4000 Proteste
2011 war für Berlin das Demo-Jahr
Es gibt viele Gründe auf die Straße zu gehen: Plagiate, Bildungsmisere, Atom-Aus oder Occupy. Mit insgesamt 4000 Demonstrationen zeigten die Berliner 2011 ihren Protest – und das ganz besonders gern an einem Ort.
Berlin, Metropole des Protests: Rund 4000 Demonstrationen zählte die Polizei in diesem Jahr. Weit über die Hälfte davon ging auf das Konto des Bezirks Mitte. Und hier gilt: Wer Aufmerksamkeit sucht, stellt sich vor das Brandenburger Tor. Das Wahrzeichen auf dem Pariser Platz ist unangefochtener Favorit unter den Protest-Schauplätzen.
Besonders am Wochenende wird es zuweilen unübersichtlich, wenn sich Teilnehmer gleich mehrerer Aufzüge die richtige Gruppe suchen.
2011 forderten hier unter anderem Datenschützer ein freies Internet und Lehrer eine bessere Bildung, riefen Kapitalismuskritiker "Banken in die Schranken" und Spott-Anhänger von Karl-Theodor zu Guttenberg "Monarchie: jetzt oder nie". Im Juni liefen rund 100 Schafe mit ihren Hirten durch das Tor. Hintergrund war der Protest der Schäfer gegen die prekäre Lage ihres Berufsstandes.
Die großen Themen des Jahres wie , Krieg, Rohstoffspekulationen und die Solidarität mit den Protesten in der Arabischen Welt trieb die Menschen auch in der deutschen Hauptstadt auf die Straße. Im Oktober erfasste der Protest gegen die Finanzmärkte die Bundesrepublik. Die Demonstranten riefen zur "Besetzung" des Regierungsviertels auf. Schließlich zog die "Occupy-Bewegung" in Zelte auf dem Gelände des ehemaligen Bundespressestrands.
Deren basisdemokratisches Wesen hat die Berliner Polizei vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. Die Protestler weigerten sich, den Beamten pflichtgemäß einen Ansprechpartner ihres Aufzuges zu nennen – eben, weil keiner von ihnen der "Leiter" sei. Verbieten und auflösen wollten die Polizisten den friedlichen Aufzug deshalb nicht. Der Regelungsbedarf werde in dem Fall "versammlungsfreundlich" ausgelegt, teilte die Polizei mit – und verzichtete auf einen Namen.
Doch das Gemüt entzündete sich in Berlin nicht nur an internationaler Politik. Was dem Stuttgarter der Tiefbahnhof, ist dem Berliner der künftige Hauptstadt-Flughafen in Schönefeld: Mit seiner Eröffnung fürchten Einwohner aus Berlin und dem Umland Lärm und Verschmutzung. Tausende protestierten gegen geplante Flugrouten. Sie wollen weder ein internationales Drehkreuz noch eine dritte Startrampe – sondern tags und vor allem nachts ihre Ruhe.
Ähnlich regte sonst nur das Thema Wohnraum auf. Auch in der bislang preisgünstigen Hauptstadt steigen die Mietpreise – und die Angst vor der Verdrängung aus dem eigenen Kiez geht um. Öl ins Feuer gab die "Mediaspree", die geplante Bebauung des Spreeufers, aber auch die Räumung besetzter Häuser.
Höhepunkt des Berliner Demo-Jahres bleibt aber traditionell der 1. Mai . Dies sei ihr größter Einsatz gewesen, sagt die Polizei. Rund 6000 Beamte aus mehreren Bundesländern waren im Dienst. Bezeichnend dabei sei, dass der Aufwand für die Polizei oft nicht im Verhältnis zur Teilnehmerzahl stehe, erklärte ein Sprecher. So sei für die Gewerkschafts-Demonstration zum 1. Mai mit enorm hoher Beteiligung wesentlich weniger Polizei nötig als beispielsweise für den Aufzug zum "Revolutionären Ersten Mai" der linken Szene – mit wesentlich kleinerer Teilnehmerzahl.
Es ist davon auszugehen, dass der "Tag der Arbeit" auch in Zukunft fester Bestandteil der Berliner Demonstrationskultur bleibt: Die langfristigste Anmeldung liegt der Polizei für den Aufzug des "Revolutionären Ersten Mai" vor. Der ist jetzt schon fest eingeplant.
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