Ich bin ein Berliner
Wolfgang Zimmer - der Friseur
Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Wolfgang Zimmer. Für den Friseur, dem auch Stars vertrauen, ist jede Frau etwas Besonderes.
Von Claudia Becker und Sven Lambert (Fotos)
Eigentlich brauchen wir unsere Haare gar nicht mehr. Jedenfalls nicht, um zu überleben. Wir können Glatze tragen, den Kopf mit Mützen, Hüten und Tüchern vor Kälte und Wärme schützen. Wir können das alles machen. Wir würden auf etwas verzichten, was eine wichtige Rolle für unser Wohlbefinden spielt.
Wolfgang Zimmer weiß das. Er lehnt sich zurück auf dem schicken Sofa in der Warte-Lounge seines Salons. Leise Rhythmen dringen aus den Lautsprechern. Ab und zu hallen Schritte durch den Raum, klingelt das Telefon, sind Stimmen zu hören. An den Spiegeln sitzen etliche Kunden. Trotzdem ist es erstaunlich still in dem exklusiven Salon in den Rosenhöfen in Mitte. Wolfgang Zimmer nimmt einen Schluck Kaffee, er isst ein Stück von dem selbst gebackenen Kuchen, den auch die Kunden bekommen, die hier noch ein paar Minuten vor ihrem Termin verbringen können. Er nimmt sich Zeit, um die Philosophie seiner Arbeit zu erklären. "Ich sehe den Menschen als Ganzes", sagt er. Er spürt an den Haaren, wie sich ein Kunde fühlt. Er spürt an der Spannung einer Locke, ob jemand krank ist oder vielleicht besonders gut drauf. Er weiß auch, dass ein Mensch sich umso besser fühlt, je mehr er sich mag. Er weiß, dass die Frisur dafür den Ausschlag geben kann. "Haare machen Spaß", sagt er. Und er will, dass sich seine Kunden Zeit für das nehmen, was so viel spiegelt von der Seele. Was so viel sagt über die Lebenslust. "Einfach mal schnell Haare schneiden ist bei uns nicht." Im Trend liegt sie nicht, die Langsamkeit. Die Ruhe, die er braucht, um den Menschen näher zu betrachten. Seinen Alltag zu verstehen, seine Bedürfnisse. Wolfgang Zimmer setzt eigene Trends. Im Umgang mit den Kunden heißt er Entschleunigung. Im Entwerfen von Frisuren heißt er Individualität.
Er denkt viel nach über Frisuren und Stil. Das hat auch damit zu tun, dass er an einer Universität unterrichtet. "L’Oréal’s University of Creativity and Artistry” (LUCA) heißt das Seminar-Programm, das Wolfgang Zimmer in Zusammenarbeit mit Dozenten und Professoren der Berliner Universität der Künste gestaltet. Es ist die erste Friseurausbildung an einer akademischen Einrichtung. Erst im vergangenen August fand eine achttägige Weiterbildung an der UdK statt. Wolfgang Zimmer gefällt es, seine Erfahrungen weiter zu geben. Auch als Ausbilder in seinem Salon. Er freut sich über junge Menschen, die ihn mit ihrem Enthusiasmus begeistern können. Er wohnt noch in ihm, der alte Berufswunsch. Lehrer wollte er mal werden. Sein Vater wollte das nicht. Der Inhaber einer Waagenbaufirma wollte, dass der Sohn in den Betrieb einsteigt. Ein Handwerk sollte er lernen. Der Vater dachte an etwas Technisches, eine Schlosserlehre zum Beispiel. Wolfgang Zimmer entschied sich für den Friseurberuf. "Ist ja auch ein Handwerk", hatte er dem Vater gesagt. Es war schnippisch gemeint. Sie haben sich längst versöhnt, der Vater und der Sohn, der damals nie gedacht hätte, dass der Beruf, den er aus Protest gewählt hatte, der Traum seines Lebens werden würde. Seit 25 Jahren ist er selbstständig. In dieser Zeit hat er die Eigenheiten der Menschen lieben gelernt. Große Nase, abstehende Ohren, Hohe Stirn. Das sind für ihn keine Makel. Das sind Aspekte einer Persönlichkeit. Er weiß, dass die meisten das anders sehen. Dass sie die so genannten Schönheitsfehler vertuschen wollen. Er macht da auch mit. Er findet es aber besser, den Menschen da hin zu bringen, dass er sich mag, Dass er sich für einen Schnitt entscheidet, der Eigenheiten geschickt hervorhebt. "Die schönsten Frauen", sagt er, "sind die, die ihre Individualität mit den Haaren unterstreichen."
Das trifft für alle zu. Für die Schauspielerin Sharon Stone zum Beispiel, für das Top-Model Linda Evangelista. Wenn sie in die Hauptstadt kommen, dann kommen sie zu Wolfgang Zimmer. Er hat sich seinen internationalen Namen als Stylist der Berliner Fashion-Week sowie für Kampagnen von Yves Saint Laurent erarbeitet, aber auch als Künstler, der für Filmproduktionen wie "Das Parfum" oder "Comedian Harmonists" die Haarkonzepte entwarf. Abgehoben will er dennoch nicht sein. "Für mich", sagt er, "ist jede Frau ein Star."
Wolfgang Zimmer (48) betreibt in den Rosenhöfen in Berlin-Mitte (Rosenthaler Straße 36) seinen exklusiven Salon. Am Sonntag, den 27. November 2011, von 10 bis 18 Uhr, wird er in der L’Oréal Professionnel Académie Berlin, Friedrichstraße 200, im Rahmen der Aktion "Friseure gegen Aids" mit anderen international renommierten Friseuren zu Gunsten der Deutschen Aidshilfe jeden Interessierten für einen Mindestspendensatz von 35 Euro frisieren. Terminvereinbarungen unter Tel. 0800- 4342413 oder unter der Email-Adresse: info@friseuregegenaids.de.
Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.
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