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07.08.11

Forum der BVG

Wie Berliner in der U-Bahn flirten

Meistens ist es nur ein Augenblick, manchmal ein Gespräch. Im Berliner Untergrund wird wild geflirtet. Auf der Website der BVG bekommt man eine Chance, den anderen wiederzutreffen. Ein Episodenroman der flüchtigen Begegnungen.

© Sven Lambert
Zufällige Bekannte im Zug: Manchmal dauert eine Begegnung nur Sekunden und doch können sie beide danach nicht mehr vergessen. Den anderen wiederzufinden, ist häufig aussichtslos
Zufällige Bekannte im Zug: Manchmal dauert eine Begegnung nur Sekunden und doch können sie beide danach nicht mehr vergessen. Den anderen wiederzufinden, ist häufig aussichtslos

Romantik sieht anders aus. Grelles Neonlicht auf pink-lila Plastikpolstern umrahmt von knatschgelben Stäben. Am folienbeklebten Fenster rumpelt dunkle Tunnelwand vorbei. Den Regen oben auf der Erde haben die Menschen mit nach unten gebracht. Nässe hängt in ihren Kleidern, es ist warm, ein Hund dünstet vor sich hin. Ein paar Fahrgäste starren ins Leere, andere daddeln mit ihren Handys rum. Das soll sie sein? Berlins Liebeslinie? Die U7?

Und dann passiert es doch. Um viertel nach fünf. Am Südstern. Das Alarmgeräusch für die schließenden Türen tutet schon, da springt in letzter Sekunde ein Mädchen in die Bahn. „Ha“ triumphiert sie, der Regen perlt aus ihren schwarzen Haaren, mit einer schnellen Geste wischt sie Tropfen von der roten Lederjacke. Sie landen auf der Zeitung eines Studenten, der erschrocken hochschaut. Sie lacht etwas verlegen. „Oh, Entschuldigung“. Aber er strahlt sie an, winkt ab. „Ach Quatsch.“ Sie setzt sich ihm gegenüber, zieht die nasse Jacke aus, er guckt wieder in die Zeitung. Unkonzentriert. Eigentlich guckt er nur noch, ob sie guckt. Dann sagt die Ansagestimme: „Kleistpark“ und die Frau ist schon bei der Tür. Doch bevor sie aussteigt, dreht sich noch mal kurz um und lächelt. „Tschüss.“ Dann ist sie weg, und er schaut hinterher.

Der "Augenblick" als zweite Chance

Was hier gerade passiert ist, nennt man bei den Berliner Verkehrsbetrieben einen „Augenblick“. Ein kurzer Moment, in dem sich zwei gefunden haben, mal nur in einem Blick, mal in einem Gespräch, manchmal hat auch nur einer einen anderen gesehen. Der „Augenblick“ ist die zweite Chance für jemanden, der die erste nicht genutzt hat. Dieser jemand kann eine Nachricht für den oder die Unbekannte aus der Bahn auf einem Forum der Webseite der BVG hinterlassen und dann muss er hoffen, dass der Angeschriebene das Forum kennt, sich von der kleinen Beschreibung auch angesprochen fühlt und eventuell sogar Lust hat, sich zurück zu melden.

In der überwältigenden Mehrzahl der Fälle gab es tatsächlich nur diesen einen Blickkontakt zwischen zweien, nur selten fand tatsächlich auch ein Gespräch statt, manchmal auch sucht jemand einen Mitarbeiter der BVG, der ihm besonders gefallen hat.

Die Idee zu den Augenblicken hatte Matthias Müller von den Berliner Verkehrsbetrieben, denn immer wieder riefen Menschen an um zu fragen, ob die BVG nicht irgendwie behilflich sein könnte bei der Suche nach dieser wunderschönen Frau mit den grünen Stiefeln oder diesem extrem lustigen Mann mit dem blauen Pulli und dem kleinen Hund.

Wer in einer Stadt lebt, die so gigantisch groß ist wie Berlin, der verbringt viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die meiste davon allein. Auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit, ans andere Ende der Stadt zu einer Party, zur Vorlesung, in die Bibliothek, ins Kino – irgendein Grund findet sich fast täglich. Dabei gibt es keinen anderen Ort auf der Welt, der die unterschiedlichsten Menschen so nah zueinander bringt wie die U-Bahn. Und kaum einen Ort, wo man sich so vollendet ignoriert, selbst wenn einer beim Einsteigen dem anderen auf den Fuß trampelt oder jemand sich auf eine fremde Tasche setzt. Dit is Balin.

Aber manchmal, da finden sich zwei. So wie die beiden in der U7. Man lächelt sich an, witzelt gemeinsam über einen unmöglichen Fahrgast, bedauert gemeinsam, dass die Blechkapelle zugestiegen ist, liest das gleiche Buch, bewundert einen großen Koffer, ein Kind, was auch immer. Dann kommt die nächste Haltestelle, und der eine steigt aus und der andere bleibt zurück und denkt: „Ich verdammter Vollidiot, warum habe ich nicht nach ihrer Nummer gefragt?“

Liebesgeographie der BVG

Seit Einführung der Webseite am Valentinstag im Jahr 2007 entsteht auf dem Flirtforum der BVG ein kleiner Episodenroman der flüchtigen Begegnungen. Manche erzählen von eben jenem Augenblick des Flirts, andere sind nur Bruchteil einer Geschichte, die schon länger läuft. Wie die von der Frau, die es nicht mehr wagt, den Fährmann zu grüßen.

Manche der Liebesanfänge enden schon mit der Botschaft im Netz, aber viele gehen weiter. Von einem Liebespaar weiß die BVG ganz offiziell, von hundert weiteren kann man ausgehen, schließlich gibt es fast 11.000 Augenblicke auf der Webseite. Der Mann, der sich „Der Lesetyp“ nennt zum Beispiel, der hat einmal selbst auf eine der Suchanzeigen geantwortet, er hat sich dann über Monate mit der Frau geschrieben und irgendwann sogar einen Tanzkurs mit ihr gemacht. Mehr ist nicht daraus geworden. Vor kurzem aber hat er auch jemanden gesehen, der ihm nicht mehr aus dem Kopf geht und nun selbst eine Suchanzeige aufgegeben. Noch wartet er auf eine Antwort.

Vergangenes Jahr haben Studentinnen der Berliner Media Design Hochschule die Daten der „Augenblicke“ ausgewertet. Dabei ist eine kleine Liebesgeographie der BVG entstanden. Mit dem relativ erwartbaren Ergebnis, dass die längste Linie der Stadt auch die Flirt-Hotline ist. Mit ihren 40 Stationen und 32 Kilometern Länge liegt die U7 knapp vor der U2. Am meisten geflirtet wird in der U-Bahn, danach in der S-Bahn, dann erst in den Bussen. Die meisten „Augenblicke“ geschehen an den Orten mit der höchsten Frequenz: Alexanderplatz, Friedrichstraße, Bahnhof Zoo. Flirthochzeiten sind zwischen sieben und neun Uhr morgens sowie zwischen fünf und sieben Uhr abends. Mehr als die Hälfte der Nachrichtenschreiber sind übrigens Männer, und das Durchschnittsalter der Nutzer liegt um die 28 Jahre. Was noch interessant ist: Bei circa 20 Prozent ist gar nicht klar, ob hier ein Mann oder eine Frau nach einem Mann oder einer Frau sucht. Irgendwie, so scheint es, glauben immer noch sehr viele Menschen an die Magie des Augenblicks, dem auch der andere sich nicht entziehen konnte. Er wird schon wissen, dass er gemeint war, der da unverwechselbar im Neonlicht leuchtete. So sieht sie eben doch aus, die Romantik.

Die Suchanzeigen finden Sie unter www.bvg.de/augenblicke .

Rakete BVG-Flirt
S25: du (deutlich jünger, blaues top, beige hose, schwer gelangweilte sitzhaltung, wahnsinnsmund) – hattest die stöpsel deines handys in den ohren – da wollte ich dich nicht ansprechen. kaffee?
S41: Du hattest wohl gerade eine Currywurst verspeist. In deiner Hand war eine zusammengefaltete Imbiss-Pappe mit Curry-Soßen-Resten. Als Du neben mir vor der Ausgangstür standest, wusstest Du wohl nicht so genau, wie Du gerade deine Würstchenhand soßenfrei bekommst. Du hast dann in Deiner misslichen Lage ein super charmantes Lächeln bei mir abgesetzt. Ich wusste nicht so genau was ich machen soll. Hätte Dir so gerne geholfen oder eine Serviette angeboten. Ich stand an der Tür, mit einem hellblauen T-Shirt, Jeans und einer Tageszeitung. Würde gerne mal mit Dir eine Currywurst verspeisen gehen und Dich wiedersehen.
RB 14: Lacoste, schade, heut warst du nicht da...
U8: Wir sind beide vom Kottbusser Tor, so um halb drei, Richtung Hermannstraße gefahren. Wir haben beide den Seifenblasenmann bewundert und uns kurz unterhalten. Leider bist Du Boddinstraße schon raus.
X83: Ein Busfahrer winkte mir zu, kenne dich aber nicht ... oder doch...?? Ich Toyota Albrechtstr /Steglitz gerade aus, du links abbieger – Habe ich was verpasst??
U5: Bin samariterstr. in den letzten waggon zugestiegen und habe versucht mir die schuhe zuzubinden als die bahn losfuhr und ich elegant an die wand gedrückt wurde. Ich drehe mich um und du grinst mich auf unheimlich süße art und weise verwegenst an, von der anderen seite des wagens aus. Ich dachte mir, dass das eigentlich einer dieser momente ist, die man so stehenlassen sollte und hab dich stehenlassen. auf halbem weg zur s-bahn ist mir dann aber aufgefallen wie idiotisch das ist, leider zu spät. melde dich.
S3: Habe dich (weiblich) am Di früh auf dem Bahnhof Wilhelmshagen getroffen und weil dir kalt war meine Jacke umgelegt, die hätte ich nun gern wieder.
F10: Kann mir jemand sagen, wie der junge Bootsmann der Fähre 10 Kladow-Wannsee heißt? Vielleicht er selbst? Tut mir leid, dass ich Dir nicht mehr in die Augen schaue! Hat alles seinen Grund. Aber denk bloß nicht, dass Du mir deshalb aus dem Kopf gehst. Was haben wir da nur angefangen?
S25: du (deutlich jünger, blaues top, beige hose, schwer gelangweilte sitzhaltung, wahnsinnsmund) – hattest die stöpsel deines handys in den ohren – da wollte ich dich nicht ansprechen. kaffee?
U6: hey wir beide lagen heute morgen quasi auf einer bank und haben gepennt. haha erst in der u 9 bis leopold... und dann hab ich dich in der u 6 richtung tegel wieder gesehen! wenn mich nicht alles täuscht, haben sich unsere blicke ein paar mal gekreuzt und als ich dann am kutschi ausgestiegen bin, gab es einen letzten augenkontakt. ich bin zu dumm, dass ich dich nicht angequatscht habe – aber du hast so friedlich geschlafen in der bahn... mit deinen roten schuhen... ballerinas, soweit das ein junge beurteilen darf ; blonde haare und eine schicke strumpfhose muster ok, das liest sich jetzt auch ein wenig bescheuert... aber ich habe dich eben gesehen und könnte mir in den arsch beißen, dass ich nicht zu dir gekommen bin!
S3: Hallo du blonde Schönheit, du standest am Bahnhof Köpenick, so dass sich unsere Blicke schon kreuzten als ich die Treppe raufging – später hab ich mich dann gegenüber von dir gesetzt u. dacht nur hey cool jemand der noch analog fotografiert (du hast grad den Film in deine Kamera eingelegt oder so). Rummelsburg bist du dann ausgestiegen u. hast mir noch mal ein letztes Lächeln entgegen geschickt. Blöderweise war ich zu müde, um dich anzusprechen.
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