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30.10.11

Lernen mit Jül

"Jül ist nur sinnvoll, wenn Eltern und Lehrer es wollen"

Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding: Schulleiterin Cornelia Flader fordert, dass Schulen die Methode selbst wählen können.

© Marion Hunger
Jül
Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding: Nilay (7) hilft Baran (6) beim Schreiben. Geduldig erklärt sie ihm wie der Stift angesetzt werden muss

In der Gruppe 1/2g der Heinrich-Seidel-Grundschule in Wedding lernen blaue und grüne "Bärchen". Die blauen sind gerade erst eingeschult, die grünen schon das zweite Jahr dabei. Geht es zum Beispiel um den Buchstaben der Woche, üben zunächst alle Kinder gemeinsam, danach schreiben die blauen Bärchen Wörter mit diesem Buchstaben in Druckschrift, die grünen in Schreibschrift in ihr Heft. Lehrerin Christina Huwe und Erzieherin Stefanie Gaul gehen unterdessen leise durch den Klassenraum, beantworten Fragen, weisen auf Fehler hin und sorgen für Ruhe. "Wir teilen die Gruppe nur, wenn wir spezielle Themen durchnehmen etwa in Mathematik oder Grammatik", sagt Huwe. Sie ist von der Jahrgangsmischung überzeugt, vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen an der Schule stimmen. Dazu gehören für sie genügend gut ausgebildete Lehrer und zusätzliche Erzieher, die die Kinder nicht nur nachmittags betreuen, sondern auch im Unterricht dabei sind.

Die Heinrich-Seidel-Grundschule begann 2005, in der Schulanfangsphase jahrgangsgemischt zu unterrichten. Doch schon ein Jahr später beantragte die Schule den Abbruch dieser Unterrichtsform. Schulleiterin Cornelia Flader sagt, dass sie damals zu wenig Lehrer an der Schule gehabt hätten und viele Schüler mit großen Entwicklungsdefiziten eingeschult worden seien, wozu vor allem Sprachprobleme gehörten.

JÜL muss zertifiziert werden

"Wir haben deshalb an die Bildungsverwaltung geschrieben und den Abbruch der Jahrgangsmischung an unserer Schule gefordert", sagt Flader. Aufgrund des Schreibens habe ihre Schule mehr Personal bekommen. In der Schulanfangsphase konnten kleinere Gruppen eingerichtet werden. "Mit der deutlich besseren Personalausstattung waren wir außerdem in der Lage, eine temporäre Lerngruppe aufzumachen, in der Kinder mit sehr großen Entwicklungsrückständen so lange gefördert werden, bis sie den Anschluss an die normale Gruppe schaffen", sagt Flader. Das habe den Kollegen, die ohnehin mit sehr unterschiedlichen Kindern arbeiten müssen, das Unterrichten in den Jül-Gruppen erleichtert und sie ermutigt, mit der Jahrgangsmischung weiter zu machen.

Schulleiterin Flader ist dennoch keine Verfechterin von Jül. Sie plädiert dafür, dass es den Schulen überlassen wird, ob sie diese Methode anwenden oder nicht. Ihr Vorschlag: "Eine Fachkommission sollte in regelmäßigen Abständen feststellen, ob die Jahrgangsmischung an einer Schule wirklich klappt und dieser Einrichtung dann jedes Mal ein entsprechendes Zertifikat ausstellen. Die Eltern wüssten dann, woran sie sind, sagt Flader. Sie ist überzeugt davon, dass Jül nur dann sinnvoll ist, wenn Eltern und Lehrer es wollen. Als klar war, dass die Schulen ein Alternativkonzept einreichen können, hat die Schulleiterin der Heinrich-Seidel-Grundschule die Entscheidung für oder gegen Jül ihren Kolleginnen überlassen. "Wenn die gesagt hätten, dass sie nicht weiter machen wollen, hätte ich das beantragt", sagt Flader. Doch ihre Kolleginnen hatten sich inzwischen eingearbeitet und wollten nicht mehr zurück.

Eine, die mit ganzem Herzen bei der Sache ist, ist die Klassenlehrerin der Gruppe 1/2g, Christina Huwe. Sie hat sich in den vergangenen Jahren selbst ein Konzept für die Jahrgangsmischung zusammengestellt. Das sei nicht einfach gewesen, sagt sie. Schließlich hätte sie zwei Rahmenlehrpläne berücksichtigen müssen. "Für die Lehrer wäre es einfacher, wenn es didaktisch-methodische Handreichungen geben würde", sagt Huwe.

Temporäre Lerngruppen einrichten

Schulleiterin Cornelia Flader weist noch einmal auf die Bedeutung von temporären Lerngruppen hin. Seit die Kinder schon mit fünfeinhalb Jahren eingeschult werden, der Förderbedarf aber erst nach dem zweiten Schuljahr festgestellt werden darf, kämen auch Kinder mit großen Entwicklungsdefiziten zur Schule. Nur wenn es möglich sei, sie zunächst in temporären Lerngruppen aufzufangen, sei Jahrgangsmischung überhaupt machbar. "Diese Kinder haben Probleme mit der Artikulation aber auch mit der Grob- und Feinmotorik und verfügen oft nur über einen sehr eingeschränkten Wortschatz", sagt Flader. Sie bräuchten eine spezielle Förderung, die in einer jahrgangsgemischten Gruppe nicht geleistet werden kann.

In der Bärenklasse sind inzwischen fast alle mit dem Schreiben fertig. Sie dürfen nun selbst entscheiden, woran sie in den letzten zehn Minuten noch arbeiten wollen.

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