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Ich bin ein Berliner

Marvin Zick - der Pfadfinder

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Marvin Zick. Er ist Pfadfinder und durchlief alle Stufen, die es dort gibt. Von der Meute über die Sippe bis hin zum Ranger.

Massimo Rodari
Foto: Massimo Rodari
Marvin Zick ist 22 Jahre alt und der Berliner Landesvorsitzende des Bundes der Pfadfinderinnen

Manchmal nerve es ihn, allen zu erklären, dass Pfadfinder „nicht nur Feuer machen und im Wald rumhängen“ würden. Wieder und wieder das Klischee vom Fähnlein Fieselschweif widerlegen zu müssen. Oder Skeptikern zu erklären, dass er eine Pfadfinderkluft, keine Uniform trage. Und auch sonst weder mit der FDJ noch mit der Hitlerjugend etwas zu tun habe. Aber diese Momente sind selten. Marvin Zick erklärt gerne den Unterschied zwischen dem Ulkverein aus Entenhausen und der weltweit vernetzten Jugendorganisation, die aus Kindern verantwortungsvolle Jugendliche macht.

Marvin Zick ist 22 Jahre alt und schon seit vielen Jahren Mitglied bei den Pfadfindern. Er weiß, was es heißt, das Grau der Berliner Straßen gegen pures Grün einzutauschen.

Marvin Zick durchlief er alle Stufen, die es bei den Pfadfindern gibt; von der Meute über die Sippe bis hin zum Ranger. Seine Mutter hatte ihn 1997, im Alter von acht Jahren, das erste Mal mit auf ein Pfadfinderfest genommen. Ihm gefiel es sofort, es gab Spiele, Beschäftigung und irgendwie war für den Zweitklässler „alles cool“. Nur wenig später hatte er das erste Mal die traditionelle Kluft an – ein blaues Hemd und ein gelbes Halstuch mit bumgestülptem Knoten. Dass die Farben der Berliner Pfadfinder, gelb und blau, dieselben sind, wie die der damalige FDJ, ist reiner Zufall.

Er war von nun an Teil eines Stammes. In Berlin haben die Stämme Namen wie „Askaner“, „Kelten“ oder „Normannen“. Ein Stamm widerum teilt sich in verschiedene Altersgruppen auf. Mit acht Jahren kam Zick in die „Meute“ – die Gruppe für Kinder im Alter von sieben bis elf. „Da wurde man viel bespaßt, lernte wie man ein Zelt aufbaut und dass man eine Tüte Gummibären mit anderen teilt“, sagt Zick. Vor allem gemeinsam Spaß zu haben, sei am Anfang wichtig. Mit Absicht seien die Pfadfinder eine unabhängige Bewegung, weder politisch, noch religiös verankert. „Wir wollen zeigen, dass wir keinen ausschließen“, so Zick. Erst in der nächst höheren Altersgruppe, der Sippe, schimmere der pädagogische Hintergrund durch. „Die Jugendlichen verinnerlichen hier Teamarbeit. Also nicht nur an sich selber, sondern auch an das große Ganze zu denken“. Mit dem „großen Ganzen“ ist bei den Pfadfindern vieles gemeint. Es meint Rücksicht auf die Natur zu nehmen, sie zu kennen und zu achten. Und es meint auch zu lernen, wie man ein Feuer macht und wie man ein Zelt aufbaut, das auch bei Regen und Wind noch stehen bleibt. Doch das sei eben nicht alles. Es bedeute ebenso den korrekten Umgang miteinander zu erlernen. „Die soziale Kompetenz“, sagt Zick „haben sich viele auf die Fahne geschrieben, aber bei den Pfadfindern lernt man es eben“. Zu diesem Lernprozess gehöre auch, dass die Kinder bei gemeinsamen Fahrten auf Gameboys, Handys und auch auf eigenes Geld verzichten müssen. „Altmodisch ist das falsche Wort“. Marvin Zick überlegt lange und setzt noch einmal an. „Wir sind nicht altmodisch, nein, wir sind eher traditionell“, sagt er. Wenn sich die Meute einmal in der Woche zum Heimabend trifft, dann bleiben alle technischen Geräte zu Hause. „Sie brauchen sie einfach nicht. Die Kinder können auch ohne Handys beschäftigt werden“, sagt er.

Nachdem Zick die Meute und die Sippe durchlaufen hatte, wollte er etwas zurückgeben, selbst eine Meute leiten, das Gelernte weitergeben, sein Wissen vermitteln. Zick betont das Prinzip von „Jugend führt Jugend“: „Im Teenager-Alter lernt man zwar noch immer von seinen Eltern, aber manche Dinge lässt man sich vielleicht eher von jemandem sagen, der nur zwei, drei Jahre älter ist, als man selbst.“ Natürlich gebe es auch mal Keilereien oder Unstimmigkeiten. „Wir Pfadfinder sind nicht perfekt. Und wir sind auch keine besseren Menschen.“ Was den Unteschied mache? „Vielleicht lernen wir besser aus unseren Fehlern“.

Für Marvin Zick haben die Pfadfinder schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Er sagt, dass er vieles von seinem Umgangston sicherlich ihnen zu verdanken hat. Und seine engsten Freunde seien jene, die mit ihm im Kindesalter die Gummibärtüte teilten. Immerhin hat er vieles mit ihnen erlebt. In Schottland, Bulgarien, Slowenien und in vielen Städten Deutschlands war er schon als Pfadfinder unterwegs. Alle vier Jahre gibt es außerdem ein Treffen, an dem viele Pfadfinderstämme teilnehmen, das Jamboree. Ungefähr 4000 bis 6000 Pfadfinder aus ganz Deutschland kommen dort für etwa zehn Tage zusammen. „Es gibt einem ein Zugehörigkeitsgefühl, das man nicht beschreiben kann“, schwärmt Zick.

Nachdem er lange selbst seine eigene Pfadfindergruppe hatte und wöchentlich Treffen und Veranstaltungen plante, hat er sich entschieden, einen Schritt weiter zu gehen. Er bewarb sich für den Posten des Landesvorsitzenden und wurde prompt ausgewählt. Als Landesvorstand koordiniert er viel, kümmert sich um das Image der Pfadfinder und stimmt mit seinen Pfadfinderkollegen aus dem Bund über finanzielle und strategische Projekte ab. Ehrenamtlich, versteht sich.

Marvin Zick ist 22 Jahre alt und der Berliner Landesvorsitzende des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V. (BdP). Mit acht Jahren wurde er Mitglied bei dem Bundund hat seitdem alle Stufen der Pfadfinderlaufbahn durchlaufen. Heute arbeitet er neben seinem dualen Logistikstudium ehrenamtlich für die Pfadfinder.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).



Erschienen am 23.10.2011

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