Schule in Berlin
Oberstufenzentren - der technische Weg zum Abitur
Berufsbildende Schulen holen auf: Lange Zeit hielt sich das Vorurteil, an Oberstufenzentren könnten Schüler kein Abitur machen. Dabei bieten sie oft mehr als Gymnasien. Wer Lust auf Technik hat, ist dort richtig.
Von Florentine Anders
Am Computer bearbeitet Carolin Buchholz Fotos, die sie selber mit der Spiegelreflexkamera im Unterricht gemacht hat. Die 16-Jährige ist extra von Thüringen nach Berlin gezogen, um ihr Abitur am Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informations- und Medientechnik (OSZ KIM) machen zu können. "Für mich wäre kein anderes in Frage gekommen", sagt sie. Die berufsbildende Schule mit überdurchschnittlicher Ausstattung an der Osloer Straße in Wedding bietet nach der zehnten Klasse in drei Jahren die allgemeine Hochschulreife. "Lange Zeit gab es das hartnäckige Missverständnis, an den Oberstufenzentren sei nur ein eingeschränktes Fachabitur möglich", sagt die Schulleiterin Dagmar Brüggemann. Dabei bieten die Oberstufenzentren nicht weniger, sondern mehr als die Gymnasien.
Kooperation mit Sekundarschulen
Doch seit der Schulreform setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch hier die allgemeine Hochschulreife erworben werden kann. Zusätzlich zum Abitur können sich die Schüler profilieren. Alle Sekundarschulen ohne eigene Abiturstufe kooperieren mit einem Oberstufenzentrum. Bei den Anmeldungen an der weiterführenden Sekundarschule sollten Eltern und Schüler also auch danach fragen, wie und wo es nach der zehnten Klasse weitergeht.
Die Kooperationsverträge garantieren den Sekundarschülern eine Aufnahme in der jeweiligen berufsbildenden Schule. Wer schon weiß, in welche berufliche Richtung es später gehen soll, kann sich also durch die Wahl der richtigen Sekundarschule einen entscheidenden Vorteil bei der Bewerbung an einem beliebten OSZ verschaffen.
Oberstufenzentrum mit zehn Kooperationsschulen
Das Oberstufenzentrum KIM hat gleich zehn Kooperationsschulen, es gehört zu den gefragtesten Schulen seiner Art und ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Die Sekundarschüler können hier nach der zehnten Klasse zwischen vier Oberstufenzentren in Mitte wählen, denn die Einrichtungen schließen die Kooperationsverträge als Verbund ab.
Die Zusammenarbeit mit den Sekundarschulen enthält allerdings mehr als nur die Verpflichtung, Schüler zu übernehmen. So nutzen beispielsweise die Schüler der Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Sekundarschule die besondere Ausstattung am OSZ, um dort in Projekten zu lernen, wie man etwa Windräder baut. Ältere Schüler zeigen dabei den Gästen die Strom- und Spannungsmessungen.
Lust auf Technik
"Wer hierherkommt, sollte schon Lust auf Technik haben, allerdings ist er durch das Abitur nicht darauf festgelegt", sagt Dagmar Brüggemann, Schulleiterin des OSZ KIM. Eine gute Note in Physik sei von Vorteil, wichtiger noch sei aber das Interesse. Es habe schon Einzelfälle gegeben, die an ihrer Vorgängerschule in Physik völlig versagt hätten und hier regelrecht aufgeblüht seien. Die Schüler lernen die physikalischen Gesetze nicht theoretisch, sondern probieren sie ständig aus.
Im Abitur müssen sie Elektrotechnik, Medientechnik oder Mediengestaltung als Prüfungsfach belegen.
Mädchenanteil von 20 Prozent
Carolin will eigentlich später einmal für die Zeitung schreiben. "Ich will aber auch wissen, welche Technik hinter so einer Zeitung steckt und wie sie funktioniert", sagt sie. In ihrem Leistungsfach Mediengestaltung lernt sie, wie Grafiken gebaut und Fotos bearbeitet werden. Das Fach Mediengestaltung verbindet Kreativität mit Technik – mehr als die anderen Fächer des Oberstufenzentrums.
Es ist ein neues Angebot, mit dem die Schule auch hofft, den Mädchenanteil unter den Bewerbern zu erhöhen. Denn bisher sind in den Klassen im Schnitt nur zwei bis vier Mädchen. In der Mediengestaltung machen sie immerhin schon 20 Prozent aus. Die 16-jährige Carolin gehört dazu und hat keine Probleme, sich in der von Jungen dominierten Schule durchzusetzen. Obwohl sie noch ganz neu ist, haben sie ihre Mitschüler sogar zur Schulsprecherin gewählt.
Der 19-jährige Ricardo Rosinski hat das Abi am OSZ KIM fast abgeschlossen. Er ist in der zehnten Klasse von einem Berliner Gymnasium an die berufsbildende Schule gewechselt. "Ich war am Gymnasium nicht besonders gut", sagt er. Am Oberstufenzentrum sei dann alles wesentlich besser gelaufen. Ricardo meint, das liege wohl an der anderen Arbeitsatmosphäre. "Viele Lehrer kommen hier aus der Praxis, haben selbst Berufserfahrung und können dadurch den Stoff ganz anders vermitteln", sagt Ricardo. Zudem sei der Umgang zwischen Schülern und Lehrern mehr auf Augenhöhe. Fasziniert habe ihn auch die technische Ausstattung, die mit einem normalen Gymnasium gar nicht vergleichbar ist. "Jetzt weiß ich aber auch, dass ich nach dem Abi doch nichts mit Technik studieren möchte", sagt Ricardo.
Ausbildung und Hochschulreife
Valentin Krönert setzt noch eins drauf. Der 17-Jährige will am OSZ KIM das Abitur und gleichzeitig auch eine Ausbildung zum Medienassistenten machen. Beides zusammen dauert vier Jahre. Nach drei Jahren kann er bereits die Ausbildung abschließen und besitzt dann die Fachhochschulreife. Wenn er anschließend noch ein Jahr weiterlernt, kann er dadurch die allgemeine Hochschulreife erwerben. Besonderes Highlight für Valentin in der Schule ist die hochmoderne Veranstaltungshalle mit aufwendigen Beleuchtungs- und Beschallungsanlagen und das digitale Fernsehstudio.
Häufig werden die Schüler mit der mobilen Veranstaltungstechnik für Konzerte oder Aufführungen gebucht. Das bietet Praxiserfahrung unter Live-Bedingungen. "Wir haben mehr Anfragen als wir bedienen können", sagt die Schulleiterin.
Am 22. Februar findet am OSZ KIM, Osloer Str. 23–26, von 14 bis 18 Uhr ein Tag der offenen Tür statt, an dem man sich über alle verschiedenen Bildungsgänge informieren kann.
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