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10.02.11Lösegeld übergeben
Kindesentführung in Kleinmachnow - Täter gefasst
In Kleinmachnow hat ein Maskierter ein vierjähriges Mädchen verschleppt. Der Täter hinterließ eine Lösegeld-Forderung in fünfstelliger Euro-Höhe. Am Abend wurde das Geld übergeben, die Kleine kam frei. Der Täter soll heute noch dem Haftrichter vorgeführt werden.
Von Michael Behrendt, Peter Oldenburger und Steffen Pletl
Foto: schroeder
Kindesentführung in Kleinmachnow: Der Täter muss die Gegend vorher genau beobachtet haben
Die Eltern der kleinen Karoline aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) erleben den Albtraum aller Eltern, als am Donnerstagmorgen ihre vierjährige Tochter entführt wird. Vor den Augen der entsetzten Mutter wird das kleine Mädchen in ein Auto gezerrt, das im nächsten Moment davonrast. Der maskierte Täter hatte der Frau eine Sichel an den Hals gehalten und gedroht, ihr die Kehle durchzuschneiden.
Am Abend dann, nach einem mehr als 13 Stunden langen Großeinsatz der Polizei, bei dem Brandenburger und Berliner Spezialkräfte auch verdeckt ermittelten, kommt die erlösende Nachricht: Karoline ist frei. Zuvor war es an der A12 zu einer Geldübergabe gekommen, beobachtet von versteckten Polizeieinheiten. Als die Nachricht über Funk kommt, dass Karoline freigelassen und in Sicherheit ist – sie stand plötzlich vor ihrem Elternhaus, schlägt die Polizei zu. Ein Fluchtversuch des Täters scheitert. Er verliert die Kontrolle über seinen Wagen. Sekunden später ist er überwältigt. Derzeit konzentrieren sich die Ermittlungen der Polizei auf die Frage, ob der Kidnapper einen oder mehrere Komplizen hatte. Denn die Zeitspanne zwischen der Geldübergabe bei Fürstenwalde und Karolines Erscheinen zu Hause deutet darauf hin.
Mutter mit Sichel bedroht
Das Drama beginnt am Donnerstagmorgen. Straße Zur Remise in Kleinmachnow, 8.04 Uhr: Die Mutter der vier Jahre alten Karoline K. bringt ihre Tochter zur Tagesmutter. Sie wohnt nur ein paar Häuser weiter. Karoline K. und ihre Mutter sind im Haus. Mehrere Kinder wollen gerade die Wohnung der Tagesmutter mit einer Betreuerin verlassen. Plötzlich stoppt ein roter Wagen mit quietschenden Reifen vor dem Haus. Ein Mann springt heraus. Er ist maskiert, hat eine Sichel in einer Hand. Der Maskierte stürmt in das Haus und schreit: "Wo ist Karoline?". Er presst der Mutter die Klinge der Sichel an den Hals, reißt das Kind an sich. Nur Sekunden später ist er mit Karoline in einem roten Renault "Clio" verschwunden.
Später wird sich herausstellen, dass der Wagen von seinem Besitzer als gestohlen gemeldet worden war. Nach Informationen der Morgenpost hatte der Mann Kennzeichen der Tschechischen Botschaft am Wagen angebracht.
Bei der Polizei wird Großalarm gegeben. Einheiten rücken aus, in zivil, in Funkstreifenwagen. Zeitgleich beginnen Polizeibeamte damit, erste Täterprofile zu erarbeiten. Denn der Kidnapper hat der Mutter noch einen Zettel zugeworfen, bevor er davonraste. Darin steht die Forderung des Entführers: 60.000 Euro in nicht markierten Scheinen. Zudem soll ein Auto zu einem Treffpunkt fahren. Den genauen Ort will der Entführer noch bekannt geben. Das Auto darf ebenfalls nicht präpariert sein, so die Forderung. Und weiter heißt es: keine Polizei, vor allem keine Presse.
Im Potsdamer Präsidium wird eine sogenannte Besondere Aufbau-Organisation gegründet. In Berlin wird Unterstützung angefordert. Zwei Mobile Einsatzkommandos (MEK) der Hauptstadt bereiten sich auf einen möglichen Einsatz vor. Die Polizisten des SEK (Spezialeinsatzkommando) werden ebenfalls in die Fahndungsmaßnahmen eingebunden, sie kommen für den möglichen Zugriff ebenso in Frage wie ihre Kollegen aus Potsdam.
Den ganzen Tag über herrscht Rätselraten über das Vorgehen und die Motivation des Täters. Nur 15 Meter liegen zwischen dem Einfamilienhaus der Familie K. und den Räumen der Tagesmutter. Der Entführer muss die Gewohnheiten der Familie genau beobachtet und ausgewertet haben. Fragen über Fragen – stammt der Täter aus dem Umfeld der Familie? Ist er ein Nachbar, mit dem die Familie einen Streit hatte? Gibt es jemanden, bei dem die Familie Schulden hatte, die nicht beglichen werden konnten? Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass es keinerlei Hinweise auf solche Verbindungen gibt.
Karolines Eltern scheinen in ganz normalen Verhältnissen zu leben. Beide sind Angestellte.
Rätselraten um das Motiv
Erst seit einem halben Jahr lebt die Familie mit mehreren Kindern in dem Einfamilienhaus an der Straße Zur Remise. Eine angenehme Wohngegend. Ein Ermittler beschreibt sie als normale Menschen. Weiß dies auch der Täter? Denn die Summe von 60.000 Euro ist ungewöhnlich niedrig für eine Entführung mit Lösegelderpressung.
"Kleinmachnow ist im allgemeinen bekannt für besser verdienende, betuchte Bewohner", so ein Ermittler gegenüber dieser Zeitung. "Ein höherer Betrag wäre eigentlich logischer aus Sicht des Entführers gewesen. Oder aber er weiß um die finanzielle Situation der Familie, nach dem Hausbau und dem Umstand, dass diese 60.000 Euro auch schnell bereitgestellt werden, wenn es um das Leben eines kleinen Mädchens geht."
Der Tatverdächtige soll am Freitag dem Haftrichter vorgeführt werden. "Wir wollen das zügig veranlassen", sagte ein Polizeisprecher. Details auch zur Identität des Entführers will die Polizei am Freitagmittag in einer Pressekonferenz bekanntgeben.
Das erste Opfer einer Entführung in der Bundesrepublik war 1958 der siebenjährige Joachim Goehner in Stuttgart. Ein Hilfsarbeiter tötete das Kind und forderte dann 15.000 Mark Lösegeld. Morgenpost Online listet weitere Entführungsfälle auf:
13. November 1973: Die Tochter des Wienerwald-Besitzers Friedrich Jahn, Evelyn, wird in München verschleppt und für drei Millionen Mark Lösegeld zwei Tage später freigelassen. Die Entführer werden gefasst.
25. Juli 1980: In Italien werden die Töchter des Fernsehjournalisten Dieter Kronzucker und einer ihrer Cousins im Ferienhaus bei Siena entführt. Nach der Zahlung von 2,3 Milliarden Lire (4,3 Millionen Mark) Lösegeld werden sie nach 68 Tagen, am 1. Oktober, freigelassen. Einer der mutmaßlichen Entführer, der Italiener Giovanni Farina, wird in Bogota verhaftet.
15. September 1981 – Die zehnjährige Ursula Herrmann wird beim Radfahren in Eching am Ammersee entführt. Der Täter sperrt sie in eine Holzkiste, die zuvor im Wald vergraben wurde. Weil das Luftrohr nicht funktioniert, erstickt das Mädchen. 29 Jahre später, am 25. März 2010, verurteilt das Landgericht Augsburg den damaligen Nachbarn der Familie Herrmann, Werner M., in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft.
18. Dezember 1981: Die achtjährige Nina von Gallwitz wird auf dem Schulweg in Köln gekidnappt. Erst nach fünf Monaten, am 17. Mai 1982, kommt sie gegen Zahlung von 1,5 Millionen Mark frei. Die Täter sind unbekannt.
21. Januar 1985: Ein Enkel des Verlegers Axel Caesar Springer, Axel Sven, wird aus einem Internat in der Schweiz entführt. Das geforderte Lösegeld von 15 Millionen Mark wird nicht gezahlt. Der Junge wird dennoch freigelassen. Die vier Täter werden gefasst und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
23. Dezember 1987: Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker zahlt 9,6 Millionen Mark für die Freilassung seiner Kinder Lars und Meike. Erst 1999 werden die Entführer zu jeweils 13 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.
16. Januar 1991: Der sechsjährige Peter Fiszman und seine siebenjährige Schulfreundin werden in Köln verschleppt und drei Tage später freigelassen. Die zwei Täter, der Malermeister Rainer Körppen und sein Sohn Sven, werden 1998 verurteilt, nachdem sie Peters Onkel, den Frankfurter Kaufmann Jakub Fiszman, entführt und ermordet haben. Sie verschleppen ihn am 1. Oktober 1996 in Frankfurt beim Verlassen seines Büros und sperren ihn in eine Garage in Langen ein. Die Täter bringen den 40-Jährigen um und kassieren danach vier Millionen Mark Lösegeld. Rainer Körppen wird zu lebenslanger Haft mit Sicherheitsverwahrung verurteilt, sein Sohn zu zwölf Jahren Haft. Die Täter haben außerdem am 1. September 1993 den 31-jährigen Sohn eines Offenbacher Fleischgroßhändlers in Dietzenbach entführt und in einer Holzkiste gefangen gehalten. Für zwei Millionen Mark kommt das Opfer in Wiesbaden frei.
August 1996: Ende August wird im brandenburgischen Velten die zehnjährige Nicole von ihrer Tante und deren Lebensgefährten entführt. Tage später finden niederländische Polizisten das Mädchen schließlich nach Hinweisen aus der Bevölkerung auf einem Campingplatz bei Groningen. Offenbar sollte das Kind zur Prostitution gezwungen werden, konnte aber noch vorher in die Obhut der Eltern zurückgegeben werden.
14. September 1997: Am 14. September wird der 20-jährige Gastwirtssohn Matthias Hintze aus dem brandenburgischen Geltow von zwei Kriminellen entführt und in eine Erdgrube bei Waren/Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) gebracht. Obwohl Hintze nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bereits zwei Tage nach der Verschleppung in seinem Verließ erstickte, forderten die Kidnapper mehrere Wochen lang eine Million Mark von den Eltern. Die aus Russland stammenden Täter wurden später in Berlin festgenommen.
24. Oktober 1998: Der neunjährige Falko wird in Gera auf offener Straße entführt. Die Polizei macht den Täter mit einer Fangschaltung ausfindig und befreit den Jungen am 2. November 1998. Der Täter, ein verschuldeter 35-jähriger Geschäftsmann, fordert 10,1 Millionen Mark. Das Leipziger Landgericht verurteilt ihn später zu achteinhalb Jahren Haft.
27. September 2002: Der Jura-Student Magnus Gäfgen lockt den elfjährigen Frankfurter Bankierssohn Jakob in seine Wohnung in Frankfurt und erstickt ihn mit Klebebändern. Beim Abholen des Lösegelds von einer Million Euro beobachtet ihn die Polizei. Gäfgen wird zu lebenslanger Haft verurteilt.
29. März 2006: Drei Männer dringen als Paketboten getarnt in die Wohnung einer Unternehmer-Familie ein. Sie fesseln die Großmutter eines zweijährigen Jungen und verschleppen das Kind. In einem Telefonanruf fordern sie 1,5 Millionen Euro. Die Polizei kommt ihnen auf die Spur und befreit das Kind.
13. März 2009: Zwei Täter erpressen von einem Familienvater im Südschwarzwald mit vorgehaltener Pistole an der Haustür 1.500 Euro und verschleppen seine zweijährige Tochter. Sie fordern eine zweistellige Millionensumme. Die Polizei befreit das Kind nach 37 Stunden.
10. Februar 2011: In Kleinmachnow bei Berlin ergreift ein maskierter Mann ein vierjähriges Mädchen, bedroht die 41 Jahre alte Mutter vor ihrem Wohnhaus mit einer Waffe und übergibt ihr einen Zettel mit einer Lösegeldforderung. Er sagt, er werde das Kind entführen und sich später bei ihr melden. Am frühen Abend ruft er die Familie an. In Fürstenwalde wird ihm danach Lösegeld übergeben. Er lässt das Mädchen frei. Spezialeinsatzkräfte der Polizei nehmen ihn noch am Abend fest.
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