Olympiastadion
Velotaxi-Fahrer kämpfen um die Weltmeisterschaft
Das Berliner Olympiastadion präsentierte am Sonnabend bei freiem Eintritt einen Nachmittag der unbekannten Sportarten. Unter anderem fand die WM der Velotxifahrer statt. Spaß war vorprogrammiert.
Von Andreas Gandzior
Die Ziellinie liegt nur noch wenige Meter vor ihm. Sie ist in Sichtweite, da schreit Till den Sieg bereits heraus. Er reißt die Arme in die Höhe, sein Vorderrad fängt bedenklich an zu flattern, er bekommt das Velotaxi wieder in den Griff, der Sieg ist ihm in diesem Augenblick kaum noch zu nehmen. Doch Pasqual Nydegger aus der Schweiz hat den Kampf noch nicht ganz aufgegeben. Er ist mit seinem Velotaxi nur kurz hinter dem Führenden. Sekunden später ist das Rennen vorbei. Erschöpft, schweißgebadet, laut schreiend vor Jubel, haut Till Rumohr aus Berlin mit den Fäusten auf den Lenker. Er ist der neue Sprintweltmeister der Velotaxi WM 2010, die von der Berliner Bank gesponsort wird. Die Zuschauer an der 300 Meter langen Rennstrecke feiern die beiden Sportler lautstark.
„Das ist meine Disziplin“, jubelt Rumohr. „Hier profitiere ich von meiner hohen Gesamtmasse.“ In der Tat, wer den 30-Jährigen mit einem „Kampfgewicht“ von 125 Kilogramm sieht, traut ihm auf den ersten Blick nicht diese Sprintereigenschaften zu. „Ich bin ein sehr glücklicher Schwerathlet“, sagt Rumohr. Ohne Neid und voll der Anerkennung gratuliert ihm der Vizeweltmeister aus der Schweiz. „Mein Gegner ist ein Tier“, schreit Pascal „Päscu“ Nydegger aus Bern. „Er war heute einfach stärker als ich.“
Till und Päscu waren zwei Sportler im Teilnehmerfeld aus 40 Nationen, die am Samstag im Olympiapark Berlin am Olympiastadion bei der erstmals ausgetragenen Velotaxi WM 2010 angetreten waren. In den drei Disziplinen Sprint, Geschicklichkeit und Ausdauer wurden die Weltmeister ermittelt. Das Teilnehmerfeld setzte sich aus Geschäftspartnern der Velotaxifirma Veloform Media GmbH aus aller Welt zusammen. So kamen unter anderem Fahrer und Firmeninhaber aus Russland, Irland, China, Lettland, der Türkei und aus England. Denn alle weltweit 1800 Velotaxis stammen aus der deutschen Hauptstadt Berlin. Und es traten Velotaxifahrer aus zahlreichen Nationen an, deren Angehörigen in Berlin leben und fahren – und gestern ihre Nation vertreten haben.
Teilnehmer aus 40 Ländern
„Ich bin zum ersten Mal in Berlin und freue mich sehr, dass ich diese schöne, grüne Stadt besuchen darf“ sagt Norie Minamie. Die 27-jährige Japanerin ist Managerin einer Velotaxi-Firma in Kyoto. In Japan sind die meisten Velotaxis auf den Straßen unterwegs. Dort sind es rund 300. Beim Sprint antreten muss die junge Frau gegen einen Portugiesen. Ein durchtrainiertes Kraftpaket aus Lissabon. Die Japanerin nimmt die Niederlage mit asiatischer Höflichkeit hin und lächelt freundlich.
Über den gesamten Nachmittag verteilt trat das Teilnehmerfeld in immer anderen Disziplinen an. Nachdem es über die 300 Meter lange Sprintstrecke mit zwei Gästen an Bord gegangen war, stand ein Hindernisparcours auf dem Programm. Als schließlich am späten Nachmittag bei dieser Disziplin die Sieger fest standen, ging es weiter zum Ausdauer-Teil. Hier mussten die Fahrerinnen und Fahrer über eine Strecke von bis zu zwei Kilometer antreten. Für die Sportler eine Tortur bei den hohen Temperaturen.
Nur einen Tag vor dem am Sonntag stattfindenden Istaf war die Velotaxi-WM gestern eingebettet in das Festival „Sport im Olympiapark Berlin.“ Von 12 Uhr bis 19 Uhr konnten die Besucher bei freiem Eintritt bekannte und weniger bekannte Sportarten für sich entdecken. Gegen Mittag waren viele der Vereine und Sportler auf der riesigen Anlage noch unter sich, aber am Nachmittag füllte sich der Olympiapark. Riesenspaß und Abkühlung bei hochsommerlichen Temperaturen hatten die Kinder beim Watersoccer, einem Fußballspiel auf einem aufgeblasenen Spielfeld mit einem dünnen Wasserfilm. Stürze waren bei dieser nass-rutschigen Spaßfußball-Version ausdrücklich vorgesehen.
bekannte und unbekannte Sportarten
Aber auch zahlreiche Berliner Vereine präsentierten sich den Besuchern. So gab es unter anderem Übungen zum deutschen Sportabzeichen. Der Alpin Club Berlin war mit einer Kletterwand, einem Hochseilgarten und anderen Aktivitäten vertreten. Besonders gefragt waren das Ziel- und Geschwindigkeitswerfen mit dem Baseball. Die Besucher durften unter Anleitung aber auch an die neuen Lasergewehre der Modernen Fünfkämpfer und sich im Zielschießen üben.
„Ich freue mich, dass meine Kinder hier so viele Sportarten mal kostenlos ausprobieren können“, sagt Doris Sigers. „Und wenn sie sich für eine Sache begeistern, kann ich in meinem Bezirk mal gezielt nach einem Verein suchen. Solche Veranstaltungen sollte es ruhig öfter geben.“ Werbung für das Istaf heute im Olympiastadion machten gestern auch Leichtathletikstars mit einem öffentlichen Training und einer Autogrammstunde. Angetreten sind gestern aber bereits die Hammerwerfer. Am späten Nachmittag ermittelten sie einen Sieger in ihren Reihen. „Ich habe jetzt so richtig Lust auf das Istaf bekommen“, freute sich Ehemann Thomas Sigers.
Gegen 18 Uhr standen dann auch die Velotaxi-Weltmeister in den Disziplinen Ausdauer und Geschicklichkeit fest. Im Slalomfahren auf Zeit siegte der Ire Olaf O`Moore aus Dublin. Über die Distanz von zwei Kilometern holte sich erneut Till Rumohr den Titel. Bei der Geschicklichkeitsprüfung verpasste der Berliner nur knapp den ersten Platz.
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