Ich bin ein Berliner
Benjamin Wild - Freizeitsänger
Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Benjamin Wild. Er singt im Berliner Kneipenchor. Die Nische, die er und seine Mitstreiter erfunden haben, liegt irgendwo zwischen Klassenfahrt und Altherrenrunde. Die Proben gleichen einem Familientreffen.
Von Michael Bee (Text) und Christian Kielmann (Fotos)
Diese Popnummer ist so klebrig, dass sie im Halse stecken bleibt: In "Teenage Dream” besingt US-Sängerin Katy Perry die ewige Liebe und lange Sommernächte. Bei ihren Konzerten schwebt sie gern auf Zuckerwattewolken über die Bühne, und auch sonst hat die Pastorentochter alles, was Mädchen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren zum Kreischen bringt. Deswegen ist es erstaunlich, wenn Benjamin Wild die Songzeile intoniert: "You and I, we'll be young forever”.
Man könnte anderes erwarten von dem 29 Jahre alten Berliner mit der Retrobrille, der für einen privaten Fernsehsender Interviewgäste und Künstler rekrutiert. Eben das, was kreative Köpfe in der Hauptstadt machen, wenn ihnen langweilig wird: vielleicht ein Start-up-Unternehmen gründen oder Fashion-Trends setzen. Benjamin dagegen singt Lieder von Katy Perry. Und das nicht alleine. Woche für Woche reiht er sich im Michelberger Hotel in Friedrichshain mit 20 jungen Menschen im Halbkreis auf. Die Herren geben Bass und Tenor, die Damen Alt und Sopran, Notenblätter werden verteilt, die Stimme mit Bier und Wein geölt. Auf Kommando entstehen dann recht hörbare Harmonien, die deutlich über Karaoke-Niveau liegen.
Seit einem Jahr gibt es den Berliner Kneipenchor, der so heißt, weil die Truppe gern in den verrauchten Gaststätten Kreuzbergs, Friedrichshains und Neuköllns auftritt. Dort singen sie ihr bislang überschaubares Repertoire: Neben "Teenage Dream” ist Abbas "Dancing Queen” dabei, "Lisztomania” von Phoenix, "Empire State of Mind” von Jay-Z und Alicia Keys – oder der 80er-Jahre-Hit "Ohne Dich” von der Münchener Freiheit. "Ein echter Schmiersong, den man halt mitgröhlen muss, wenn der in der Kneipe läuft”, sagt Benjamin. Als nächstes Lied soll "Männer” von Herbert Grönemeyer eingeübt werden – noch so ein Gassenhauer mit Gröhlfaktor.
Den Anschein, es ginge hier um ein ambitioniertes Musikprojekt, will Benjamin gar nicht erst erwecken. "Der Kneipenchor ist eine Ansammlung von extrovertierten Solisten, die als Chor eigentlich gar nicht funktionieren dürfte”, sagt er. Dennoch stieß die Idee auf ungeahnte Sehnsüchte. Als die Gruppe im Internet einen Aufruf zum Mitsingen startete, kamen innerhalb einer Woche über 100 Bewerbungen zusammen. Zu viel für den kleinen Chor. Ein Aufnahmestopp wurde verhängt, neue Sängerinnen und Sänger sollen vorerst nicht dazu stoßen. Vielleicht liegt es auch daran, dass in Berlin eine neue Lust am Singen um sich greift: Insgesamt 2000 Chöre mit etwa 60.000 Mitgliedern gibt es laut Berliner Chorverband in der Hauptstadt – von der christlichen Kantorei bis hin zum Knabenchor. Tendenz steigend.
Die Nische, die sich Benjamin und seine Mitstreiter erfunden haben, liegt dagegen wohl irgendwo zwischen Klassenfahrt und Altherrenrunde – die Proben gleichen einem Familientreffen: Es wird viel getrunken, viel geplaudert, und erst die Ansagen von Dirigentin Jana Klepers bringen ein bisschen Ordnung in den Haufen. "Das Bild, das viele Leute von Chören haben, ist ja häufig von der Schule geprägt. Da machen dann oft die tendenziell eher uncoolen Leute mit”, sagt Benjamin. Im Kneipenchor verzichte man dagegen auf klassische Chorliteratur und nehme sich die Freiheit, mit dem Flaschenbier in der Hand die Töne ordentlich zu versemmeln. Zumindest wenn man unter sich ist. "Da klingt es teilweise echt furchtbar”, sagt Benjamin. Erst wenn es drauf ankomme, sei die Konzentration da: "Wir sind eine Turniermannschaft.”
Aber ist das Ganze nun ein Witz? Eine Abrechnung mit vermeintlich spießbürgerlichen Freizeitvorlieben? Auf keinen Fall, sagt Benjamin und verfällt in den Ton eines musikalischen Früherziehers: "Wir wollen einfach Freude und Lust am Singen vermitteln.” Peinlich soll hier nichts sein. Im Gegenteil: Videos und Fotos der Proben und Konzerte werden selbstbewusst ins Netz gestellt: Bei YouTube und Facebook kann man die ersten Gehversuche des Chors verfolgen. Und darf dann dort bestaunen, wie 20 junge Erwachsene singen: "You make me like I'm living a teenage dream.”
Benjamin Wild (29) stammt aus Essen, wohnt mittlerweile in Prenzlauer Berg und ist seit Anfang 2011 beim Berliner Kneipenchor dabei. Eine musikalische Ausbildung hat er nicht, einige seiner singenden Mitstreiter – viele davon aus der Medienbranche der Hauptstadt – bringen dagegen ihre Erfahrungen als Studiomusiker mit. Seinen größten Auftritt hatte der Berliner Kneipenchor im Heimathafen Neukölln mit der Kölner Popgruppe Klee, weitere Konzerte folgten im Monarch in Kreuzberg oder im Astra Kulturhaus in Friedrichshain.
Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.
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