Gott, nicht dass wir noch einbrechen", ruft eine Sonntagsausflüglerin und schiebt ihr Mädchen Richtung Ufer. Die Menschentraube stiebt auseinander, nur die Männer in den Taucheranzügen zeigen unverhohlen ihre Vorfreude. "Zu viele Leute auf einem Haufen, da kann es schon mal knacken. Das Eis ist 25 Zentimeter dick, völlig ungefährlich”, sagt einer von ihnen.

Inzwischen warnt die Feuerwehr vor dem Betreten der Eisflächen. Aber selbst wenn hier jemand an diesem Wochenende Anfang Februar unfreiwillig baden gehen sollte: Genügend Retter wären anwesend. Ein Dutzend Eistaucher der Berliner Tauschschule "Action Sport” umringt das akkurat gesägte Dreieck am Bötzsee bei Strausberg. Durch dieses Einstiegsloch gelangen sie in das vier Grad kalte Wasser – und in die Stille.

Kai Reineke ist einer der Unerschrockenen. Der 28-Jährige zwängt sich in den Trockentauchanzug, unter dem er Funktionskleidung trägt. Dazu wird Luft in den Anzug gepumpt, das isoliert zusätzlich. "Von der Kälte kriegt man kaum etwas mit, nur ein bisschen im Gesicht”, sagt er. Auf dem Rücken trägt er gleich zwei Druckluftflaschen, damit er im Notfall auf das zweite Atemgerät umsteigen kann. Viel Technik, die viel Geld kostet - und ziemlich viel wiegt: Seine Ausrüstung ist 45 Kilogramm schwer.

Der Aufwand lohnt kaum, zumindest auf den ersten Blick: Die Sichtweite im Bötzsee beträgt vielleicht zwei, drei Meter. Die Unterwasserwelt macht im Winter Pause, Fische schweben reglos im Dunkeln. Und dann wäre da noch die Frage nach den Gefahren. Das Equipment kann einfrieren, Unterkühlungen drohen, die Orientierung isterschwert, die geschlossene Eisdecke verhindert ein schnelles Auftauchen.

Warum also dieses eiskalte Hobby? Geht es um den klaustrophobischen Kick? "Überhaupt nicht. Das ist einfach eine schöne Erfahrung, die ich nicht missen will”, sagt Kai lakonisch – und holt dann doch noch weiter aus: Ihn treibe der Teamgeist ins Wasser: dieses Gefühl, gemeinsam mit anderen Tauchern an die Grenzen zu gehen. Gemeinsam neue Technik zu testen. Gemeinsam zu fluchen über zu schweres Gepäck und zu kalte Füße. Ein perfekter Sonntag eben.

Obwohl der Frost den See in eine Grabkammer verwandelt: Durch die Decke schimmert Licht, die Sonnenstrahlen brechen sich im Eis in alle Regenbogenfarben. Vor dem etwa 15-minütigen Tauchgang wird ein schmaler Streifen auf dem zugefrorenen See vom Schnee befreit. So entsteht eine Lichtgasse, die den Taucher zurück zum Einstiegsloch führt.

Auch sonst spielen die Taucher mit der Physik. "Die eigenen Luftblasen sehen aus wie Quecksilber und lassen sich umherschieben”, sagt Kai. Ein besonderer Zeitvertreib der Taucher: Die meterlangen Schollen, die man nach dem Sägen des Lochs unter die Eisfläche geschoben hat, geraten beim geringsten Stoß ins Gleiten. Sogar die Schlittschuhläufer, die auf dem Bötzsee herumkurven, sind durch die Eisdecke zu erkennen. "Man sieht Schatten und Kufen und hört die monotonen Geräusche der Läufer”, sagt Kai. Damit im Notfall alles ganz schnell geht, trägt er eine Bergsteigerleine um den Bauch - gesichert mit einem Palstek - und führt das lose Ende in der Hand. So kommuniziert er mit dem Leinenführer, der oben in voller Tauchermontur das andere Ende hält. Fünf Mal ziehen heißt: "Alles in Ordnung.” Ein einziges, heftiges Ziehen bedeutet: "Holt mich sofort hier raus!”

Bislang ist alles gut gegangen bei Kais Expeditionen unter dem Eis. Vier Mal war er jetzt unten und darf sich nun zertifizierter Eistaucher nennen. Damit könnte er theoretisch jederzeit mit nur einem Tauch-Kumpanen in zugefrorenen Seen tauchen. "Aber das würde keinen Sinn machen, dann fehlt dieses Gemeinschaftserlebnis”, sagt Kai. Gemeinsam geht es auch nach dem Tauchgang weiter: Nachdem Kai sein Equipment zurück zum Autogeschleppt hat, packt er die Schlittschuhe aus. Um zusammen mit seiner Freundin, die drei Stunden geduldig vor dem Einstiegsloch gefroren hat, einpaar Runden zu drehen. Wieder auf der Eisfläche, diesmal allerdings oberhalb.

Kai Reineke, 28 Jahre alt, kommt aus Köpenick und schreibt derzeit seine Doktorarbeit am Institut für Lebensmitteltechnologie der Technischen Universität Berlin. Die erste Unterwasser-Erfahrung machte er im Alter von 14 Jahren, mittlerweile hat er über 600 Tauchgänge absolviert. Die Berliner Seen kennt er gut, an der Ostsee hat er schon einige Schiffswrackserkundet, auch mit Haien ist er schon getaucht. Und gerade bereitet er sich auf die nächste Tour vor, diesmal allerdings in deutlich wärmeren Gewässern: eine Tauchreise auf die Galápagos-Inseln.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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