16.11.12

Zwischenzeugnis

"Warum heiraten Sie nicht, Frau Freitag?"

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für Morgenpost Online
Frau Freitag schreibt wöchentlich für Morgenpost Online

"Frau Freitag, gut, dass ich dich sehe. Dich hatte ich noch nicht, oder?" Frau Schwalle setzt sich im Lehrerzimmer zu mir. Sie legt eine Kollegiumsliste auf den Tisch und daneben eine leere Niveadose. "Du, die Frau Kriechbaum heiratet. Du hast noch nichts gegeben, stimmt"s?" Sie sucht nach meinem Namen. Ich lasse sie suchen, obwohl ich weiß, dass ich noch nicht gespendet habe. Ich mag Frau Kriechbaum nicht und ich mag auch nicht dauernd Geld für irgendetwas geben. Ich glaube, dass einige Kollegen öfter als einmal im Jahr Geburtstag haben. Jetzt fangen die jüngeren Kollegen auch noch an zu heiraten und bald heißt es dann: "Frau Kriechbaum ist gerade Mutter geworden, wir sammeln für einen Kinderwagen."

Ich starre auf Frau Schwalles Liste, die sie aus durchschaubaren Gründen vor mir auf den Tisch legt. Peerpressure - funktioniert auch im Lehrerzimmer.

"Was ist nun?", fragt sie ungeduldig. Ich nehme mein Portemonnaie raus und wühle im Kleingeldfach. Scheine habe ich nicht mit und soviel wäre mir die Heirat von Frau Kriechbaum auch nicht wert - bin ja noch nicht mal eingeladen. Ich schiebe Frau Schwalle zwei Euro über den Tisch.

Nach der Schule will ich mir im Kiosk an der U-Bahn Zigaretten kaufen. Ich habe aber nur noch drei Euro. Zwei Euro fehlen - die hat ja jetzt Frau Schwalle und dann bekommt sie Frau Kriechbaum. Toll.

Genervt steige ich in die U-Bahn. Ich denke über Frau Kriechbaum nach und Frau Schwalle. Plötzlich sehe ich Zainab. Zainab war vor Jahren bei uns auf der Schule. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch mit einer silbernen Borte. Sie ist schlank und sehr modisch gekleidet. In der Hand hält sie eine prallgefüllte H&M Tüte.

"Frau Freitag! Schön, Sie zu sehen! Wie geht es Ihnen?" Ich freue mich auch, sie zu treffen. Ich mochte Zainabs aufgeweckte und lebendige Art immer sehr gerne. "Zainab, hallo, ja, mir geht es gut. Aber erzähl mal von dir! Was machst du so? Wolltest du nicht an die Uni?"

"Ja, ich studiere Psychologie und Pädagogik. Macht Spaß." "Zainab, dann werde doch Lehrerin! Du wärst bestimmt eine super Lehrerin." Sie grinst. "Meinen Sie?"

Dann sehe ich wieder ihr Kopftuch: "Ach, das geht ja nicht, so mit Kopftuch, das müsstest du dann ja abnehmen."

"Stimmt, geht ja dann nicht.", sagt sie lächelnd.

"Und Frau Freitag, wie geht es Ihnen so privat? Sind Sie noch mit Ihrem Freund zusammen?" Ich nicke. "Sind Sie immer noch nicht verheiratet?", fragt sie mich und ich denke: Super, jetzt geht das wieder los. Seit zehn Jahren ist der sehnlichste Wunsch aller meiner Schülerinnen, dass ich heirate. "Warum heiraten Sie nicht Ihren Freund?". "Ah, Sie fahren in den Ferien nach Italien, da können Sie doch mit ihn heiraten." Es hat mich schon unglaublich viele Worte gekostet, ihnen zu erklären, dass ich einfach nicht heiraten möchte, weil mir das nicht wichtig ist und dass es keineswegs daran liegt, dass ich nicht weiß, wo ich meinen Freund heiraten möchte. Und nun fängt Zainab auch noch damit an. Zainab, diese aufgeklärte, moderne junge Frau, die sogar studiert. Für meine Schülerinnen scheint die Heirat das einzige oder zumindest das größte Ziel im Leben zu sein. Nicht zu heiraten, können sie sich überhaupt nicht vorstellen.

Zainab guckt mich mit großen Augen an: "Jetzt wirklich Frau Freitag, warum heiraten Sie nicht?"

"Zainab, warum soll ich denn heiraten? Ich bin auch so glücklich."

Sie grinst: "Also ich wäre schon längst verheiratet. Frau Freitag, dann gehen die Steuern runter!" Ich denke kurz nach - wo sie recht hat, hat sie recht, und vielleicht würde dann Frau Schwalle auch mal für mich im Lehrerzimmer sammeln.

Noch mehr Kolumnen von Frau Freitag gibt es hier.

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