Obdachlose in Berlin
Kälte und Diebe rauben Alfons den Schlaf
Der 55-jährige Alfons ist einer von rund 7000 Obdachlosen in Berlin. Seit drei Jahren hat er nun schon kein Dach über dem Kopf. Damit habe er sich abgefunden, sagt er. Mittlerweile habe er sich angewöhnt, mit zwei Stunden Schlaf auszukommen.
Von Daniel Müller
Als um sechs Uhr früh eine Glocke läutet, öffnet sich ein kleines Fenster. Davor warten schon seit einer Viertelstunde 17 Männer und eine Frau auf ihr Frühstück. Eine Hand reicht Croissants raus, Kürbiskernbrötchen mit Käse, Kaffee. Alfons nimmt den Becher in die rechte Hand, er zittert, zittert so stark, dass das meiste einfach überschwappt, bevor er seine Lippen an den Becherrand führen kann. Er schaut dem Kaffee hinterher wie einem Freund, von dem er sich in diesem Moment für immer verabschieden muss. Dann stellt er sich noch einmal an, nützt ja nichts. Das Thermometer misst minus 13 Grad.
Es sind die kältesten Nächte eines Winters, der eigentlich vorbei schien, bevor er richtig angefangen hatte. Alfons ist 55, er gehört zu den rund 7000 Menschen in Berlin, die obdachlos sind. Die meisten von ihnen schlafen draußen oder in U-Bahnhöfen, in Lagerhallen und verlassenen Häusern, auch weil in den städtischen Notunterkünften einfach nicht genug Platz für alle ist. Stephan von Dassel, der Bezirksstadtrat für Soziales aus Mitte, hat deswegen am Mittwoch den Senat eindringlich aufgefordert, "seine Obdachlosenpolitik endlich den aktuellen Gegebenheiten anzupassen" und unter anderem mehr Schlafplätze zu schaffen.
Sein Revier am Bahnhof Zoo
Alfons hat seine Wohnung vor drei Jahren verloren, "Fehler vom Amt", sagt er. Genauer will er das nicht erklären, er habe mit dieser Sache abgeschlossen. Jetzt lebe er eben auf der Straße, basta. "Es kommt, wie es kommt", sagt Alfons. Man müsse allem im Leben mit Respekt begegnen, auch dem Absturz. Seither ist der Bahnhof Zoologischer Garten sein Revier. Die alten Viadukte im Park, die Bahnhofsmission, wo er sich so wie heute früh oft sein Frühstück holt, die Fast-Food-Ketten, in denen er manchmal ein paar Stunden bleiben darf, wenn er einen Kaffee kauft. Und der U-Bahnsteig. Da schläft er manchmal, gerade in diesen kalten Tagen ist es für Alfons dort unten bei der U9 fast so, als wäre er in einem Haus. Kein Wind, die schwarze kalte Nacht zehn Meter über ihm, unmöglich zu sehen bei dem gleißenden Licht. Hier unten wirkt es wie im Operationssaal.
Das Schlafen habe er sich aber weitgehend abgewöhnt, abgewöhnen müssen, sagt Alfons. Zwei Stunden, mehr brauche er nicht mehr. Im Winter sei es ja eh einfach zu kalt, um draußen zu schlafen. "Außerdem klauen sie mir ja alles unterm Hintern weg." Der Respekt der Menschen voreinander gehe immer mehr verloren, das sei alles nicht mehr wie früher. "Früher, da hieß es: Heute helfe ich dir, morgen hilfst du mir." Im Sommer, als er auf einer Parkbank schlief, habe ihm ein anderer Obdachloser sogar mal das Klopapier geklaut. "Das gibt's doch gar nicht, haben die denn vor gar nichts mehr Respekt?"
"Die". Alfons sagt das, als gehöre er nicht dazu. Die Obdachlosen auf der einen Seite, er auf der anderen. Er weiß, dass es nicht so ist, aber manchmal wirkt er, als wolle er es einfach nicht wahrhaben, dass ausgerechnet er, der früher so viel gearbeitet hat, jetzt so oft nichts macht. Früher, da war er mal Bäcker in einer Großbäckerei, in Massen hat er Teig in zimmergroße Maschinen geworfen, 1600 Brote pro Schicht hat er gebacken. Früher, da war er auch mal Schlosser, aber nur kurz, das hat ihm nicht so gefallen. Früher hatte er manchmal zwei Jobs auf einmal, morgens acht Stunden den einen, abends sechs Stunden den anderen. Da kam es ihm so vor, als sei die Zeit schneller als er selbst. Als renne das Leben an ihm vorbei und er stünde daneben und könnte nur zuschauen. Jetzt ist es das Gegenteil. Jetzt steht die Zeit still. Wer 22 Stunden am Tag wach ist, wer das nicht betäubt, wie Alfons, der nicht viel trinkt, wie er sagt, für den ist das das Allerhärteste: die Langeweile.
Alfons hat sich bei der Bahnhofsmission noch Kaffee in eine Plastikflasche füllen lassen, dann geht er los, schnell, in kleinen Trippelschritten durch den Bahnhof hindurch. Kleine, schnelle Schritte, das helfe gegen die Kälte, sagt Alfons. In den Turnschuhen trägt er keine Socken, die Jeans ist hochgekrempelt, als gehe er am Strand entlang. An den Knöcheln hat er Narben, rote und blaue Flecken, an einer Stelle ist das Schienbein offen, er müsste zum Arzt damit, aber er will das nicht. "Hinterher nehmen die mir das noch ab." Er bleibt an einer Mülltonne stehen, beugt sich hinab und steckt sich Zeitungsschnipsel in die Schuhe. Gegen die Kälte.
Sich sauber fühlen
Die Nacht, die jetzt langsam in den Tag übergeht und für Alfons auch nicht mehr als minus sechs Grad bereithält, hat er zum großen Teil in Zügen verbracht und in der S-Bahn. Wenn er nicht im U-Bahnhof ist, fährt er immer Zug. Da könne er in Ruhe die Toiletten benutzen, sich waschen, kämmen und rasieren, das ist ihm wichtig. "Muss ja ordentlich aussehen, so bin ich erzogen worden." Sich sauber fühlen, das sei ein bisschen wie sich gebraucht fühlen, auch so schaffe er es durch die eisigen Nächte.
Alfons steht jetzt vor dem Eingang zur U-Bahn und plötzlich zieht er erst seine Jacke, dann seinen Fleece-Pullover aus. Er steht da jetzt halbnackt. Er will zeigen, wie schick er aussehen kann. Den Pulli dreht er um, sodass man nur die schwarze Seite sieht, dann wechselt er seine Jacke. In die Ärmel und an den Kragen stopft er Servietten, es soll so aussehen, als trüge er einen Smoking. "Schick, oder? So komm' ich in jedes Hotel rein."
Wenn er da so steht, fast nackt, da kann man sehen, dass er um den Hals ein Amulett trägt, vielleicht ist es auch eine Uhr, Alfons will das nicht verraten. Die Kette dazu hat er verloren, er hat sie durch ein Stück Müllsack ersetzt. "Das ist so stabil, ein paar Mal drehen und du kannst damit einen Panzer abschleppen." Auf dem Amulett ist ein Fischer abgebildet, ein Selbstversorger, wie Alfons. Es ist schon sehr alt, von wem er es geschenkt bekam, das will er nicht sagen. Es ist sein einziger Schatz. Der geht nur ihn was an.
So helfen Sie Berlins Obdachlosen
Aktion: Der Verein Berliner helfen der Berliner Morgenpost und der Radiosender 104.6 RTL (Hörer helfen) bitten um Spenden für Obdachlose. Gesucht werden von der Stadtmission vor allem Kaffee, Marmelade, H-Milch und Zucker sowie Aufschnitt und Käse für die Verpflegung der Menschen. Berlinweit werden warme Socken, Mützen, Handschuhe, Schals und Unterwäsche benötigt. Speziell in der Bahnhofsmission werden Rucksäcke sowie warme Winterschuhe ab Größe47 gebraucht.
Adressen: Die Sachen können von Montag bis Freitag, 8 bis 16 Uhr, in der Berliner Stadtmission, Lehrter Straße 68 in Mitte, abgegeben werden. Auch zu 104.6 RTL können Spenden gebracht werden: Kurfürstendamm 207–208 in Charlottenburg, Montag bis Freitag, 8 bis 19 Uhr, Sonnabend, 9–14 Uhr. Dort werden gern entgegengenommen: Kaffee, Marmelade, H-Milch, Zucker, warme Socken und Unterwäsche, Mützen, Schals und Handschuhe (vor allem in Männergrößen), Rucksäcke, Schlafsäcke sowie Winterschuhe ab Größe 47.
Spenden: Berliner helfen e.V., Spendenkonto 55, Stichwort: Kältehilfe, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00
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