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Ich bin ein Berliner

Rainer Leonhardt - der Baustoffhändler

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Rainer Leonhardt. Er handelt mit antiken Baumaterialien und ist zugleich ein Jäger verlorener Schätze.

Massimo Rodari
Foto: Massimo Rodari
Rainer Leonhardt, der Baustoffhändler

Sein Job ist flüchtig und massiv zugleich. Flüchtig, weil er Erinnerungen sammelt. Massiv, weil diese Erinnerungen in Ziegeln, Steinen, Fliesen und Metallen lagern. Aber Rainer Leonhardt geht es nicht um den Besitz dieser Dinge. Er verwahrt sie lediglich. Bis seine Kunden kommen. Dann sorgt er dafür, dass die Dinge dorthin zurückkehren, wo sie hingehören. Mit dem guten Gefühl, die Vergangenheit in die Zukunft gerettet zu haben.

Sein Geschäft am Charlottenburger Gierkeplatz hat etwas von einer unaufgeräumten Schatzkammer: Fenstergriffe aus Ebenholz und Elfenbein stapeln sich dort, Türklopfer aus Messing in der Form eines Löwenkopfes, Briefklappen und Badewannenfüße, Klingeln und Kaminböcke, Glocken und Beschläge. Ein riesiges Ersatzteillager, penibel sortiert nach Entstehungszeit: Klassizismus, Biedermeier, Jugendstil.

Keinen dieser Gegenstände gibt es in einem Baumarkt zu kaufen, alle wurden vor 1930 produziert, einige sind mehr als 200 Jahre alt. Und dennoch erfüllen sie ihre Funktion tadellos - ganz so, als würden sie frisch aus der Fabrik kommen. "Diese Dinge haben ihre Haltbarkeit bewiesen. Nicht im Labor, sondern genau dort, wo dieser Beweis erbracht werden muss: in den Gebäuden", sagt Rainer Leonhardt.

Seine Materialien erzählen Geschichte - mal verborgen, mal auf den ersten Blick. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Tür zu seinem Geschäft klemmt und sich nur mit einem Ruck öffnet. Oder die Pflastersteine knirschen, wenn man auf ihnen durch die Regale streift. "Diese Dinge sind für mich Kulturgut und Zeugnisse einer vergangenen Epoche", sagt Leonhardt.

Wie zum Beispiel seine Mauerziegel: 350 000 Ziegel hat er für den Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel organisiert. Der britische Star-Architekt David Chipperfield hatte den historischen Baustoff bei Leonhardt geordert. "Die Museumsbesucher sehen nur eine Ziegelwand. Ich kann in diesen Ziegeln Vergangenheit lesen", sagt Leonhardt. Auf ihnen findet man zum Beispiel Hand- und Fußabdrücke von Kindern - bevorzugte Arbeitskräfte in den Ziegeleien des 19. Jahrhunderts. Oder es zeigen sich verschnörkelte Schriftzüge, mit denen sich ein Handwerksmeister verewigen wollte. "Diese Zeichen muss man entziffern können", sagt Leonhardt.

Was zunächst so gediegen und gelehrt klingt, ist in Wahrheit immer auch eine Jagd. Lange Jahre beschafft sich Leonhardt seine Materialien selbst. Er wird hektisch herbeigerufen, bevor die Abrissbirne kommt. Oft bleiben nur wenige Minuten Zeit. Nach der Wende wird er misstrauisch beäugt und beschimpft, wenn er Baustellen durchforstet und unerkannte Schätze retten will.

Mittlerweile steht er in gutem Kontakt mit Handwerkern und Unternehmen, die ihm die entscheidenden Tipps geben. Oder Hausbesitzer und Privatleute melden sich direkt bei Leonhardt und bitten ihn um die Bergung von Baumaterialien. Damit sie nicht achtlos auf der Mülldeponie landen. Aber ist das nicht ein ewiggestriges Geschäft? Eine sentimentale Verklärung von Abfall? Im Dienste dieser Neu-Berliner Altbau-Seligkeit mit abgezogenen Dielen, Stuck-Decken und Kronleuchtern?

Leonhardt schüttelt entschieden den Kopf. "95 Prozent meiner Baumaterialien sind heutigen Materialien weit überlegen", sagt er. Wenn ein 100 Jahre altes Schloss kaputt gehe, reiche eine kleine Reparatur aus - und schon könne er darauf weitere 100 Jahre Garantie geben. Bei modernen Schlössern mit ihrer bisweilen schlampigen Verarbeitung und ihren ungeeigneten Verbrauchsteilen undenkbar. Ganz im Gegenteil sollte man sich ernsthaft rückbesinnen: auf gute alte Handwerkstraditionen, bewährtes Design, zeitlose Schönheit.

Diese Eigenschaften sprechen sich rum. Nicht erst, seitdem die Sprechblase der Nachhaltigkeit umherschwirrt. "Ich glaube, dass ist keine Modeerscheinung", sagt Leonhardt. Der Anteil der Menschen, die Wert auf Authentizität, Ästhetik und Langlebigkeit legen, bleibe konstant, auch über die Jahrzehnte hinweg, sagt er. Auch weiterhin also wird die Vergangenheit die Zukunft überleben - und in stummen Dingen ihre Geschichten erzählen.

Leonhardts Liebe zum Alten ist Familiensache. Der 60 Jahre alte Baustoffhändler und Vater dreier Kinder stammt aus einer Berliner Steinmetzfamilie, schon Großvater und Vater arbeiteten am Stein, genau wie Rainer Leonhardt selbst. Später eröffnete er eine Tischlerei und bemerkte schnell, wie groß der Bedarf nach historischen Materialien ist. Seit 35 Jahren bewahrt er Baustoffe vor der Abrissbirne und trägt sie im Kellerlager seines Charlottenburger Geschäfts zusammen. Eine Million Dinge liegen dort – vom Tür- und Fenstergriff über Schlösser bis hin zu Fliesen, Scharnieren und Kleiderhaken. Sobald ein Kunde kommt, werden sie in Leonhardts Metallwerkstatt, in der fünf Restauratoren arbeiten, in einbaufertigen Zustand versetzt. Und gelangen auf diese Weise ressourcenschonend dahin zurück, wo sie hingehören.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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