Gasvergiftung
Defekte Therme - Berliner Familie starb im Schlaf
Die Gasvergiftung der sechsköpfigen Familie in Berlin-Köpenick schockiert die Nachbarn. Jetzt haben sie Angst, dass ihre Geräte defekt sind. Denn ein Gastherme könnte der Todesverursacher sein. Besonders tragisch: Das Gerät sollte offenbar am Montag überprüft werden.
Von Dominik Ehrentraut, Hans H. Nibbrig und Steffen Pletl
Die Bewohner der Puchanstraße trauern. Keine 24 Stunden nach der schrecklichen Tragödie legen am Dienstag erste Anwohner vor dem Mehrfamilienhaus Blumen nieder und stellen Kerzen auf – im Gedenken an die sechs Toten. Ratlos schauen sie zu dem Mehrfamilienhaus hinüber. „Ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie das passieren konnte“, sagt Anne Sprenger. Sie wohnt direkt über der Unglückswohnung, in der die 27-jährige Anna P., ihre vier Kinder und ihr 40-jähriger Lebensgefährte ums Leben kamen. Anne Sprenger kannte Anna P. nicht. Sie sei ihr selten begegnet. Ihr Tod macht ihr aber Angst. Die 24-Jährige befürchtet, dass in ihrer Wohnung ein ähnliches Unglück passieren könnte. „Zur Sicherheit lasse ich meine Therme regelmäßig warten“, sagt sie. Auch Becky Schulze aus dem Hinterhaus ist verunsichert. „Wie soll ich das nur meinen Kindern erklären“, fragt die 27-Jährige. Auch sie beunruhigt der Gedanke, dass ihre unmittelbaren Nachbarn Opfer einer Gasvergiftung geworden sind.
Therme wird demontiert
Inzwischen wird immer häufiger die Frage gestellt, ob die Tragödie hätte verhindert werden können. Klaus-Peter G., der leibliche Vater der vier getöteten Kinder, glaubt fest daran. Der 66-Jährige ist überzeugt, dass eine defekte Gastherme die Katastrophe ausgelöst hat. Anna P. habe schon seit Längerem unter Kopfschmerzen gelitten. G., der nach eigenen Angaben wieder mit der Mutter seiner Kinder zusammenziehen wollte, hatte daraufhin die Hausverwaltung informiert, wie er Morgenpost Online am Dienstag sagte. Am Montag, so G., sollte eigentlich die Therme überprüft werden. Zu spät – an diesem Tag wurde die Familie tot gefunden.
Über diese Todesursache war schon am Montagabend spekuliert worden. Die Hinweise erhärteten sich, als ein Fahrzeug des Entstörungsdienstes vor dem Haus hielt. „Wir wurden von der Polizei beauftragt, die Gastherme in der Wohnung zu überprüfen“, sagt Carsten Döring, Pressesprecher der Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg (NBB), die als Tochtergesellschaft der Gasag für die Wartung und Instandhaltung des Gasnetzes zuständig ist. Auffälligkeiten in der Wohnung konnten die Mitarbeiter nicht feststellen. Allerdings überprüften die Techniker auch die Leitungen im Haus. „Dabei wurde eine leichte Undichtigkeit an der Innenverteilung im Haus festgestellt“, so Döring. Ob es einen Zusammenhang mit dem Tod der Familie gibt, könne er nicht sagen.
Nur einen Tag später rief die Kriminalpolizei die Techniker erneut in die Puchanstraße. Nun sollten sie die Gastherme abmontieren. Dafür stellten die Mitarbeiter vorübergehend die Gaszufuhr ab. Auf einem kleinen gelben Zettel erfuhren die Mieter, dass die Gasversorgung wegen „Instandsetzungsarbeiten“ vorübergehend abgeschaltet werde. Anschließend übergaben die Techniker die Therme den Technikern der Kriminalpolizei.
Der Gasbrenner könnte für die Polizei ein wichtiges Beweisstück sein.
Nach Angaben des Verbandes Haus & Grund ist der Eigentümer verpflichtet, die Anlage regelmäßig überprüfen zu lassen. „Normalerweise geschieht das einmal im Jahr. Die Kosten dafür sind in den Betriebskosten enthalten“, sagt Dieter Blümmel von Haus & Grund. Wann die Gastherme in der Puchanstraße das letzte Mal gewartet wurde, konnte auch der Eigentümer, die Tower Management GmbH, am Dienstagnachmittag nicht sagen. „Wir prüfen derzeit den gesamten Vorfall“, sagt Michael Schierenberg von Tower Management. Derzeit drehe sich alles um den schrecklichen Vorfall. „Wir sind darüber sehr bestürzt und stehen mit der Kriminalpolizei in engem Kontakt, um den Vorfall möglichst schnell aufzuklären“, sagte er.
Die Familie ist laut Schierenberg erst vor rund vier Wochen in die Wohnung gezogen. Anna P. soll eine unauffällige Mieterin gewesen sein. Medienberichten zufolge soll die Familie in schwierigen sozialen Verhältnissen gelebt haben. Die Kinder Robert (7), Friedrich-Wilhelm (5), Klaus-Peter (4) und Anuschka (1) waren dem Jugendamt Treptow-Köpenick bekannt, wie eine Sprecherin der Behörde mitteilte. Zu Details wollte sie sich nicht äußern.
Gas-Vergiftung keine Seltenheit
Immer wieder kommt es zu tragischen Gas-Unfällen. Einer ähnlichen Tragödie wie in Köpenick ist ein Ehepaar aus Weißensee erst im März dieses Jahres um Haaresbreite entkommen. Gerettet wurden die beiden 55-Jährigen durch ihre Katze: Die Eheleute litten in ihrer Wohnung schon seit mehreren Stunden unter heftigen Kopfschmerzen. Erst als sie ihr totes Haustier entdeckten, alarmierten sie die Feuerwehr. Diese ermittelte mithilfe von Messgeräten eine hohe Konzentration von Kohlenmonoxid in der Luft der Wohnung. Ursache war, wie sich später herausstellte, eine defekte Gastherme. Die Katze war daran gestorben; auch für das Ehepaar wäre der Gasaustritt tödlich gewesen, wenn es die Feuerwehr nicht gerade noch rechtzeitig alarmiert hätte.
Für ein dreijähriges Kind aus Gollwitz (Potsdam-Mittelmark) kam dagegen vier Wochen zuvor jede Hilfe zu spät. Mitte Februar waren die Dreijährige, ihr sechsjähriger Bruder sowie die 47 und 31 Jahre alten Eltern bewusstlos im Haus der Familie entdeckt worden. Das Mädchen erlag im Krankenhaus einer Gasvergiftung; die anderen Familienmitglieder konnten gerettet werden. Im Haus der Familie war wegen eines defekten Kamins Gas ausgetreten.
Oft sterben Opfer im Schlaf
Dass der Austritt von Kohlenmonoxid vielfältige Ursachen haben kann, zeigen weitere Fälle. In Bayern starb Ende 2010 ein 74-Jähriger im Schlaf durch eine Vergiftung, weil ein Vogelnest den Kaminabzug seines Hauses verstopft hatte. Wenige Wochen zuvor erstickte in Hessen ein kleiner Junge in der Badewanne. Aus den teilweise maroden Leitungen, die durch das Badezimmer führten, war Gas ausgetreten, fand die Polizei heraus.
Kohlenmonoxidvergiftungen sind Studien zufolge die häufigste Vergiftungsform in Deutschland. Oft sterben die Opfer während des Schlafens. Kohlenmonoxid tritt auch bei Bränden in Häusern und Wohnungen auf. Die meisten Opfer sterben nicht an unmittelbaren Brandverletzungen, sondern durch das Einatmen der durch das Feuer freigesetzten giftigen Gase. Erst im März kamen auf diese Weise bei einem Brand im Treppenhaus eines Wohnhauses an der Sonnenallee eine junge Frau und ihr Säugling ums Leben.
Geruchlos und hochgiftig
Kohlenmonoxid (chemisch CO) entsteht bei der Verbrennung von organischem Material wie Holz, Feuer, Benzin oder Öl. Vermischt es sich mit Luft, ist es hochexplosiv. Bei der Verbrennung von Gas wie in Gasthermen kann Kohlenmonoxid in den Wohnraum gelangen.
Die Kohlenmonoxidvergiftung stellt in Industrienationen wie Deutschland die häufigste Vergiftung mit Todesfolge dar. In der Bundesrepublik wird jährlich von bis 2000 Todesfällen ausgegangen.
Durch eine Überdosis des geruchlosen, unsichtbaren, geschmacksneutralen und hochgiftigen Kohlenmonoxids nimmt die Sauerstofftransportkapazität des Blutes ab.
Vergiftung: Bei einer Vergiftung besetzt das Gift demnach im Körper die Bindungsstellen für Sauerstoff, es tritt Sauerstoffmangel auf – und der Betroffene erstickt.
Besonders schwierig an der Diagnose einer CO-Vergiftung ist, dass die Symptome nicht eindeutig zu erkennen sind. Besetzt das Kohlenmonoxid zehn Prozent des Hämoglobins, treten keine Symptome auf. Bei Werten darüber treten Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und Atemnot auf, dies kann bis hin zu Herzrhythmusstörungen, Halluzinationen, Apathie und Krampfanfällen führen. Bei Vergiftungen mit über 50 Prozent des Hämoglobins kommt es zu Schock, Bewusstlosigkeit und letztlich zum Tod durch Ersticken.
Folgeschäden: Nach ein paar Tagen können Folgeschäden an Herz- und Nervensystem wie dauerhafte Rhythmusstörungen und Leistungsschwäche, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Schwindel, Kopfschmerz, Übelkeit und Persönlichkeitsveränderungen auftreten.
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