Prozess
Internetcafé-Betreiber gesteht Missbrauch
Er gab sich als netter Mann aus dem Internet-Café. Doch der 34 Jahre alte IT-Experte Thomas N. soll 154 Kinder missbraucht haben. Die Opfer waren in der Tatzeit zwischen drei und 15 Jahren alt. Vor dem Moabiter Kriminalgericht legte Thomas N. nun ein Geständnis ab.
Von Michael Mielke
Die Gruppe vor dem Saal 701 des Moabiter Kriminalgerichts fällt auf. Fast alle sind Frauen mittleren Alters. Sie sind aufgeregt, unsicher, haben ein verweintes Gesicht. Es sind die Mütter der Opfer in einem Missbrauchsprozess.
Der Angeklagte befindet sich schon im Saal. Thomas N. wurde von Justizbediensteten aus der Haftanstalt vorgeführt. Der 34 Jahre alte IT-Experte ist wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern einschlägig vorbestraft. 1999 gab es noch eine Bewährungsstrafe, damals wurden ihm anderthalb Jahre Haft angedroht.
2008 folgte eine Strafe von zwei Jahren und acht Monaten. Diese Strafe sitzt der IT-Experte seit Januar vergangenen Jahres ab. Im aktuellen Prozess geht es um weitere 154 Fälle des teilweise schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Geschehen zwischen Mai 2001 und Januar 2010. Die Opfer waren zur Tatzeit zwischen drei und 15 Jahre alt.
Thomas N. führte in Friedrichshain ein Internetcafé. Er gab den Müttern dort kleine Jobs, bot ihnen an, sich um die Kinder zu kümmern. Mit den Kindern ging er Pizza essen, überließ ihnen sein Nintendo-Spiel, manchmal gab es von ihm auch ein kleines Taschengeld. Es waren, glaubten die Mütter, rein freundschaftliche Beziehungen. Sie hatten Vertrauen zu ihm, überließen ihm die Wohnungsschlüssel, vertrauten ihm die Kinder in manchen Fällen auch über Nacht an.
Angeklagter hält sich Zeitung vors Gesicht
Der Anklage zufolge wurden die Jungen von dem Angeklagten häufig missbraucht, wenn er sie ins Bett brachte. Auch wenn die Kinder deutlich zu machen versuchten, dass sie seine Berührungen nicht mögen, soll er nicht von ihnen abgelassen haben.
Thomas N. hält sich während des Verlesens des Anklagesatzes eine Zeitung vors Gesicht oder bückt sich nach unten, sodass ihn Gericht und Zuschauer nicht sehen können. Die Verteidigung beantragt, die Öffentlichkeit auszuschließen. Es gehe um die "schutzwürdigen Interessen" seines Mandanten, trägt er vor. Es werde hier ja auch über sein Verhältnis zu Kindern und seine Sexualpraktiken geredet. Das Gericht folgt dem Antrag. Der Richter betont in der Begründung, dass sich der Angeklagte in Haft befinde und dort Nachteile zu befürchten habe.
Die Mütter der Opfer sind empört. "Wieso hast der noch schutzwürdige Interessen", fragt eine von ihnen. Sie waren alleinerziehend, als ihre Kinder mit dem Angeklagten in Kontakt kamen. Jede von ihnen hat Thomas N. als netten, freundlichen, umgänglichen, sympathischen Mann kennengelernt.
In der Anklageschrift wird immer wieder darüber berichtet, dass sich die Taten in der jeweiligen Wohnung der Mutter abspielten. Oder auch in dem Gartenhäuschen von Thomas N. in einer Pankower Kleingartenanlage.
Angst der Kinder ausgenutzt
Aufgeflogen war die Sache, als sich zwei betroffene Jungs unterhielten. Erst dabei wurde ihnen bewusst, dass sie nicht allein sind, dass nicht nur sie Opfer von Missbrauch geworden sind, dass Thomas N. auch anderen gedroht hatte. Offenbar spielte N. geschickt mit den Ängsten der Kinder. "Er hat meinem Jungen gesagt, dass er dafür sorgen könne, dass er vom Jugendamt ins Kinderheim gebracht werde", erzählt eine der Mütter. "Er war schlau. Er wusste bei jedem Kind, wovor es Angst hat."
Thomas N. soll nach Information des Vorsitzenden Richters ein Geständnis abgelegt haben. Dadurch bleibe den 15 Opfern eine Aussage vor Gericht erspart. Der Prozess wird am 25. Januar fortgesetzt.
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