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01.02.12

Verdacht auf Vernachlässigung

Kind tot - Berliner Jugendamt betreute Familie

In Berlin-Weißensee ist ein knapp drei Jahre altes Mädchen an seinem Erbrochenen gestorben. Trotz Erkrankung wurde die Kleine offenbar allein gelassen. Die Familie war dem Jugendamt bekannt. Das Kind wurde aber nicht als gefährdet eingestuft.

© dpa/DPA
Totes Kind in Berliner Wohnung entdeckt
In diesem Haus in Weißensee starb die Kleine - das Jugendamt hatte die Familie bereits länger betreut

Der Notarzt konnte nur noch den Totenschein ausstellen. Um fünf Uhr morgens, in der Nacht zu Dienstag, hat die Polizei ein knapp dreijähriges Mädchen in seinem Bett gefunden, es war erstickt an seinem Erbrochenen. Die Mutter hatte die Retter alarmiert. Was in der Hochhaus-Wohnung an der Indira-Gandhi-Straße im Pankower Stadtteil Weißensee geschehen war, sah zunächst aus wie ein tragischer Unfall. Doch nun ermitteln die Beamten des Dezernates für Kindesmisshandlung gegen Melanie S., die Mutter des Kindes.

Eine vorsätzliche Tötung schlossen die Ermittler am Dienstagabend aber aus. Das habe eine Obduktion ergeben, so die Polizei. Die Mutter aus dem Stadtteil Weißensee befinde sich auf freiem Fuß, da es keine Haftgründe gebe, sagte ein Polizeisprecher.

Verletzungen am Körper

Das Landeskriminalamt ermittelt jetzt wegen des Verdachtes auf Körperverletzung mit Todesfolge sowie des Verdachts der Vernachlässigung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Der Vorwurf: Die Eltern hätten ihre magenkranke kleine Tochter nachts allein gelassen. Außerdem wurden an dem Leichnam mehrere Hämatome festgestellt. Nach den Ursachen dieser Verletzungen wird derzeit gesucht. Offenbar sind einige der blauen Flecken bereits mehrere Tage alt.

Seit Monaten schon hatte das Jugendamt die Familie intensiv betreut, bestätigte Christine Keil (Linke), Stadträtin für Jugend im Bezirk Pankow, am Dienstag Morgenpost Online. Offenbar hatte es bereits vor Monaten erste Hinweise an das Jugendamt aus dem Umfeld der Familie auf eine mögliche Überforderung der Eltern gegeben. Nach Informationen von Morgenpost Online lebt der Zwillingsbruder des toten Mädchens bereits bei Pflegeeltern.

"Die junge Familie ist dem Jugendamt Pankow bekannt und erhält Unterstützung in Form einer intensiven sozialpädagogischen Familienhilfe", sagte Jugendstadträtin Keil. Nahezu täglich sei ein Mitarbeiter des Jugendamtes vor Ort gewesen und habe im Haushalt und bei der Erziehung geholfen, beim Kochen und auch bei Behördengängen. "Die Familie hat die Hilfe angenommen und kooperiert", sagte die Stadträtin.

Völlig unklar ist derzeit, warum die Jugendbehörde das knapp dreijährige Mädchen als nicht gefährdet eingestuft hat. "Im Jugendamt gibt es weder durch die Helfer, Ärzte oder andere Institutionen Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung oder auf eine mögliche Gewaltproblematik in der Familie", sagte Stadträtin Keil. Sowohl zu den frischen als auch zu einigen älteren Verletzungen am Körper des Mädchens nahm die Amtsleiterin keine Stellung, sondern verwies auf die laufenden Ermittlungen der Polizei. "Für uns und die Mitarbeiter des Jugendamtes ist das eine fürchterliche Situation", sagte die Stadträtin. Details zur Todesursache wollte das Jugendamt zunächst weder bestätigen noch kommentieren.

Doch bereits am Dienstagnachmittag gaben die Behörden das vorläufige Obduktionsergebnis bekannt. Demnach scheidet "Fremdverschulden" aus. Das aber bedeutet nur, dass es keine direkte Gewalttat gab, die unmittelbar zum Tode des Kindes geführt hat.

Nur Stunden vor seinem Tod soll das Mädchen zusammen mit der Mutter und deren Lebensgefährten beim Arzt gewesen sein, heißt es in Ermittlerkreisen. Das Mädchen hatte offenbar seit Tagen unter Übelkeit gelitten, vermutlich die Folge eines Darmrisses, der zu einer Entzündung im Bauchraum geführt hat. Die Eltern sollen aber auf eine Behandlung verzichtet haben, nachdem sie gesehen haben sollen, dass das Wartezimmer überfüllt war. Sie sollen nach Informationen von Morgenpost Online wieder nach Hause gegangen sein. Ferner stünden wegen der Hämatome die Vorwürfe der Kindesmisshandlung ebenso im Raum wie die mutmaßliche "Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht", sagte ein Ermittler am Dienstag.

Offenbar hatte das kleine Mädchen in der Nacht zu Dienstag bereits aufgehört zu atmen, als Melanie S. und Matthieu K. die Feuerwehr alarmierten. Die Retter informierten umgehend die Kriminalpolizei. Nachbarn berichteten, dass die Kleine in den vergangenen Tagen besonders nachts immer wieder laut geschrien habe und sich übergeben musste. In der Nacht, in der das Kind starb, soll es aber "auffällig ruhig" in der Wohnung gewesen sein, erzählte ein Nachbar, der aber seinen Namen nicht nennen wollte. Wahrscheinlich, so ein Polizeibeamter, sei das Kind zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen.

Ungeklärt ist zurzeit auch noch, ob und zu welcher Zeit die Eltern überhaupt in ihrer Wohnung waren. Nun ermittelt die Polizei, wo sich das Paar aufgehalten hat, als die knapp Dreijährige an ihrem Erbrochenen erstickte. Teilen der Nachbarschaft hingegen ist der Fall klar: "Es ist ebenso unverantwortlich wie unverständlich, dass die Eltern das Kind ohne Aufsicht allein gelassen haben", hieß es.

Als das Jugendamt von dem Tod des Kindes erfuhr, schickte es am frühen Morgen sofort Mitarbeiter zur Wohnung an Indira-Gandhi-Straße, um Melanie S. und die zwei Geschwister des verstorbenen Kindes abzuholen. "Sie sind außerhalb ihrer eigenen Wohnung untergebracht und werden sozialpädagogisch betreut", sagte die Pankower Stadträtin Christine Keil.

Der Lebensgefährte der Mutter, Matthieu K., gilt laut Polizei bislang als Zeuge. Der Vater der beschuldigten Mutter lebt nach Informationen von Morgenpost Online in Hamburg. Er soll sich nach den Vorwürfen gegen seine Tochter auf den Weg nach Berlin gemacht haben.

Buddelkiste und Schaukel

Vor dem Haus, in dem das kleine Mädchen starb, luden am Dienstag Buddelkiste und Schaukel zum Spielen ein, daneben standen Kinderräder. Doch freundlich wirkt dieser Ort nicht. Der vierstöckige Bau aus den 30er-Jahren ist sanierungsbedürftig. Die tatverdächtige Melanie S. lebte mit ihren drei Kindern und ihrem Lebensgefährten im zweiten Stock des Wohnhauses. Die Wohnung beschrieb ein Polizeibeamter als "unsauber". "Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Eltern nicht ausreichend um die Kinder gekümmert haben. Offenbar bestand die Ernährung vorwiegend aus Limonade und Kartoffelchips", sagte der Beamte.

Der leibliche Vater des toten Mädchens soll schon längere Zeit eine Beziehung mit einer anderen Frau führen. Die Drei-Zimmer-Wohnung habe die Familie angemietet, vor etwa einem Jahr sollen sie den Mietvertrag unterschrieben haben. Offenbar hatte es kurz nach dem Einzug erste Hinweise an das Pankower Jugendamt gegeben, dass die Familie Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder brauche. "Die Mitarbeiter des Jugendamtes waren regelmäßig hier, das gehörte zum Alltag", sagte eine Nachbarin. Ansonsten habe die Familie eher zurückgezogen gelebt. Als die Mieter im Sommer gemeinsam ein Hoffest veranstalteten, feierten Melanie S. und ihre Familie nicht mit. Auf ihrem Facebook-Profil zeigt sich die junge Mutter mit einem melancholischen Lächeln. Sie hat auch das Foto eines ihrer vier Kinder veröffentlicht. Zahlreiche Freunde der Mutter hinterließen unter dem Facebook-Bild ihre Kommentare und schrieben, wie süß das Kind sei.

"Das Jugendamt muss die Vorfälle nun sehr genau prüfen", sagte der Grünen-Bezirksverordnete Torsten Wischnewski am Dienstagabend. Wischnewski ist der Vorsitzende des Pankower Kinder- und Jugendausschusses. "Der Ausschuss wird sich dann mit den Ergebnissen unter Ausschluss der Öffentlichkeit befassen", sagte der Grünen-Politiker.

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