25.08.10

Gentrifizierungs-Angst

Wolfgang Thierse kämpft gegen Wohnungssanierung

In Prenzlauer Berg sollen wieder Wohnungen modernisiert werden. Die Bewohner fürchten, dass sie ausziehen müssen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) kämpft mit ihnen. Der neue Besitzer spricht von Wahkampf auf seine Kosten.

Von Christina Brüning
Foto: Reto Klar
Elektronische Fußfessel
Wolfgang Thierse will die Wohnungen in Prenzlauer Berg so lassen wie sie sind

Unter dem großen, grünen Lindenbaum an der Straßburger Straße in Prenzlauer Berg herrscht Tumult. Es hat sich ein Menschenauflauf gebildet, der den gesamten Bürgersteig blockiert. Außen stehen viele ältere Damen auf Gehstöcke gestützt, weiter innen in dem Pulk folgt ein Ring von Fotografen, Kameraleuten und Journalisten mit gezücktem Schreibblock, dazwischen einige ältere Männer mit beigefarbenen Jacken und ganz in der Mitte steht der Mann mit dem charakteristischen rotgrauen Vollbart, auf den sich alle Blicke richten, flankiert von zwei jüngeren Herren im Anzug.

Wolfgang Thierse (SPD) macht "Politik vor Ort" in seinem Wahlkreis. Mit dabei hat er zwei Parteifreunde aus der Pankower Bezirksverordneten-Versammlung. Thierses Anliegen: Öffentlichkeit herstellen für einen Konflikt, der ihm "sehr typisch" erscheint.

Öffentlichkeit zu schaffen, das gelingt dem Bundestagsabgeordneten an diesem Dienstag. Thierse steht gegenüber von drei Wohnblöcken aus DDR-Zeiten, die ein neuer Investor gekauft hat und nun baulich verändern möchte. Zum Entsetzen der Mieter. Sie fürchten, dass sie ausziehen müssen, weil die Mieten steigen, wenn "Luxuswohnungen mit Tiefgarage" gebaut werden. Eine aufgeregte Frau redet auf die drei Politiker ein. "Wir brauchen keine Sanierung", sagt sie. "Wir wollen auch keinen Sozialplan von Ihnen – wir wollen, das alles bleibt, wie es ist."

"Gentrifizierung" ist das Schlagwort, das die Runde macht. "Verdrängung" sagt Thierse dazu. Im Kollwitzkiez ist in den vergangenen 15 Jahren eine teure Wohngegend entstanden. Die drei Blocks Baujahr 1960 fallen nicht nur auf, weil sie nicht wie die umliegenden Häuser aus der Gründerzeit stammen, sondern auch, weil sie das letzte Fleckchen Kollwitzkiez sind, wo die Kaltmieten noch bei rund 5,50 Euro pro Quadratmeter liegen. Ihr neuer Eigentümer möchte rund 20 der 110 Wohnungen abreißen und so die offene Seite der drei parallel stehenden Blöcke zur Straßburger Straße hin durch einen weiteren Block schließen. Die übrigen Wohnungen sollen modernisiert werden. So sieht es der Bebauungsplan vor, der im Bezirksamt Pankow gerade verhandelt wird und der den Mietern Angst macht.

Gemacht wurde die Stadtplanung von der SPD

Erika Hoffmeister hängt an ihrer Wohnung. Die 90-Jährige hat sie mitgebaut. In 300 "Aufbaustunden" hat sie Schutt geschleppt, geputzt und aufgeräumt bei den Bauarbeiten vor 50 Jahren. Erika Hoffmeister ist die älteste Mieterin der "Wohnanlage am Wasserturm", wie die drei Blöcke heißen. Nächstes Jahr wohnt sie ein halbes Jahrhundert hier. "Die Bäume haben wir damals alle selbst gepflanzt", erzählt sie. Auf das offene Grün zwischen den Häusern sind die Mieter besonders stolz. In den Vorgärten zeugen Tomatenstauden, Sonnenblumen und Kapuzinerkresse davon, dass die Mieter sich liebevoll um ihre Wohnanlage kümmern. "Wir lassen uns nicht gefallen, dass uns das jemand wegnimmt", sagt Erika Hoffmeister. Viele Mieter hätten Angst vor dem neuen Eigentümer und wollten sich gar nicht öffentlich äußern, sagt sie. "Aber ich bin so alt, ich habe nichts zu verlieren." Der Investor würde sogar von Tür zu Tür gehen und die Leute kaufen wollen, erzählt sie. "Gar nicht erst die Tür aufmachen" empfiehlt eine Nachbarin.

Thierse rät den Mietern, sich zu organisieren – was sie bereits getan haben – und ihre Wünsche im Bezirksamt vorzutragen. "Beteiligen Sie sich, sagen Sie, was Sie wollen, und wir stehen dabei hinter Ihnen", sagt er. "Die Heuschrecken, die sich hier einkaufen, haben starke Anwälte – aber wir haben keine Angst vor denen." Es sei schließlich "die verdammte Pflicht und Schuldigkeit" des Bezirksamts, die sozialen Interessen zu berücksichtigen. Es gebe einfach keine stadtplanerische Notwendigkeit für die Baumaßnahmen, sagt der 66 Jahre alte Politiker und erntet endlich Applaus bei den umstehenden Mietern – und keine skeptischen Nachfragen.

Doch der Rahmenplan für die Sanierung des Kiezes sieht für die Wohnanlage "Flächensicherung und Neuordnung" vor. Eben keine Bestandssicherung. Und gemacht wurde die Stadtplanung von der SPD. "Scheinheilig" findet deshalb der zuständige Stadtentwicklungsstadtrat von Pankow, Michail Nelken (Linke), die Aktion von Thierse. "Erst betreiben sie 15 Jahre sozial blinde Stadtentwicklungspolitik und dann beschweren sie sich hinterher über Verdrängung." Nelken ist genervt. Er kann den Aufruhr der Mieter verstehen, verweist aber auf die Grenzen der Politik. "Eigentümer haben in diesem Land ebenso Rechte wie die Mieter", sagt er. Der vorliegende Bebauungsplan sei schon zurückhaltender als üblich – etwa, weil kein Komplettabriss gewollt ist.

Bei Auszug gibt es 10.000 Euro

Rainer Bahr kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Er ist der neue Eigentümer. 18 Projekte hat seine Firma Econcept in Pankow schon umgesetzt. "Wir wollen in der Wohnanlage am Wasserturm niemanden verdrängen", sagt er. Dies habe er Thierse auch mitgeteilt. Der Politiker mache Wahlkampf auf seinem Rücken und verbreite Panik, sagt Bahr. Jedes Gespräch werde boykottiert. "Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, um den Leuten zu signalisieren, dass ich sie nicht rausschmeißen will. Ich lebe selbst in diesem Kiez, ich bin kein gesichtsloser Investor aus dem Ausland."

Eigenbedarfskündigungsschutz für zehn Jahre – für über 70-Jährige lebenslang, fünf Jahre keine Mieterhöhung und 10.000 Euro sowie die Umzugskosten für die Mieter, die ausziehen, damit die Bewohner der 20 Wohnungen, die abgerissen werden sollen, innerhalb der Anlage umziehen können – so sieht Bahrs Angebot aus. Im September will er im Bezirksausschuss mit den Mietern darüber reden. Er glaubt, dass er sich am Ende durchsetzt. "Ich sehe die Rechtsprechung auf unserer Seite und gehe davon aus, dass spätestens in vier Jahren gebaut wird."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Esa-Mission Raumsonde erreicht nach zehn Jahren ihr Ziel
"Comic-Con" Wenn Superhelden die Straße bevölkern
Nahost-Konflikt Al-Kuds-Demonstration in Berlin
Erotik-Roman Erster heißer Trailer zu "Fifty Shades of…
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Hiddencash

Die ungewöhnliche Schatzsuche des Jason Buzi

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote