28.12.12

Zwischenzeugnis

Frau Freitag raucht nicht und nichts schmeckt mehr

Unsere Kolumnistin Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag im Klassenzimmer.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost
Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost

"Und was bringen Sie mit?", fragt Orkan.

"Was fehlt denn noch? Haben wir Butter? Und Wurst?"

Hamid blickt erschreckt auf und ich lese in seinem Gesicht, dass er Angst hat, dass ich die falsche Wurst kaufen und dann meinen Schülern verbotenes Schweinefleisch vorsetzen könnte. "Hamid, dann bring du doch die Wurst mit und ich kaufe Butter und Käse." Wir planen unser Weihnachtsfrühstück. Es soll am letzten Schultag stattfinden. Günther möchte Nutella kaufen. Damit sind alle zufrieden. Ohne Nutella kann man auch frühstücken, aber ohne Brötchen und ohne Butter nicht.

Die letzte Schulwoche wird noch mal anstrengend. Ich habe mir mehrere Mütter zu Elterngesprächen eingeladen und am Freitag noch das Frühstück. Aber dann sind endlich Ferien. Denke ich. Bis Sonntagnacht denke ich das, als ich plötzlich aufwache und mir ganz schlecht wird. Beim "Tatort" ging es mir noch gut, bei Günther Jauch schlief ich. Und mitten in der Nacht hänge ich auf dem Klo und übergebe mich. Es fühlt sich an, als wollten sich alle inneren Organe nach außen stülpen.

Der Arzt sagt: "Sie sind heute der zehnte Patient, dem es so geht. Ich schreibe Sie bis Freitag krank."

Krass, dann kann ich ja gar nicht mehr zur Schule gehen. Ich habe doch die Mütter bestellt und das Frühstück, was wird denn jetzt aus dem Frühstück? Lange kann ich mir darüber allerdings keine Gedanken machen, denn ich bin nur noch ein Spielball des gemeinen Virus, der sich in meinem Magen-Darm-Trakt mit den Resten meines angegriffenen Immunsystems einen Jahrhundertkampf liefert.

Die ersten drei Tage kann ich nicht mal trinken, bis Donnerstag habe ich nur einen Keks gegessen und erst am Freitag höre ich auf, mich zu übergeben.

"Jetzt hast du schon fast eine Woche nicht mehr geraucht", stellt der Freund am Sonnabend fest. "Vielleicht fängst du einfach nicht mehr an."

Nicht mehr rauchen. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber er hat Recht. Momentan fehlen mir die Zigaretten gar nicht. Nichtraucher zu sein hätte vielleicht sogar ein paar Vorteile. Die Klamotten stinken nicht so, man spart eine Menge Geld, kommt leichter die Treppen hoch und alles schmeckt besser. Das sagen doch immer alle frischen Nichtraucher: "Das Essen schmeckt jetzt sooo viel besser." Ich kann es ja probieren. Wenn es mir nicht gefällt, kann ich auch wieder anfangen.

Am Sonnabend fange ich allerdings erst mal an zu essen. Suppe. Nach einer Woche ohne Nahrung und ohne Zigaretten, erwarte ich nun wahre Geschmacksexplosionen. Aber was ist das? Ich nehme einen Löffel, dann noch einen...

Deshalb esse ich sie auch nicht auf. Nach einer halben Stunde gehe ich an den Kühlschrank. Da liegt eine Milchschnitte. Auch die schmeckt nicht. Ein Stück von meinem Lieblingskäse, ein Apfel, ein Stück Schokolade... nichts schmeckt!

"Was ist das für ein Quatsch mit dem Rauchen und den Geschmacksnerven? Nichts schmeckt besser! Alles schmeckt wesentlich schlechter!"

"Vielleicht ist das noch der Virus", versucht mich der Freund zu trösten.

"Nein, ich weiß, was das ist. Jetzt, wo ich nicht mehr rauche, schmecke ich wirklich alles intensiver. Und weißt du was? Es schmeckt einfach alles Scheiße!"

Eine wirklich frustrierende Erkenntnis am Jahresende – Nichtraucher und nichts schmeckt mehr... Zweifelhaft, ob ich das noch lange mitmache.

Noch mehr Kolumnen von Frau Freitag gibt es hier.

Und hier geht es zum Blog von Frau Freitag.

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