Bildung in Berlin
Migrantenkinder an Schulen in der Mehrheit
In Berlin haben die meisten Schüler einen Migrationshintergrund, viele von ihnenkommen aus sozial schwachen Familien. Lehrer fordern nun mehr Personal. Dafür müssen aber zusätzliche Anreize geschaffen werden.
Von Regina Köhler und Florentine Anders
Die Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, Rita Templiner, fordert eine Gehaltszulage für die Lehrer und Erzieher ihrer Schule. Dort sind 94,3 Prozent der Schüler nicht deutscher Herkunft, sehr viele Kinder kommen aus sozial schwachen Familien. "Die Arbeit mit diesen Kindern stellt eine große Herausforderung dar", so Templiner. Viel Zeit brauchten die Kollegen für Gespräche mit den Eltern. "Wir müssen viel erklären und sehr viel beraten." Hinzu komme ein großer zeitlicher Aufwand aufgrund des Bildungs- und Teilhabepakets. Die Schüler bekämen zwar Geld für die Teilnahme an kulturellen Angeboten, aber nur, wenn die Lehrer die dazu notwendigen Unterlagen ausfüllen.
Das Wichtigste für Rita Templiner und ihre Kollegen von anderen Brennpunktschulen ist allerdings eine hundertprozentige Personalausstattung ihrer Schulen, sowohl mit Lehrern als auch mit Erziehern. Einig sind sich die Schulleiter auch darin, dass zusätzliche Anreize für das pädagogische Personal geschaffen werden müssen.
Abminderungsstunden für Lehrer
Die Schulleiterin der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding, Cornelia Flader, fordert Abminderungsstunden für Lehrer und Erzieher an schwierigen Standorten. "Die Kollegen brauchen viel Zeit für sozialpädagogische und diagnostische Tätigkeiten und für die Arbeit mit den Eltern", sagt sie. Wichtig sei auch, dass Vertretungskräfte nicht als Ersatz für fehlende Lehrer herangezogen, sondern wirklich nur für kurzfristig erkrankte Kollegen eingesetzt werden.
In Berlin hat jede dritte Schule der insgesamt rund 800 Schulen mehr als 40 Prozent Migrantenkinder, 139 Schulen haben mehr als 60 Prozent. An 295 Schulen kommen mehr als 40 Prozent der Schüler aus sozial schwachen Familien.
Auch Özcan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen, sagt: "Der Bildungsetat muss dringend aufgestockt werden." Mutlu wundert sich allerdings über die Linke, die die letzten Jahre in der Regierung untätig geblieben sei und nun Forderungen aufstelle. "Es braucht mehr Lehrer, kleinere Klassen, eine bessere Elternarbeit und außerdem mehrsprachiges Personal", sagt er. Man müsse jetzt investieren, sonst zahle Berlin in einigen Jahren die Quittung. Mutlu verweist auf die vielen gescheiterten Existenzen, Jugendliche, die nach der Schule zu Hartz-IV-Empfängern werden, die gewaltbereit, kriminell oder drogenabhängig werden. "Die Folgen einer gescheiterten Bildungspolitik werden garantiert dreimal so teuer", sagt er.
Der bildungspolitische Sprecher der Piratenpartei, Martin Delius, fordert eine bessere Lehrerausbildung mit neuen Studienplänen. "Lehramtsstudenten brauchen vor allem mehr Praxis-Erfahrung während des Studiums", sagt er. Lehrer müssten stärker fortgebildet werden.
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