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Restauranteröffnung

Das ist Tim Raues neue Küche

In wenigen Tagen eröffnet der Berliner Sternekoch Tim Raue sein erstes eigenes Restaurant in Kreuzberg. Morgenpost Online hat schon einmal in die Töpfe geschaut.

Tim Raue (36) sitzt in seinem fast fertigen Restaurant an der Rudi-Dutschke-Straße. Es hat 50 Plätze und ist betont schlicht gehalten
Foto: Reto Klar
Tim Raue (36) sitzt in seinem fast fertigen Restaurant an der Rudi-Dutschke-Straße. Es hat 50 Plätze und ist betont schlicht gehalten

Unsere zweite Verabredung beginnt mit guten Neuigkeiten. Das Wasser in der Küche läuft, berichtet ein Handwerker. Endlich. Theoretisch könnten also Gläser und Geschirr vom Renovierungsstaub befreit und für die Eröffnung des neuen Restaurants "Tim Raue“ an der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße am 1. September poliert werden. Doch wohin damit? Überall stapeln sich noch Kisten und Kartons. Die Küche steht zwar schon, ist aber noch nicht vollends ausgepackt. Jetzt heißt es Geduld haben.

Wohl auch deshalb nimmt Tim Raue die gute Nachricht ohne größere Emotionen auf. Er muss jetzt einen Schritt nach dem anderen machen. Bis zur Eröffnung sind es nur noch wenige Tage. Und er weiß: Rückschläge können den Zeitplan immer noch durcheinander bringen. Wie am vergangenen Wochenende, als wir zum ersten Mal verabredet waren. Da wurde die Küche nicht wie vereinbart geliefert und der Lastwagen mit dem Geschirr kippte auf dem Weg nach Berlin um. Neben 82.000 Euro Schaden musste Raue hinnehmen, dass er seinen Eröffnungstermin nicht halten konnte. Heute sagt er: „Was ist schon eine Woche? Wir haben die Planung und den Bau in dreieinhalb Monaten durchgezogen. Andere brauchen dafür ein Jahr.“

Wir – damit meint Raue seine Frau Marie und sich. Seit 17 Jahren sind die beiden ein Paar, seit zwölf Jahren verheiratet und von Anfang an ein Team. Auch das neue Restaurant, das erste eigene des Berliner Starkochs, ist Teamwork. So hat Raue die früheren Räume der Galerie Crone bei einer Veranstaltung zum ersten Mal gesehen und sich gedacht: „Hier könnte ein Restaurant funktionieren.“ Er dachte nicht: mein Restaurant. Erst seine Frau überzeugte ihn davon, sich selbstständig zu machen. Dabei hatte er ein Angebot aus Hongkong auf dem Tisch, „hervorragend bezahlt“ und „unter guten Arbeitsbedingungen“.

Raue meint damit Zwölf- statt 16-Stunden-Tage und eine Fünf- statt seiner Sechs-Tage-Woche. „Wir hätten dort ein normales Leben führen können“, sagt der 36-Jährige. Aber Hongkong ist nicht Berlin. Und Raue will es in Berlin schaffen. „Ich brauche eine Stadt, die vibriert, in der man es sich leisten kann, etwas anderes zu machen als die anderen.“ Sein Restaurant besetze eine Nische: durch seine Küche, durch das Konzept. Auch innenarchitektonisch wird es einen Bezug zu Berlin haben: durch die Böden aus geschliffenem und poliertem Asphalt, die Möbel aus schnörkellos verarbeitetem Walnussholz und den preußisch-blauen Polstern. Die harte Konkurrenzsituation in Berlin wischt der Sternekoch weg. „Wir haben keine Konkurrenz.“

"Wir hatten kein Eigenkapital“

Trotzdem hatte er mit der Idee ein Problem: „Wir hatten kein Eigenkapital. Wir hatten noch nie Geld auf dem Konto. Wir leben lieber.“ Raue hält es nicht für Zufall, sondern für Schicksal, dass der TV-Sender Sat.1 ihn ausgerechnet in der Bauphase von Mai bis Mitte August für die Aufzeichnungen der Casting-Show „Deutschlands Meisterkoch“ vor die Kamera holte. Das Honorar, das Raue als Jurymitglied dort verdient hat, ist das Geld, das er für seinen Kredit brauchte. Mit den Finanzen beschäftigen will er sich aber nicht. „Dafür ist meine Frau zuständig, ich will mit Zahlen nichts zu tun haben. Ich will kochen.“

Das blinde Vertrauen, das Tim und Marie Raue verbindet, ist Schritt für Schritt gewachsen. Als sich das Paar kennenlernte, steckte Raue in der Ausbildung und sie noch mitten im Abitur. Er hatte eine harte Jugend hinter sich. Das Scheidungskind, von den Eltern hin- und hergestoßen, wurde vom Vater brutal – ironischerweise mit einem Kochlöffel – verprügelt und suchte einen Ausweg auf der Straße, bei der Kreuzberger Gang „36 Boys“, um sich in deren Reihen bewusst der Gewalt zu stellen. Sie wuchs behütet in Friedenau in einem Lehrerhaushalt auf, das Umfeld konservativ, CDU-geprägt. „Ich steckte in einer Phase, in der noch nicht klar war, was aus mir wird. Klappt das mit dem Kochen, oder drifte ich in eine Richtung ab, die nicht so gut wäre?“ Trotzdem zog Marie bei ihrem neuen Freund ein. „Zeitweise haben uns weder meine noch ihre Eltern unterstützt. Ich wusste es vorher und Marie wusste es von da an, wie es ist, wenn kein Geld da ist.“

Aber sie ließ sich nicht abschrecken. Statt zu studieren, machte Marie eine Ausbildung zur Restaurantkauffrau und stieg genauso schnell auf wie ihr Mann. „Marie war meine wichtigste Beraterin und Freundin. Sie hat mir Ratschläge gegeben und mich auch kritisiert.“ Ihr Geheimnis: „Wir konkurrieren nicht miteinander.“ Die Bereiche sind abgesteckt. Auch vom Wesen her sind die beiden unterschiedlich. „Marie ist diplomatisch und pflegt mit den Mitarbeitern einen freundschaftlichen Ton, alle duzen sich.“

In Raues Küche ist das undenkbar: „Bei mir herrscht eine strenge Hierarchie.“ Beide verbindet aber auch vieles, ihr Wille zum Erfolg, dasselbe Sternzeichen und dass sie nicht nachtragend sind. „Wenn wir uns streiten, ist das kurz und heftig und danach vorbei.“ Er habe viel von ihr gelernt. „Früher war ich ein Berserker in der Küche und habe rumgeschrien, wenn Fehler gemacht wurden.“ Heute weiß er, dass er damit nur seine Energie verschwendet. „Ich sage, was ich haben will, und wenn einer das beim zehnten Mal immer noch nicht umsetzen kann, ist er vielleicht nicht der richtige für den Job. Als Chef bin ich hart, aber fair.“

Seine Mitarbeiter wissen das offenbar zu schätzen. Die meisten Kollegen, die ihm bereits aus dem „Restaurant 44“ im Swissôtel bei seinem Wechsel zur Adlon Holding gefolgt waren, wo er neben dem „MA Tim Raue“ auch für die kulinarischen Konzepte im „Uma“, im „Gabriele“ und im „Felix“ zuständig war, haben ihn bereitwillig begleitet. Raue, der sogar seine Öffnungszeiten immer von Dienstag bis Sonnabend jeweils mittags und abends beibehält, spricht deshalb auch gar nicht von einer Eröffnung. „Wir sind umgezogen.“

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