30.11.12

Zwischenzeugnis

Frau Freitag über die strengsten Lehrer der Welt

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für Morgenpost Online
Frau Freitag schreibt wöchentlich für Morgenpost Online

Ich warte auf die "Lindenstraße" und zappe mich durch die Programme. Sonntagabend. Bei "Die strengsten Eltern der Welt" bleibe ich hängen. Ah, Jugendliche, interessant. Unerzogene Jugendliche, noch interessanter. Die meisten Lehrer würden am Wochenende einen weiten Bogen um Jugendliche im Fernsehen machen. Ich genieße es immer, Pubertierenden beim Stressmachen zuzusehen, wenn ich nichts mit ihnen zu tun habe.

Diese Sendung "Die strengsten Eltern der Welt" ist aber irgendwie komisch. Erst sieht man immer einen Jungen und ein Mädchen, die sich total danebenbenehmen. Sie sind respektlos ihren Eltern gegenüber, gehen nicht zur Schule, klauen, rauchen, trinken und schreien viel. Ihre Eltern schreien auch, und meistens treten die Jugendlichen noch irgendetwas in der Wohnung kaputt. Der Junge in dieser Folge erinnert mich an Hamid aus meiner Klasse. Der macht auch nie das, was ich ihm sage, und stört permanent den Unterricht.

Dann Schnitt – Flughafen. Die beiden Teenager treffen sich in der Abfertigungshalle und denken angeblich, dass sie auf einen Partyurlaub ohne Eltern fahren. Was sind das denn für Jugendliche, die im Ernst denken, dass sie für so schlechtes Benehmen noch belohnt werden? Und die leben doch auch nicht im luftleeren Raum, beziehungsweise in einer fernsehlosen Welt. Was soll denn das für eine Sendung sein, wo renitente Halberwachsene beim Partymachen gefilmt werden? Diese Sendung müssten sie doch dann schon mal gesehen haben. Und müssten sie nicht auch die Sendung kennen, in der sie mitspielen? Außerdem hat das Kamerateam, von dem sie ja dauernd begleitet werden, doch bestimmt Aufkleber mit dem Namen der Sendung auf der Kamera. Die Ahnungslosigkeit der beiden Kinder überzeugt mich nie, und ihre ersten Eindrücke sind auch immer wieder gleich.

Der Junge und das Mädchen sind natürlich völlig geschockt, dass sie nicht auf Ibiza oder Mallorca landen, sondern in irgendeinem sehr ärmlichen Land. Die "strengsten Eltern" wohnen gerne mal sehr bescheiden und jenseits jeglicher Zivilisation. Dann finden sie alles blöd und mögen das Essen nicht. Sie wollen rauchen und abhauen. Für beides werden sie bestraft. Aber irgendwann kommt zwischen zwei Werbepausen die Läuterung, und sie fangen an zu weinen, und dann sehen sie auch sehr schnell ein, dass ihr Verhalten falsch war, sie ihre Eltern eigentlich lieb haben und dass jetzt alles anders werden soll. Zu Hause bei den Eltern gibt es wieder viele Tränen, diesmal aber vor Glück und aus Liebe.

Jedes Mal, wenn ich eine Folge von "Die strengsten Eltern der Welt" gesehen habe, denke ich: Warum kann ich die schwierigen Schüler aus meiner Klasse nicht zu den "strengsten Lehrern der Welt" schicken?

"So Hamid, pack mal deine Sachen, es geht ab an den Strand!"

Hamid würde dann in irgendeinem Entwicklungsland zur Schule gehen und dort den Unterricht stören. Aber jetzt unterrichtet ihn ja der "strengste Lehrer der Welt". Der gibt ihm einen Tadel, schimpft und spricht mit ihm. Jedenfalls sieht Hamid plötzlich ein, dass sein Verhalten falsch ist. Er weint. Es tut ihm unendlich leid, dass er sich bei Frau Freitag in Englisch immer so daneben benommen hat. Nach Hamids Rückkehr in meine Klasse führen wir ein langes Gespräch. Er will nie wieder Unsinn machen. Er entschuldigt sich bei mir und allen Kollegen. Von da an macht er im Unterricht super mit und bekommt gute Zensuren. Alle sind glücklich, und nach ein paar Jahren macht Hamid einen ganz tollen Schulabschluss. Ich schreibe einen netten Brief an den Fernsehsender, bedanke mich für die gute Zuarbeit und organisiere die nächste Verschickung. Ich glaube, ich rufe gleich mal bei RTL an und verabrede ein Treffen.

Noch mehr Kolumnen von Frau Freitag gibt es hier.

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