Prozess
Bande soll 223.531 Betrugsversuche begangen haben
Wegen betrügerischer Vermittlung von Internet-Gewinnspielen sitzen seit Montag zwei mutmaßliche Mitglieder einer Bande und ein Helfer auf der Anklagebank. Sie sollen bundesweit meist betagten Opfern am Telefon Verträge für vermeintlich aussichtsreiche Gewinnspiele aufgedrückt haben.
Von Hans H. Nibbrig
Gutgläubige Mitmenschen zur Teilnahme an fragwürdigen Gewinnspielen zu überreden, ist in den vergangenen Jahren zu einem immer lukrativeren Geschäft geworden. Zunehmend häufiger muss sich inzwischen auch die Justiz mit derartigen Geschäftspraktiken befassen. In Berlin bearbeitet die Staatsanwaltschaft momentan gleich mehrere Ermittlungskomplexe gegen die mutmaßlichen Betrüger. Drei von ihnen müssen sich seit Montag vor dem Landgericht verantworten.
Rafet O. (51) und Hasibe Ö. (40) wirft die Anklage versuchten und vollendeten "gewerbs- und bandenmäßigen Betrug" vor, Jens L. (46) wird der Beihilfe beschuldigt. Ziel der Angeklagten soll es gewesen sein, vor allem ältere Menschen für die Dauerteilnahme an einer Vielzahl von Gewinnspielen zu gewinnen. Den Tatbestand des Betruges sieht die Staatsanwaltschaft erfüllt, weil die Teilnahme an den meisten der angebotenen Gewinnspiele kostenfrei ist, dennoch sollten die ausgewählten Opfer dieser perfiden Masche an die Vermittler monatliche Beiträge zwischen 49 und 59 Euro zahlen.
Die Aktenberge, die die Ermittler in dem langwierigen Verfahren zusammengetragen haben, sind beeindruckend, die Zahlen auch. 223.531 Betrugsversuche hat die Staatsanwaltschaft aufgelistet. In wie vielen Fällen der Betrug gelang und wie hoch der Gesamtschaden ist, das soll jetzt im weiteren Verlauf des Prozesses geklärt werden. Erste Angaben über einen vermuteten Schaden im zweistelligen Millionenbereich hat die Justiz inzwischen zurückgezogen.
Ein ganzes Firmengeflecht sollen die drei Angeklagten und zwei weitere in der Türkei lebende Beschuldigte errichtet haben, darunter eine GmbH mit Sitz in Wedding. Die Aufgaben waren sorgfältig aufgeteilt, eine Firma besorgte die Adressen der potenziellen Klientel, eine andere bombardierte die Opfer mit Telefonaten, und eine weitere Firma sorgte für die Einziehung der Gebühren mittels des für jede Art von Gaunerei besonders geeigneten Lastschriftverfahrens.
"Absolute Knaller-Preise" wurden den arglosen Opfern ebenso in Aussicht gestellt wie eine Gewinngarantie. Die fantastischen Preise entpuppten sich allerdings als Billigware, mit der die zumeist schon recht betagten oder auch gesundheitlich angeschlagenen Senioren kaum etwas anfangen konnten: Stofftiere, Modellautos, Computerspiele, Wanderrucksäcke waren dabei, aber auch Gutscheine für eine Runde Aqua-Jogging oder das Kraxeln an einer Kletterwand. Die Teilnehmer, denen eine Gewinngarantie zugesichert worden war, gewannen tatsächlich, mussten allerdings feststellen, dass die zugesagte Garantie über 500 Euro zwei Nullen zu viel enthielt.
Rafet O. legte zu Beginn des Prozesses ein pauschales Geständnis ab und gab an, im Auftrag eines in der Türkei lebenden Cousins gehandelt zu haben, der ihn mit der Aussicht, viel Geld zu verdienen, gelockt habe. Der Prozess wird fortgesetzt.
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