18.09.10

Umfrage

West-Berliner hadern mit den Folgen der Einheit

Eigentlich gelten ja die Ossis als gut im Jammern. Nun zeigt eine Umfrage von Infratest, dass im Westen Berlins die Unzufriedenheit viel größer ist. Nur 40 Prozent bewerten hier die Einheit als positiv.

Foto: picture-alliance/ dpa/null
Feier zur Deutschen Wiedervereinigung Berlin
Feier zur Deutschen Wiedervereinigung 3. Oktober 1990: Vor 20 Jahren zeigten sich viele optimistischer

Die Mehrheit der West-Berliner hadert mit den Folgen der deutschen Einheit. Laut einer repräsentativen Umfrage von TNS Infratest bewerten nur 40 Prozent der Bevölkerung im Westen der Hauptstadt die Auswirkungen der Einheit auf ihre persönliche Situation als "positiv". Unter den Berlinern im Osten der Stadt liegt der Anteil der positiv Gestimmten mit 57 Prozent deutlich höher.

Die Umfrage erfolgte im Auftrag der Landesbank Berlin (LBB) und liegt der "Berliner Morgenpost" exklusiv vor. Die Erhebung spiegelt ein Bild Berliner Befindlichkeiten 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Sie zeigt, dass die ökonomischen Folgen der Einheit von Bürgern der alten Bundesrepublik zunehmend skeptischer bewertet werden. In Berlin, wo die Teilung so unmittelbar und hart wie kaum anderswo das Leben bestimmte, betrachten sich offenbar insbesondere "Wessis" als Verlierer der Einheit. Am deutlichsten wird das bei der Frage nach der wirtschaftlichen Situation. Nur 14 Prozent der West-Berliner geben an, dass es ihnen seit der Einheit wirtschaftlich besser gehe. Fast jeder Dritte hingegen sagt, seine wirtschaftliche Situation habe sich verschlechtert. Der Rest antwortet mit "unverändert" (48 Prozent) oder "weiß nicht" (7 Prozent). Im Osten dagegen hat sich bei jedem zweiten die wirtschaftliche Situation verbessert. Nur 18 Prozent geben an, sie sei schlechter geworden.

Überträgt man die Ergebnisse auf ganz Berlin, ergibt sich eine durchwachsene Einheitsbilanz: 47 Prozent aller Berliner sehen ihre persönlichen Lebensumstände durch die Einheit verbessert, 12 Prozent äußern sich negativ, 39 Prozent neutral. Bei der wirtschaftlichen Situation gaben 28 Prozent aller Hauptstädter an, dass es besser geworden sei. Bei fast ebenso vielen, nämlich 26 Prozent, hat sich die wirtschaftliche Situation verschlechtert.

Lebensqualität gestiegen

Immerhin meinen 54 Prozent aller Berliner, dass sich seit 1990 die Lebensqualität erhöht habe. Angesichts der gewaltigen Verbesserungen in Ost und West ist das allerdings kein besonders hoher Wert. Erneut sitzen die Einheitsmuffel zwischen Zehlendorf und Frohnau. Nur 43 Prozent der West-Berliner finden, dass sich die Lebensqualität verbessert habe. Für jeden Vierten hat sie sich sogar verschlechtert, 23 Prozent antworteten mit "unverändert". Die große Mehrheit der Ost-Berliner, insgesamt 71 Prozent, erlebt eine höhere Lebensqualität als vor der Wiedervereinigung.

Insgesamt befragte Infratest 1274 Berliner. 759 hatten ihren Wohnsitz in Westberliner Bezirken, 515 im Osten.

Die "Identität West-Berliner" ist in der Hauptstadt wesentlich stärker ausgeprägt als das Ost-Pendant. Gefragt nach der Identität, überwog zwar bei den meisten das Gefühl, einfach nur Berliner zu sein (52 Prozent). 27 Prozent gaben aber an, West-Berliner zu sein, nur 15 Prozent bezeichneten sich als Ost-Berliner.

Jugend ist ahnungslos

Die Umfrage bringt aber weitere interessante Erkenntnisse hervor, denn die Marktforscher von Infratest wollten nicht nur wissen, ob jemand im Osten oder Westen wohnt. Jeder Teilnehmer wurde auch nach Alter, Einkommen und Vermögen befragt. Somit lässt sich erahnen, wann die Einheit möglicherweise richtig vollzogen sein wird. Denn unter den 14- bis 17-Jährigen antworteten 94,6 Prozent auf die Frage nach der persönlichen Situation infolge der Einheit mit "neutral". Für Berliner Teenager ist der 3. Oktober 1990 offenbar schon kein besonderes Datum mehr – schließlich haben sie ihn nicht selbst erlebt. Gerade einmal 5,4 Prozent nannten die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung positiv.

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