22.02.13

Zwischenzeugnis

Frau Freitag trifft auf Mutterliebe im Klassenzimmer

Unsere Kolumnistin Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag im Klassenzimmer.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost
Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost

"Chanel, jetzt schalte endlich dein Handy aus!", sage ich streng, denn langsam nervt es mich, dass Chanel ständig an ihrem Mobiltelefon rumfummelt. Chanel guckt mich verwirrt an. "Ausschalten!", fordere ich sie noch einmal auf.

"Aber ... aber ...", stammelt sie.

"Was, aber? Chanel, die Handys sollen in der Schule nicht benutzt werden!"

"Aber ich muss es anbehalten."

"Warum?"

"Na, was ist, wenn meine Mutter anruft?"

"Warum sollte dich denn deine Mutter anrufen? Die weiß doch, dass du in der Schule bist, und sie weiß auch, dass ihr hier die Handys nicht benutzen sollt."

"Aber wenn meine Mutter mich erreichen MUSS!" Chanel und ihre Mutter sind symbiotisch miteinander verbunden. Beide demonstrieren gern, wie eng ihr Verhältnis ist. Chanels Mutter sagt so Sachen wie: "Ich bin einfach eine zu nette Mutter, wenn ich es nicht schaffe, die Chanel morgens aus dem Bett zu schmeißen."

"Meine Mutter ist mir das Wichtigste auf der Welt"

"Chanel, was soll denn passieren? Warum sollte deine Mutter dich denn anrufen MÜSSEN?", frage ich und antizipiere den üblichen "Meine Mutter ist die wichtigste Person in meinem Leben"-Vortrag.

"Was ist, wenn meine Mutter einen Unfall hatte?" Chanel klingt so dramatisch, als hätte sie soeben einen Anruf aus der Intensivstation erhalten.

"Chanel, wenn deine Mutter einen Unfall hatte, dann wird sie oder irgendjemand anders einen Krankenwagen rufen. Wie solltest du ihr denn da helfen? Du bist doch kein Arzt. Und wenn sie dann im Krankenhaus ist, dann würden die sich in der Schule melden."

Chanel sieht das ganz anders und springt entsetzt auf: "Waaaas???? Was, Krankenwagen? Meine Mutter ist mir das Wichtigste auf der Welt. Natürlich würde sie MICH anrufen und dann ... und dann ...! Nein, Frau Freitag, ganz ehrlich, ich MUSS mein Handy anlassen." Ich überlege, ob ich ihr vorschlagen soll, dass sie mit ihrer Mutter ja vereinbaren kann, dass diese im Falle eines Unfalls eine SMS schicken könnte. Ich verwerfe diesen Gedanken.

Auch weil Chanel jetzt richtig in Fahrt kommt: "Meine Mutter ruft mich IMMER an, oder ich rufe sie an. Sie muss doch wissen, wo ich bin." Ich frage noch mal nach: "Wieso? Wo sollst du denn sein? Du gehst morgens aus dem Haus und dann in die Schule. Du schläfst doch zu Hause, oder?"

"FRAU FREITAG!!!" Chanel ist empört: "Natürlich schlafe ich zu Hause!"

"Aber wieso weiß deine Mutter dann nicht, wo du bist?"

Heute hat sich durch Handys so einiges verändert

Jetzt mischt sich Rosa ein: "Ich rufe auch immer meine Mutter an, wenn ich in der Schule bin. Ich muss doch sagen, dass ich gut angekommen bin." Chanel nickt bestätigend: "Ja, muss man doch."

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Da rufen diese Teenagermädchen täglich ihre Mütter an, um denen zu berichten, dass sie in der Schule angekommen sind. Wir reden hier nicht von Erstklässlern. Meine Schülerinnen sind fast 15, und Chanel ist sogar schon 16. Ich wäre früher nicht im Traum darauf gekommen, jeden Morgen meine Mutter anzurufen. Wäre auch schwierig gewesen, es gab ja noch keine Handys.

Heute hat sich durch Handys so einiges verändert. Anscheinend auch die Mutterliebe, denn ohne ihr Handy könnte Chanel diese Verbundenheit ja gar nicht ausleben und vor allem nicht demonstrieren. Komisch ist nur, dass sie immer, wenn ich ihr das Handy abnehme, gerade bei Facebook ist. Und dort kommentiert sie immer auf der Seite von einem gewissen Hakan. Heißt ihre Mutter Hakan?

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