15.07.12

Ich bin ein Berliner

Martin Kunze, Fahrer bei der Berliner S-Bahn

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie S-Bahn-Fahrer Martin Kunze.

Von Julius Tröger (Text) und Massimo Rodari (Fotos)
Foto: Massimo Rodari
Massimo Rodari
Martin Kunzeist Fahrer bei der Berliner S-Bahn, 22 Jahre alt, 1990 geboren in Zwickau. Schon als Kind wollte er Lokführer werden

Martin Kunze dreht den Fahrzeugschlüssel und drückt den Fahr-Brems-Hebel und den Geschwindigkeitshebel nach oben. Sein 175 Tonnen schwerer und 110 Meter langer ockergelb-roter Zug setzt sich in Bewegung. Mit rund 400 Passagieren an Bord geht die Fahrt auf der Ringbahn von Südkreuz nach Schöneberg. Die Strecke ist frei, alle Signale leuchten grün. Martin Kunze gibt Gas.

Der 22-Jährige hat sich seinen Kindheitstraum erfüllt. Er wollte schon immer, so wie wie viele Jungs, Lokführer werden. Das macht er jetzt seit einem Jahr für die Berliner S-Bahn. Eine kurze Zeit. Und doch hat er irgendwie schon alles erlebt. Er erzählt Geschichten, wie ein Fahrgast aus Wut über eine Streckenunterbrechung die Scheibe zu seinem Führerhaus eingeschlagen hat, wie er wegen eines Notfalls nach einem Arzt im Zug suchen musste oder wie er nachts immer wieder Betrunkene abwimmelt, die ihm Bier aufdrängen.

Er erzählt aber auch Geschichten von Touristen aus aller Welt, die sich freuen, wenn er ihnen mit Händen und Füßen das Berliner Liniennetz erklärt. Oder wie er an Silvester gearbeitet hat und am Hackeschen Markt um 0 Uhr den seiner Meinung nach besten Blick von allen Berlinern auf das Feuerwerk durch seine große Panoramascheibe im Führerstand hatte.

Martin Kunze liebt, was er tut. Auch wenn er sich auf Partys und bei Freunden oft rechtfertigen muss. Die Berliner S-Bahn kommt eben nicht immer pünktlich, kaum eine Woche vergeht ohne Störungen. Dafür muss er sich immer wieder verteidigen. Es macht ihm aber nichts aus. "In Berlin wird eben sehr viel gemeckert."

Ein lautes Hupen. Kunze nimmt schnell seinen Fuß vom Pedal. Damit signalisiert er, dass er noch da ist. Sonst würde der Zug sofort bremsen. Der Ton verstummt. Seine S-Bahn der Linie 41, Modell 481, Funkname "Anton", fährt unbeirrt weiter. Stehenbleiben – das ist nämlich gar nicht so das Ding von Martin Kunze. Er will mehr. Und er will nicht etwa schnellere Züge wie den ICE lenken. "Klar wäre es schön, 300 Stundenkilometer zu fahren", sagt der ehemalige Rennrodler. Zig Eiskanäle war er früher mit Geschwindigkeiten von bis zu 140 Kilometern in der Stunde hinuntergeschossen. "Aber bei Schnellzügen wird zu viel vom Computer gesteuert. Bei der S-Bahn macht man alles noch selbst."

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Martin Kunze will die Schienen irgendwann ganz verlassen und richtig abheben – als Pilot. Dafür holt er jetzt sein Abitur nach und übt täglich am Flugsimulator. "Wenn ich nicht S-Bahn fahre, bin ich in der Luft – bisher aber nur am Computer zu Hause." Piloten und Lokführer haben seiner Meinung nach vieles gemeinsam, wie etwa die große Verantwortung für die Passagiere. "Piloten haben aber einen Autopiloten – die haben es ein bisschen leichter." "Aber dafür können wir uns auf den Gleisen nicht verfahren."

Nach genau einer Minute und 31 Sekunden stoppt er seinen Zug in Berlin-Schöneberg. Ihm rutscht ein "Taxi completed" raus. Er ist eben schon ein bisschen Pilot. S-Bahn-Gleise sind seine ganz persönlichen Runways. Die Ankunft ist pünktlich. Menschen stürmen die Waggons.

Die Ringbahn ist bei Zugführern nicht die beliebteste. Sieben bis acht Mal fährt man pro Schicht im Kreis. "Das nimmt manchmal kein Ende."

Viel lieber fährt Martin Kunze auf seiner Lieblingslinie, der S7. "Es geht los von Potsdam durch den Wald in Grunewald. Wie bei einer Vorort-Bahn. Dann rauf auf die Stadtbahn, rein in den bunten Trubel mit Tausenden Fahrgästen. Und dann weiter in den tiefen Osten. Nach Marzahn, Ahrensfelde mit den ganzen Wohnblöcken." Auch schwärmt er bei Nachtschichten von den Sonnenauf- und -untergängen mit dem Fernsehturm am Horizont. "Das ist dann einfach so ein schönes Gefühl, das zu sehen."

Jetzt ist aber Alltag. Gewöhnlicher Berliner Berufsverkehr. Ein Funkspruch holt ihn zurück in die Realität. Vom Bahnhof wird der Auftrag erteilt, die Türen zu schließen. Martin Kunze drückt den Knopf. Der markante S-Bahn-Dreiklang ertönt. Und der Zug zieht wieder an. Martin Kunze wird heute mindestens noch sechs Mal hier vorbeikommen.

Zur Person

Martin Kunze, 22 Jahre alt, 1990 geboren in Zwickau. Schon als Kind wollte er Lokführer werden. Nach der Mittleren Reife und sechs Jahren auf dem Sportinternat als Leistungssportler im Rennrodeln absolviert er 2007 eine Ausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst Fachrichtung Lokführer und Transport. Nach einer Zwischenstation als Kundenbetreuer bei der DB Regio in Stendal arbeitet er seit April 2011 für die Berliner S-Bahn als Triebfahrzeugführer. Er liebt seinen Beruf, denn: "Bei der S-Bahn macht man alles noch selbst."

"Ich bin ein Berliner" erscheint in der Zeitung und Online. Unser Vorbild: "One in 8 Million" von der New York Times. Folgen Sie der Serie auch auf Twitter oder per RSS-Feed. Außerdem gibt es die Audio-Slideshows auch in einer Youtube-Playlist. (v.a. für iPad- und iPhone-Nutzer).

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