Lernen mit Jül
"Kinder können anderen Kindern sehr gut etwas erklären"
Für die Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg ist Jül ein Muss.
Von Regina Köhler
Elif ist ganz bei der Sache. Ihr Vortrag über die Posthornschnecke soll richtig gut werden. Langsam und so sauber wie möglich schreibt das 9 Jahre alte Mädchen Stichwörter und einzelne Sätze auf ihr Blatt. "Die Posthornschnecke gehört zur Familie der Tellerschnecken", lautet so ein Satz. Als sie damit fertig ist, setzt sich Elif in den Nebenraum, um ihren Vortrag in den Computer einzugeben. Dort arbeitet bereits Melda, vor sich ein Buch, aus dem sie Sätze in den Computer tippt. Das dauert ziemlich lange, weil das Mädchen mit der Technik noch nicht so vertraut ist. Doch Melda stört das nicht. Sie ruft einfach nach ihrer Lehrerin, wenn sie etwas nicht weiß. Manchmal kann ihr auch Elif helfen.
Die Kinder helfen sich gegenseitig
Während Elif und Melda am Computer arbeiten, schauen sich Cassius und Jaro, beide sind sechs Jahre alt, Bücher über das Leben im Wald an. Muhamed und einige andere Schüler arbeiten in ihren Wörterheften. Clara und Emil, beide sind acht, üben Lesen. Omar, Esram und Nando rechnen. Die Kinder gehören alle zur Lerngruppe Jule 1 der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg. Insgesamt sind es 24. 15 von ihnen sind nicht deutscher Herkunft, vier so genannte Integrationskinder. An diesem Dienstagvormittag steht Freiarbeit auf dem Plan. Jedes Kind darf sich aussuchen, womit es sich beschäftigen möchte. Wenn einer nicht weiterkommt oder eine Frage hat, ist meist ein Mitschüler zur Stelle, der helfen kann. Lehrerin Andrea-Maria Wolf bewegt sich währenddessen leise durch den Klassenraum oder huscht in den Nebenraum mit der Leseecke, wo auch die Computer stehen. Sie schaut sich die Arbeiten der Kinder an, lobt, kontrolliert, hilft und tröstet auch schon mal, wenn ein Kind sich überfordert fühlt oder ungerecht behandelt.
Die 59 Jahre alte Pädagogin unterrichtet seit sieben Jahren in der Schulanfangsphase nach dem Prinzip der Jahrgangsmischung. Und sie ist begeistert davon, wie gut das gemeinsame Lernen ihren Schülern tut. Insgesamt gibt es an der Heinrich-Zille-Schule sieben Lerngruppen, in denen Kinder des ersten bis dritten Jahrgangs zusammen unterrichtet werden. "Jül war die Initiative unseres Kollegiums", sagt Andrea-Marie Wolf. "Da wir an unserer Schule seit langem behinderte Kinder integrieren, suchten wir nach Möglichkeiten, innerhalb des Unterrichts noch stärker differenzieren zu können. Wir wollten einfach besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen."
Anfangs hat die Umstellung Andrea-Marie Wolf und ihren Kolleginnen viel Kraft gekostet. Inzwischen können sie sich nicht mehr vorstellen, anders zu unterrichten. Wolf sagt, dass es viel vom Rollenverständnis eines Lehrers abhänge, ob er sich für Jül begeistern könne. Sie zum Beispiel habe von Anfang an nicht immer nur vor der Klasse stehen und Anweisungen geben wollen. "Mir macht das Unterrichten viel mehr Spaß, wenn ich mich nicht immer einmischen muss, sondern die Kinder eigenständig arbeiten lassen kann", sagt Wolf. Natürlich müsse man trotzdem alle Fäden in der Hand behalten. Das sei nicht immer einfach. "Am Ende ist es aber eine Frage der Organisation. Wichtig sind Strukturen, die die Kinder nachvollziehen können."
Andrea-Maria Wolf kann allerdings auch verstehen, dass es Schulen gibt, die Jül ablehnen. "Man kann das niemandem überstülpen", sagt sie. Voraussetzung sei, dass die Lehrer sich bewusst für diese Methode entscheiden. Außerdem müsse genügend Personal vorhanden sein. "Ich arbeite sehr eng mit einer jungen Kollegin und einer Erzieherin zusammen. Ohne ein solches Team ginge es nicht."
Für Andrea-Maria Wolf liegen die Vorteile von Jül klar auf der Hand. Ihre Schüler würden sehr schnell selbstständig werden und viel voneinander lernen. Vor allem schwächere Schüler würden von einer gemischten Gruppe sehr profitieren. "Kinder mit Defiziten lernen mehr über Imitation anderer Kinder, als durch Vorschriften", sagt Wolf. Aber auch Schüler, denen das Lernen leicht fällt, hätten Vorteile. Sie würden ihr Wissen festigen, weil sie anderen Schülern helfen und ihnen Aufgaben und Sachverhalte erklären könnten. "Kinder erklären oft viel besser als ein Lehrer, was sie gerade selbst belernt haben. Sie machen das ganz unmittelbar", sagt Wolf.
In der Jule 1 berichten die Kinder gerade davon, was sie in der Freiarbeit gemacht haben. Dann darf Hussein der Gruppe zeigen, dass er das Alphabet geübt hat. Alle klatschen. Stolz setzt sich der Sechsjährige wieder auf seinen Platz. Danach schreibt Elif den Wochentag an die Tafel. Dienstag steht da. Andrea-Maria Wolf will wissen, wie dieses Wort auf Englisch heißt, dann auf Französisch, Türkisch und Arabisch. Anschließend wird auch noch darüber gesprochen, weshalb das Wort groß geschrieben wird und woran man erkennt, dass hinten ein g stehen muss. Manchmal melden sich nur die Großen, dann weiß sogar schon ein Erstklässler die richtige Antwort.
Zum Schluss sprechen alle noch einmal über den Tagesplan. Und viel wichtiger – danach wird erst einmal gefrühstückt.
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