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09.01.12

Museum

Gropius-Bau kürzt aus Finanznot Öffnungszeiten

Das meistbesuchte Ausstellungshaus Berlins, der Martin-Gropius-Bau, muss aus Spargründen täglich eine Stunde früher schließen. Morgenpost Online sprach mit Museumschef Gereon Sievernich über die Zukunft der Institution.

© REUTERS
People view art at the Getty Center in Los Angeles
Sonnig und cool: David Hockneys "A Bigger Splash" wird ab März bei der Ausstellung "Pacific Standard Time" zu sehen sein

Eigentlich kann der Mann zufrieden sein. Die neuesten Bilanzen zeigen, dass sein Haus, der Martin-Gropius-Bau, bestens dasteht. Die Mischung der Ausstellungen ist gut, und die Touristen lieben das zentral gelegene Kreuzberger Haus zwischen Potsdamer Platz und Checkpoint Charlie. Der Vertrag des Museumschefs Gereon Sievernich läuft noch bis Anfang 2014.

Morgenpost Online: Der Gropius-Bau hat es mit 640.000 Besuchern gerade zum meistbesuchten Ausstellungshaus Berlins geschafft. Doch nach wie vor gibt es keinen Cent mehr. 2,5 Millionen Euro beträgt Ihr Budget. Wie federn Sie das ab?

Gereon Sievernich: Die langfristige Planung und Sicherung von Ausstellungen verläuft sehr ungünstig. Und in diesem Jahr müssen wir sehr heftig sparen, da wir keine Reserven haben. Ab Mittwoch werden wir die Öffnungszeiten um eine Stunde verkürzen. Statt von 10 bis 20 Uhr sind Ausstellungen dann nur noch bis 19 Uhr zu sehen. Das führt zu weniger Ausgaben, aber auch weniger Besuchen.

Morgenpost Online: Warum müssen Sie die Zahl der Ausstellungen reduzieren?

Gereon Sievernich: Wir haben keinerlei finanziellen Puffer. Alles schlägt sofort auf das Programm durch. Ein Dutzend Ausstellungen werden wir dieses Jahr nicht schaffen, vielleicht die Hälfte, vielleicht acht. Noch gibt es Verhandlungen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Katar-Museen konnten wir für eine Unterstützung der großen Olympia-Ausstellung im August gewinnen, die große Getty Foundation für die Schau "Kunst aus Los Angeles" des Getty-Museums, die wir ab März zeigen werden. Da haben wir viel Geld eingeworben. Ich muss ja ständig Geld einwerben, etwa 70 Prozent meines Jahresbudgets. Aber wir können nie vorausschauend für viele Jahre planen, obwohl man Kooperationsverträge mit drei Jahren Vorlauf unterschreiben müsste.

Morgenpost Online: Ist das nicht ein Armutszeugnis für ein Haus, das der Bund als einen Leuchtturm der Hauptstadt übernommen hat?

Gereon Sievernich: Der Bund muss schauen, was er künftig mit dem Gropius-Bau will, wie man das Haus weiterentwickeln will. Wir haben 124 Ausstellungen seit 2001 gezeigt, mit weit über fünf Millionen Besuchern. Das Potenzial ist ja da und vor allem noch steigerungsfähig, insbesondere was Spitzenausstellungen betrifft.

Morgenpost Online: Verzichtet Berlin also auf Blockbuster?

Gereon Sievernich: Ja. Hätten wir beispielsweise die Möglichkeit, eine Lucian-Freud-Ausstellung nach Berlin zu holen, müssten wir kapitulieren. Das Gesamtvolumen wäre nicht zu finanzieren, weil die Risiken zu groß sind. Wir sind zwar in den internationalen Kooperationsnetzwerken hervorragend positioniert, aber mit vielen großen Ereignissen können wir leider nicht mithalten.

Morgenpost Online: Nach welchen Kriterien gestalten Sie Ihr Ausstellungsprogramm?

Gereon Sievernich: Neues entdecken. Unbekanntes entdecken. Drei Säulen gehören dazu: Archäologie, Fotografie und bildende Kunst aus allen Epochen. Das führt auch zu einer altersmäßig guten Durchmischung des Publikums. Es müssen wichtige, für Berlin neue Themen oder bedeutende Künstler sein, die in Berlin noch nicht gezeigt wurden. Interessant kann auch ein Berlin-Bezug sein. Meret Oppenheim beispielsweise wurde 1913 in Berlin geboren, hatte noch nie eine große Ausstellung hier. Das holen wir 2013 nach. Der Schweizer Maler Johannes Itten eröffnete nach seiner Bauhaus-Zeit in der Konstanzer Straße seine eigene berühmte Ittenschule – das war 1926 – und hat damals in dieser Gegend sogar den Schokoladenladen Hamann ausgestattet. Wir werden erstmals sein gesamtes Werk zeigen. In vielen Bereichen, auch gerade im Feld der Fotografie, die junge Leute besonders anzieht, gibt es noch sehr viel Nachholbedarf. Man hat ständig Jagdfieber!

Morgenpost Online: Wann haben Sie den größten Glücksmoment – wenn die Kunst da ist oder die Verhandlungen beendet sind?

Gereon Sievernich: Ein Glücksmoment ist, wenn die Verträge unterschrieben sind und die Ausstellung finanziell gesichert ist. Zweithöchster Moment, wenn die Kunst kommt, aber meist kommen die Werke in äußerst hässlichen Kisten an, manchmal weit nach Mitternacht. Dann hilft nur die Vorstellungskraft…

Morgenpost Online: In der Museumsbilanz für 2010 schneidet Berlin hervorragend ab, mit einer Steigerung von knapp 13 Prozent. Wie interpretieren Sie diesen Trend?

Gereon Sievernich: Im Jahr gehen in Deutschland mehr Leute in Museen als in Fußballstadien, das muss man der Politik immer wieder vermitteln. Und Museums- plus Berlinbesuch ist eine unschlagbare Kombination. Vergegenwärtigen wir uns, dass 70 Prozent der Museen auf der Welt nach 1945 gebaut wurden. Warum? Nach den schrecklichen Kriegen war klar, dass wir diese Häuser als Orte der Vergewisserung brauchten. Und der Prozess des Bauens ist noch nicht zu Ende. Schauen Sie nach China, dort erleben wir einen gewaltigen Museumsboom. In kaum einem Land der Welt sind in den letzten zehn Jahren so viele Häuser eröffnet worden wie dort.

Morgenpost Online: Doch woher kommt diese neue Museumslust?

Gereon Sievernich: Es geht wohl neben der Kunst immer auch um die Teilhabe am Ereignis, am Event. Hingehen und Originale schauen, die doch eine ganz andere Aura haben.

Morgenpost Online: Aber das war doch zu allen Zeiten so!

Gereon Sievernich: Es ist aber ein Kampf um das Zeitbudget des Konsumenten. Die Tatsache, dass sich so viele Menschen in die Museen begeben, hat sicher auch damit zu tun, dass die Flexibilität und Reiselust der Menschen zugenommen haben. Gerade Wechselausstellungen laufen ja nur wenige Monate. Also nehmen die Leute heute Billigflieger. Die gute Botschaft ist also, dass das Surrogat auf dem Bildschirm nicht ausreicht. Aber es macht neugierig, löst Begehren nach dem Original aus.

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