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Mord auf Alba-Recyclinghof

"Ich dachte, die bringe ich jetzt um"

Ein 24-jähriger Berliner hat eine Kollegin auf einem Alba-Recyclinghof vergewaltigt und getötet. Vor Gericht gesteht er die angeblich spontane Tat. Sein Gutachter schilderte die grausamen Einzelheiten.

24-Jaehriger wegen Mordes an Kollegin vor Gericht
Foto: dapd
Sven H. steht wegen Mordes an seiner Kollegin vor Gericht. Der 24-Jährige zeigte keine Emotionen

Angeblich ist alles ein Zufall gewesen. Ein spontanes Geschehen, das aus einer schlechten Stimmung resultierte und einer unmotivierten Wut. Und dass es diese junge Frau traf, die am späten Abend des 7. Januar allein im Umkleideraum stand – auch das soll zufällig gewesen sein. „Ich wollte töten, und es hätte auch ein Mann sein können“, hatte der Angeklagte Sven H. bei der Polizei ausgesagt. Aber es traf dann die 26-jährige Kollegin Nicole J.

Sven H. muss sich nun wegen Mordes verantworten. Er ist 24 Jahre alt, wirkt aber jünger. Ein blasser, schlanker, schmalgesichtiger junger Mann mit kurzem Haar.

Im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts gibt es von ihm zunächst nur eine kurze prägnante Erklärung. Diese wird von seinem Verteidiger Jan Stübing verlesen: „Es ist richtig, dass ich Nicole J. körperlich misshandelt habe“, heißt es. „Es ist richtig, dass ich sie sexuell missbraucht habe. Es ist richtig, dass ich sie getötet habe.“ Mehr Details, schlägt Stübing vor, könne ja der forensische Psychiater Alexander Böhle schildern, dem Sven H. bei der Begutachtung alles erzählt habe. Das Gericht stimmt zu. So wird aus dem Gutachter Böhle der Zeuge Böhle. Und was er erzählt, ist an Grauen kaum zu überbieten:

Sven H. kommt an diesem 7. Januar zur Nachtschicht auf den Recyclinghof der Firma Alba in Mahlsdorf. Er hat zuvor ein paar Stunden geschlafen, mit seiner Mutter, die in Kaulsdorf im selben Haus wohnt, zu Mittag gegessen. Und er hat wieder stundenlang vor seinem Computer gesessen und eines dieser „Ballerspiele“ gespielt. Er war der tapfere unbarmherzige Kämpfer, der eine Terrorbande aus einem Hochhaus vertreibt. Mit Toten und viel vergossenem Blut. Er habe sich „Scheiße gefühlt“ an diesem Tag, berichtete er Böhle, „ich war so unruhig“.

Gegen 22 Uhr beginnt seine Schicht auf dem Recyclinghof. Er muss Abfälle schreddern. Dabei verletzt er sich, ritzt sich den Finger auf. „Da war ich plötzlich auf 180“, sagte er. „Ich habe gedacht, es müsste doch ein geiles Gefühl sein, jemanden zu töten.“

Sven H. trägt stets ein Fleischermesser bei sich. Das steckt auch in seiner Tasche, als er zu den Umkleideräumen geht. Im Raum für die Männer habe er niemanden gesehen. Angeblich sei er erst anschließend zu dem Raum für die Frauen gegangen. Und dort steht allein und ahnungslos seine Kollegin Nicole J.

Überfall im Umkleideraum

„Ich habe gedacht, die bringe ich jetzt um“, sagte er zu Böhle. Nicole J. hat sich schon umgezogen, schaut gerade in ihren Spind. Sven H. schleicht sich an sie heran, packt sie von hinten, reißt sie auf den Boden, hält ihr den Mund zu. Als sie zu beißen versucht, schlägt er ihr mit der Faust ins Gesicht und gegen den Oberkörper. Sie ist keine zierliche Person, aber sie hat keine Chance. Er würgt sie, fesselt und knebelt sie und schleift sie in den Duschraum. Es droht wenig Gefahr, dort in den nächsten Minuten entdeckt zu werden.

Und als er von weitem Stimmen hört, geht er sogar erst einmal in aller Ruhe zurück zu seinem Schredder. Dort wird er noch nicht vermisst. Er habe sich „weiterhin sehr wütend gefühlt“, sagte er zu dem Gutachter. Und da sei „immer noch diese Unruhe“ gewesen. Fünf Minuten später geht er zurück in den Duschraum. Sein Opfer hat derweil versucht, weg zu kriechen, ist aber nicht weit gekommen. Sven H. ärgert sich darüber, „weil sie sich nicht an meine Weisungen gehalten“ habe. Und ihm sei sofort der Verdacht gekommen, dass sie vielleicht mit ihrem Handy telefoniert haben könnte, erzählte er gegenüber dem Gutachter. Er durchsucht sie, tastet sie ab, fühlt ihren Körper. Erst da, behauptete er, seien ihm sexuelle Gedanken gekommen. Er löst die Fesseln an den Füßen, reißt ihr die Hose und den Slip herunter und vergewaltigt und demütigt sie. Die Ermittler gehen nach einem Gutachten davon aus, dass es mehrmals geschah.

Und noch einmal geht er zurück zu seinem Arbeitsplatz, und noch einmal kommt er nach ein paar Minuten wieder. „Ich habe gedacht, wenn ich sie losmache, tut sie mich anscheißen“, sagte er zu Böhle. Und als dieser fragte, wie sein Opfer reagiert habe, als es das Messer sah, blieb Sven H. auch bei dieser Beschreibung erschreckend emotionslos. „Sie hatte so traurige Augen“, sagte er. „Ich glaube, sie hat gewusst, was jetzt passiert.“

Schon der erste der beiden Stiche in den Rücken ist tödlich. Sven H. stopft den Leichnam der jungen Frau in eine Mülltüte, umwickelt ihn mit Draht und bugsiert ihn in einen Müllcontainer. Dort wird der Leichnam erst zwei Tage später von der Polizei entdeckt. Der wegen Diebstahls vorbestrafte Sven H. wurde am 12. Januar zunächst als Zeuge vernommen. Er verstrickte sich aber in Widersprüche und gab die Tat schließlich zu.

Zu Hause Damenwäsche versteckt

Damals leugnete er noch die Vergewaltigungen. Doch sie konnten ihm anhand von DNA-Spuren eindeutig nachgewiesen werden. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden große Mengen gebrauchter Damenunterwäsche gefunden. Darunter 162 Damenslips, 92 BHs und 36 Strumpfhosen. Schon nach dem Verschwinden von Nicole J. war bekannt geworden, dass ihr Spind in der Vergangenheit zweimal aufgebrochen worden war. Gestohlen worden seien neben Wertgegenständen auch Unterwäsche.

Sven H. sagte zu dem Gutachter, er habe Nicole J. angeblich nur vom Sehen gekannt. Er habe nicht einmal ihren Namen gewusst. Vielleicht war es also wirklich ein Zufall, dass ausgerechnet sie am 7. Januar allein im Umkleideraum stand. Vielleicht hatte er ihr aber auch schon seit Wochen nachgestellt, war abgewiesen worden und fühlte sich gekränkt. Für das Urteil spielt das keine Rolle. Es bleibt ein Mord. Ohne Abstriche: Sven H. soll von Böhle in einem vorläufigen Gutachten als voll schuldfähig eingeschätzt worden sein. Auch wenn er nur einen Intelligenzquotienten von 63 hat und er, so scheint es, absolut gefühlskalt ist. Ob er Mitleid habe, hatte ihn Böhle gefragt. Und Sven H. hatte geantwortet, für Nicole J. sei es ja ein schneller Tod gewesen. Aber für ihre Eltern sei es sicher schlimm, „die sind jetzt traurig“. Der Prozess wird fortgesetzt.

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