28.09.12

Zwischenzeugnis

Frau Freitag über getrennte Tische im Unterricht

Frau Freitag arbeitet als Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule und berichtet auf Morgenpost Online aus ihrem Alltag.

Foto: BM

"Frau Freitag, wir wollten doch noch über die Sitzordnung sprechen." Mist, das hatte ich ganz vergessen. Es klingelt in zehn Minuten. Im Fachunterricht gibt es von den Kollegen immer wieder Beschwerden über meine Klasse.

"Die sind so verquatscht und machen nur Unsinn." Diese Informationen gebe ich an meine Schüler weiter. Und frage noch nach Details: "Rosa, erzähl" mal, was ist da los in Musik?"

"Hamid, Taifun und Raifat quatschen immerzu."

"Wie sitzt ihr denn dort?"

"Die drei sitzen immer nebeneinander und Oskar und Fuad auch."

"Waass??? Oskar und Fuad? Und Hamid und seine Gang... die sind nicht an getrennten Tischen?"

Rosa zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. In meinem Unterricht sitzen die alle so weit auseinander, dass man meinen könnte, sie säßen in unterschiedlichen Räumen. Oskar und Fuad an einem Tisch zu lassen... wer macht denn so was? Da kann man sich ja gleich eine Bigband in den Unterricht einladen. Und Hamid und seine Jungs, das ist auch eine explosive Mischung.

In meinem Unterricht sitzen alle Jungen neben Mädchen – vom ersten Tag an. Ich hatte vor Schulbeginn in der siebten Klasse Namensschilder gemacht, sie laminiert und auf die Tische geklebt. Immer ein Junge neben ein Mädchen. Da die Schüler sich ja noch nicht kannten, hat sich auch niemand über die Sitzordnung beschwert. Man kann ja schlecht rumblöken, dass man nicht neben Taifun oder Volkan sitzen will, wenn man die noch gar nicht kennt.

Die Chance, einen so autokraten Sitzplan durchzusetzen, hat man nur einmal. Hätte ich die Schüler erst mal frei wählen lassen, dann wäre es unmöglich gewesen, sie später wieder zu trennen. Nie hätte sich ein Mädchen freiwillig neben einen Jungen gesetzt.

"Wie lange bleibt diese Sitzordnung?" Diese Frage hörte ich letztes Jahr in regelmäßigen Abständen, aber dieses Schuljahr nicht mehr so oft. Sie scheinen sich an ihr Bankmädchen, bzw. Bankjungen gewöhnt zu haben.

Klar, die Schüler entfernen sich zunächst nicht unter Jubelschreien von ihren Freunden. Aber durchsetzen könnten die Kollegen das bestimmt.

"Okay, dann sprechen wir noch mal über die Sitzordnung", sage ich zu meiner Klasse. Sie haben die vom Kunstunterricht bei mir übernommen, weil sie da relativ ruhig sind und gut mitarbeiten.

Rosa liest den Plan vor. Plötzlich meldet sich Elena: "Frau Freitag, ich möchte aber in Musik nicht neben Volkan sitzen." Dann meldet sich Dilay: "Ich sitze da alleine und kann sehr gut mitmachen. Ich will in Musik weiter alleine sitzen." Jetzt Hamid: "Ich will auch alleine sitzen."

"Hamid, du störst oft, du darfst dir nicht aussuchen, wo du sitzen willst", sage ich.

Rosa meldet sich: "Frau Freitag, ich dachte, dass ich neben Hamid sitzen kann. Damit er sich in Musik beruhigt." Ich bin baff. Und lobe sie sofort für diese gute Idee. Wir starten eine kurze Diskussion. Ich moderiere. Das heißt, ich halte mich zurück und schreibe lediglich die Namen der Kinder auf, die sich melden. Am Ende wollen alle versuchen, die Sitzordnung aus dem Kunstunterricht auch in Musik zu übernehmen. Es gibt nur eine Änderung: Hamid sitzt nicht mehr alleine, sondern neben Rosa. Ich bin stolz auf meine Klasse.

>>> Die Kolumne von Frau Freitag auf Morgenpost Online

>>> Und hier geht es zum Blog von Frau Freitag.

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