Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
23.08.10

Biografie

Wie Bernd Siggelkow die Arche gründete

Der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks in Berlin-Hellersdorf, Pastor Bernd Siggelkow, hat seine Biografie geschrieben. Sie erscheint am Mittwoch. Morgenpost Online veröffentlicht vorab in drei Teilen Auszüge. Heute: "Wir bauen eine Arche."

© SWR/Manfred Bölk
Als er sechs oder sieben Jahre alt war, packte die Mutter von Bernd Siggelkow ihre Sachen und verließ die Familie
Als er sechs oder sieben Jahre alt war, packte die Mutter von Bernd Siggelkow ihre Sachen und verließ die Familie

In der Bibel ist die Arche ein Schiff, das Mensch und Tier vor der Sintflut rettet. In Hellersdorf ist die Arche ein etwas heruntergekommenes ehemaliges Schulgebäude. Jeden Tag kommen 300 Kinder hierher, manchmal sind es sogar 600. Es gibt ein kostenloses Mittagessen, Freizeitangebote – aber auch Aufmerksamkeit und Lebenshilfe. 1995 gründete der freikirchliche Pastor Bernd Siggelkow in Berlin das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“. Mittlerweile gibt es bundesweit neun Kitas, in denen etwa 300 Mitarbeiter täglich mehr als 2000 Kinder versorgen.

In meinen ersten Wochen in Berlin traf ich einmal eine Gruppe von Jungs, die auf einem Spielplatz abhingen. Was sie denn den ganzen Nachmittag so machen würden, fragte ich die Jugendlichen. „Wir suchen uns ein paar Mädels, um ein bisschen zu poppen“, antwortete ein Junge, der das Gesicht eines Milchbubis hatte.

Das war nicht nur so dahergesagt, das spürte ich sofort. Die Jugendlichen hatten in ihrer Freizeit schlicht und einfach nichts zu tun und hingen deshalb auf den Spielplätzen der Umgebung ab. Es gab viel zu wenige Jugendklubs in der Nachbarschaft und die Freizeit der Kinder gestaltete sich oft leer und öde. Wie trostlos ist es, wenn niemand für diese Kinder da ist und sie auch keine festen Strukturen in ihrem Leben haben, dachte ich. Einer musste doch ihre Situation ändern! In den Schulen waren die Leistungen dieser Kinder oft schlecht. Ohne Hilfe von außen würde sich daran wohl auch nichts ändern. Um das zu erkennen, musste man kein Hellseher sein. Am Ende einer solchen Schülerkarriere steht nicht selten eine kriminelle Laufbahn.

Meine finanzielle Situation am Anfang unserer Berliner Zeit war nicht nur schwierig – sie war katastrophal. Anders kann man es nicht ausdrücken. Als Pastor verdiente ich so wenig, dass wir praktisch von meinen kleineren Nebenjobs und dem Kindergeld lebten. Wir waren gezwungen, zusätzlich Sozialhilfe zu beantragen.

Teure Weihnachtsgeschenke

Ich erinnere mich an ein Weihnachtsfest zu dieser Zeit. Ich wusste nicht, was ich meiner Frau und den Kindern zu Weihnachten schenken sollte. Für die allermeisten Kinder ist Weihnachten ein ganz großer, wenn nicht sogar der Höhepunkt des Jahres, so natürlich auch für meine Kinder – und ich hatte kurz vor dem Fest keine Mark mehr in der Tasche. Dann las ich eine Anzeige in der Berliner Morgenpost: „Nachtportier im Hotel gesucht“.

Einen Tag später – ich kam gerade von einer Veranstaltung in unserer Gemeinde in Wedding – ging ich zum Briefkasten, um nach der Post zu schauen, und fand darin neben den üblichen Werbeprospekten einen dicken wattierten Umschlag. Der Brief war an Familie Siggelkow adressiert und trug keinen Absender. In der Küche gab ich meiner Frau einen Begrüßungskuss und fragte, ob sie Post erwarte. Karin war jedoch genauso überrascht über die Post wie ich. Neugierig öffneten wir den Umschlag – und trauten unseren Augen kaum: Darin lagen fein säuberlich zusammengelegt zehn 100-Mark-Scheine. Sonst nichts – kein Brief und kein Hinweis darauf, von wem das Geld kam. Nur diese 1000 DM. Wir waren baff. Die Stelle im Hotel nahm ich natürlich nicht an. Wir feierten dank der anonymen Spende ein wunderschönes Weihnachtsfest und es blieb ein ordentlicher Betrag für die kommenden Wochen übrig.

Einmal – zu dem Zeitpunkt bestand unsere Einrichtung „Die Arche“ schon seit einigen Jahren – stand ein völlig verzweifelter Vater in meinem Büro. Er hatte seinem Sohn versprochen, in seinem Zimmer Laminat zu verlegen. Allerdings war, aus welchen Gründen auch immer, sein Hartz IV noch nicht auf seinem Konto eingegangen. Er wollte seinen Sohn jedoch nicht enttäuschen, und so bat er mich, ihm für einige Tage Geld zu leihen. Dem Vater, eigentlich ein sehr robuster Mann, der seinen Sohn manchmal auch etwas zu streng behandelte, standen die Tränen in den Augen. Es ist natürlich immer heikel, Geld zu verleihen, von dem man nicht weiß, ob der andere es je zurückzahlen kann, dennoch gab ich es ihm. Heute weiß ich, dass der Mann sehr glücklich war, weil ihm jemand vertraute. Einige Tage später lag der Betrag, den ich ihm gegeben hatte, übrigens wieder auf meinem Schreibtisch.

Möglicherweise hätte ich ihm das Geld nicht geliehen, wenn ich selbst nie in einer ähnlichen Situation gewesen wäre. Ich kenne das Gefühl, das ein Vater hat, wenn er seinen Kindern nichts schenken kann, nur zu gut.

Ein frustrierendes Jahr

Zu Beginn unserer Berliner Tage wohnten wir in einer Wohnung in Steglitz. Diese Bude verschlang mehr als die Hälfte meines bescheidenen Gehalts. Wir hofften jedoch, in den Ostteil der Stadt ziehen zu können, der mir bereits ein Jahr zuvor so am Herzen gelegen hatte. Dort wollten wir Kinder- und Jugendarbeit machen und nirgendwo anders.

Aber in Hellersdorf gab es damals noch Wartelisten für die Wohnungen. Ein Mitarbeiter einer dortigen Wohnungsbaugesellschaft machte uns keine Hoffnungen. „Vielleicht finden wir in rund zwei Jahren etwas für Sie“, sagte er zu uns.

Der Stachel der Enttäuschung saß tief. Doch wir wollten weg aus Steglitz. Und sechs Monate später fanden wir dann auch eine neue Wohnung in Strausberg im Speckgürtel von Berlin, wo die Wohnungen preiswerter waren. Hier konnten wir die Menschen aus der ehemaligen DDR besser kennenlernen. Fast vier Jahre wohnten wir hier; das waren wohl die schwierigsten Jahre in unserem Leben. Die tausend Mark, die kurz vor Weihnachten im Briefkasten lagen, motivierten mich aber wieder aufs Neue. Wir lernten nette Leute kennen und lebten uns ein. Über einen privaten Kontakt fanden wir dann auch eine schöne und bezahlbare Wohnung in Berlin-Hellersdorf.

1995 war für mich das frustrierendste Jahr in Berlin. Es ging kaum vorwärts, wir erlebten viel Widerstand, hatten nie Geld, und so fassten wir schließlich den Entschluss: Sollte sich an der Situation bis zum Jahresende nichts ändern, gehen wir wieder zurück nach Lörrach.

Doch nach und nach sprach sich herum, dass wir zahlreiche Aktivitäten für Kinder anboten. Ich hatte ja schon als Pastor für meine Kirchengemeinde Kinderfreizeiten veranstaltet, damit hatte ich auch nicht aufgehört, als die Stelle gestrichen worden war. Jedes Mal fuhren mehr Kinder mit, die mit der eigentlichen Kirchenarbeit wenig bis gar nichts zu tun hatten. In diesem Jahr waren ungefähr zehn Kinder aus Hellersdorf mit dabei, und ich dachte mir: Vielleicht ist das der Türöffner für das, was ich eigentlich wollte.

Im November des Jahres kam es dann zu einem ersten Treffen mit Gleichgesinnten. Viele von ihnen waren Christen, die eine Art Kirchenarbeit mit Schwerpunkt Jugend machen wollten. Wenig später gründeten wir eine evangelische Freikirche mit dem Ziel der Jugend-, Kinder- und Familienarbeit.

Das war die Geburtsstunde der Arche, obwohl wir anfänglich noch „Evangelische Freikirche Hellersdorf“ hießen. Aber schnell stellte sich heraus, dass aus dieser einst geplanten Gemeinde ein Rettungsboot für Kinder und Familien entstehen sollte, nämlich eine Arche. Der erste Schritt war getan. Doch die Arbeit unserer Kirche war nicht ganz einfach. Wir lebten ja in einem Bezirk, der sich nicht gerade durch seine christliche Grundlage auszeichnete. Hier lebten viele Menschen, die mit Gott und der Kirche nichts anfangen konnten. Aber wir hofften, auch die Kinder dieser Familien zu erreichen.

Nachdem wir die Kirche als Verein hatten eintragen lassen, begannen wir langsam unsere Arbeit. Wir planten einen ersten größeren Kindergottesdienst. Dafür mieteten wir das Hellersdorfer Kulturforum, eine kleine Stadthalle im äußersten Osten der Stadt, und verpflichteten eine Band. Alles war sehr locker, ganz im Sinne der vielen, überwiegend jüngeren Besucher. Und wir gestalteten alles ganz offen und transparent. Transparenz ist für mich von elementarer Bedeutung. Die Arche ist eine christliche Einrichtung, aber jeder soll und kann sehen, dass wir keine Sekte sind. Wir tun unsere Arbeit öffentlich und ziehen auch keine Gardinen vor unsere Fenster. In diesem Zusammenhang denke ich immer an das Schaufenster der Tierhandlung meines Vaters. Die Arche muss wie ein großes Schaufenster sein.

In den Wochen danach ging es richtig los. Ich besuchte Kinderspielplätze, um mit den Kindern zu spielen, um mich mit ihnen zu unterhalten und sie und ihre Nöte kennenzulernen, wir veranstalteten Kinderpartys und weitere Events für die jungen Menschen in diesem Bezirk. Dann luden wir eine andere christliche Jugendorganisation aus der Stadt ein, mit uns zusammen ein großes Kinderfest auf die Beine zu stellen. Dafür mieteten wir einen großen Saal an. Das war natürlich in diesen Anfangstagen aufgrund der Kosten für uns ein großes Risiko, aber dieses Risiko waren wir bereit einzugehen. Weil wir vermeiden wollten, dass wir vor halb leeren Reihen standen, verteilten wir im Vorfeld der Veranstaltung Handzettel und informierten die lokale Presse. Die berichtete einen Tag vorher auch ausführlich über unsere Veranstaltung. Unsere Werbung zeigte ihre Wirkung:

In dem Saal, in dem das Kinderfest stattfinden sollte, gab es Platz für ungefähr 100 bis 150 Kinder. Doch als wir die Pforten für die Veranstaltung öffneten, drängten sich rund 300 Kids und Jugendliche hinein! Der Saal platzte aus allen Nähten, sodass wir leider über 100 Kinder wieder nach Hause schicken mussten. Aber immerhin: Der Anfang war gemacht.

Schon wenige Tage später starteten wir mit einem wöchentlichen Kinderprogramm in einem Hellersdorfer Jugendklub. Zusätzlich hielten wir in unserem Wohnzimmer kleinere Kinderveranstaltungen ab. Außerdem boten wir als Freikirche natürlich sonntags Gottesdienste an.

2000 Mark Ladenmiete

Insgesamt waren wir zu Beginn der Arbeit neun Familien, die diese Aktivitäten innerhalb der Freikirche finanzierten. Im Laufe der Zeit kamen einige weitere Familien dazu. 1998 wurde dann in dem Plattenbau, in dem wir zwei Jahre vorher eine Wohnung angemietet hatten, ein kleines Ladenlokal frei. Ich überlegte nicht lange und bewarb mich als Mieter für diese Räume. 2.000 Mark sollten wir dafür monatlich bezahlen. War das aus eigener Kraft für unsere kleine Gemeinde zu schaffen? Wir gingen das Risiko ein und unterschrieben den Mietvertrag. Wenn meine Frau und ich vor unserem Umzug nach Berlin gewusst hätten, was für eine kräftezehrende Arbeit vor uns lag – wer weiß, ob wir den Mut dazu gehabt hätten, das beschauliche Lörrach zu verlassen. Und trotzdem kann ich heute nur sagen: Wir bereuen nicht, diesen Schritt damals getan zu haben. Auch wenn wir uns in dieser schwierigen Anfangszeit immer wieder gefragt haben, ob die Entscheidung die richtige gewesen war, so hatten wir doch das Gefühl, dass das, was wir taten, genau die Aufgabe war, die uns aufs Herz gelegt worden war.

Was Christsein bedeutet

Oft können sich die Kinder keinen Sport-, Musik- oder Nachhilfeunterricht leisten, manchmal auch einfach deshalb, weil die Eltern das Geld der Kinder für andere Dinge ausgeben. Eigentlich müssten die Schulen ihren Bildungsauftrag erfüllen und die Defizite dieser Kinder ausgleichen. Das passiert aber nicht. Die meisten dieser Kinder wissen heute schon, was aus ihnen wird – oder besser: was nicht aus ihnen wird. Ich sehe sie jedoch nicht nur als das, was sie sind – sondern auch als das, was sie sein könnten, wenn sie optimal gefördert würden. Dieses ganz andere Bild stimmt mich hoffnungsvoll, und das ist es, was mich von Anfang an angetrieben hat.

Zweifellos hat mir aber auch mein Christsein geholfen, diesen Weg zu gehen. Liebe und Beziehung sind die Schlüssel zum Herzen jedes Menschen. Wenn ich heute mit Leuten spreche, die sich irgendwann entschieden haben, Christ zu werden, dann stelle ich fast immer fest, dass am Anfang ihres Glaubenslebens meist die Beziehung zu einem Menschen stand, der Christ war. Das heißt: Nicht eine feurige Predigt hat ihnen den Glauben nahegebracht, sondern das Vorbild eines Christen aus ihrem Umfeld. Ich kann niemanden allein durch Reden von meinem Glauben überzeugen. Das Zauberwort heißt „Liebe“. Fehlt uns die, dann geht die Arche unter. Jeder Mensch sollte Liebe erfahren.

Ich komme immer wieder in Familien, wo ich mit Dingen konfrontiert werde, vor denen ich am liebsten weglaufen würde. Vieles, was ich im Zuge meiner Arbeit sehen und miterleben muss, kann ich kaum verarbeiten. Das Seelsorgegeheimnis, dem ich als Pastor verpflichtet bin, verbietet es mir ja, mit anderen Menschen – selbst mit meiner eigenen Frau – darüber zu sprechen. Dann bin ich froh und dankbar, dass ich mich im Gebet bei Gott „ausheulen“ darf. Wie andere Menschen, die diesen Trost nicht haben, ihren Alltag in der Sozialarbeit packen, weiß ich nicht. Mir bedeutet das Wissen, nie allein zu sein, jedenfalls unheimlich viel.

„Papa Bernd“ erscheint am 25. August 2010 im Adeo Verlag (200 Seiten; 17,99 Euro). Infos auch unter www.kinderprojekt-arche.de

Arche-Spendenkonto bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Kto. 30 30 100

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Schwarze Frauenbeine mit High-Heels
Gefahr durch High Heels

Je höher der Absatz ist, desto ungesünder sind die Schuhe.

Video Nachrichten mehr
Störungen Kabelbrand legt Berliner S-Bahn lahm
Euro-Debatte Thilo Sarrazin stellt neues Buch vor
Hollywood in Cannes Brad Pitt begeistert mal wieder auf ganzer Linie
Drama in Bayern Bayerische Schüler in Angst vor Amoklauf
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

A380 und A400M

Große Flugzeuge am Himmel über der Region

Nahverkehr

S-Bahn-Verkehr nach Kabelbrand gestört

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote