04.01.13

Zwischenzeugnis

Frau Freitag - Vorsätzlich ins neue Jahr

Unsere Kolumnistin Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag im Klassenzimmer.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost
Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost

"Feiern Sie auch Silvester, Frau Freitag?" fragt mich Hamid neulich auf dem Hof. Was ist das für eine Frage? "Nee weeßte Hamid, ich feiere nicht Silvester. Für mich endet das Jahr nicht. Für mich ist der 31.12. ein ganz normaler Tag. Ich gehe Weihnachten auch in die Schule." Hamid guckt mich an. Verwirrt. Auch Günther wundert sich. "Sie feiern nicht?"

"Nein. Ich bin auch gar kein Mensch. Wir Lehrer sind alle Maschinen. Über Nacht stehen wir in so einem Abstellraum neben dem Lehrerzimmer und morgens kommt dann der Schulleiter und programmiert uns. Hier guckt mal." Ich ziehe meine Strickjacke zur Seite und zeige auf mein T-Shirt: Wenn man hier aufmacht, sind da auch keine Organe drin, sondern Technik. Jeden Tag werden wir dann auf den Unterricht eingestellt. Eine Stunde Englisch in der Achten, dann Kunst, dann Hofaufsicht." Jetzt sind die Jungs völlig sprachlos. Günther hat sogar den Mund leicht geöffnet. "Mann Hamid, Günther... natürlich feiere auch ich Silvester. Ich bin zwar Lehrerin, aber wir sind auch ganz normale Menschen. Menschen mit mehr Ferien, aber sonst..."

Als ich dann wirklich Silvester feierte, musste ich allerdings an Hamid und Günther denken. Wahrscheinlich unterscheidet sich die Art und Weise, wie wir das Jahresende begehen, erheblich voneinander. Ich zum Beispiel war in Stockholm, und die beiden waren in Berlin. In Stockholm wurde nicht schon drei Tage vorher geballert. Selbst um 24 Uhr blieb das Feuerwerk überschaubar. Im Gegensatz zu Hamid und Günther hatte ich nicht nur keine einzige Rakete abgefeuert, sondern sogar Angst vor den Böllern, die andere Leute weit entfernt von mir zündeten.

Mein Hauptinteresse am letzten Tag des Jahres galt dem Essen und der Auswahl meiner Garderobe. Auch hierin unterschied ich mich wahrscheinlich von meinen Schülern. Und jedes Silvester denke ich: Ach, ich könnte eigentlich auch zu Hause bleiben und fernsehen. Aber das geht ja nicht. Noch nicht. Vielleicht wird das im Alter anders. Genauso, wie man als Kind Silvester oft verpennte, weil die Eltern einen dann doch nicht geweckt haben, genauso kann man dann als Omi einfach durchschlafen. Darauf hoffe ich geradezu, denn auch jetzt schon fällt mir das Wachbleiben immer schwerer.

Und dann die Neujahrsvorsätze, die man sich jedes Jahr macht und dann doch nicht einhält. Man nimmt sich die dollsten Sachen vor, Dinge, die kein Mensch einhalten kann. Sachen wie: Nicht mehr rauchen, mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren... Meistens schafft man das schon in den ersten Tagen nicht, womit das neue Jahr gleich ganz schlecht anfängt. Ich nehme mir für dieses Jahr deshalb nur angenehme Dinge vor. Inspiriert von Olga, die sagte: "2012 habe ich mir vorgenommen, mehr Geld für CDs auszugeben."

Ich möchte 2013 mehr fernsehen, ruhig mal ungesund essen. Ein paar Kilo zunehmen und das gut finden. Mich nicht mehr über ungemachte Hausaufgaben ärgern, mich mit dem unaufgeräumten Zustand meines Schreibtisches anfreunden, die Nachbarn lauter grüßen, damit sie nicht denken, ich sei unhöflich. Im Sommer mal ein Bier bestellen und gucken, ob das auch ohne Fanta schmeckt und mein Fahrrad im Winter in den Keller bringen. Ich habe diese Vorsätze aufgeschrieben und mir fest vorgenommen mich daran zu halten. Was sich Hamid und Günther wohl vorgenommen haben? Mehr schlafen? Weniger Hausaufgaben machen?

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