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28.07.10

Expertengespräch

Was tun bei Missbrauch?

Jürgen Lemke ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut bei "Kind im Zentrum", einer Institution, die sich um missbrauchte Kinder kümmert. Er erklärt, was man tun kann, wenn man befürchtet, dass das eigene Kind missbraucht wurde.

Morgenpost Online: Wie erkenne ich, ob mein Kind misshandelt wurde?

Jürgen Lemke: Zunächst schauen: Gibt es körperliche Anzeichen? Blaue Flecken, ungewöhnliche Stellen oder Wunden im Geschlechtsbereich oder Ähnliches. Das könnte ein Hinweis sein.

Morgenpost Online: Worauf sollte ich noch achten?

Jürgen Lemke: Verhält sich das Kind irgendwie anders? So wie sonst nie? Ich weiß, das ist häufig nicht ganz so einfach, besonders, wenn das Kind in der Pubertät ist und sich gerade in einer Phase befindet, in der es sich weiterentwickelt. Aber achten Sie auf krasse Veränderungen. War das Kind früher gut in der Schule und kommt nur noch mit schlechten Noten nach Hause? War es früher zu anderen freundlich, offen und redet nun mit niemandem mehr? Häufig verschlüsseln missbrauchte Kinder auch das, was sie eigentlich sagen wollen, weil sie sich einfach nicht trauen, dies auszusprechen. Sie sagen dann Dinge, die sie so eigentlich nicht meinen.

Morgenpost Online: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Jürgen Lemke: Nehmen wir an, das Kind wurde vom eigenen Sportlehrer missbraucht. Dann ist es beispielsweise möglich, dass das Kind danach abfällig über den Sportunterricht redet, keine Lust mehr darauf hat. In der Art: Sport macht keinen Spaß mehr, ist doch doof. Es kann auch an den Tagen, an denen es Sport hat, „krank“ werden, irgendwie komisch oder gereizt sein oder die Schule schwänzen. Das sollten Sie dann sehr ernst nehmen.

Morgenpost Online: Was ist, wenn ich denke, ich übertreibe mit meiner Reaktion?

Jürgen Lemke: Nach dem Motto: Das kann nicht passiert sein? Nicht bei meinem Kind? Vergessen Sie es. Missbrauch passiert. Überall. Schweigen hilft da nicht, sondern macht es noch viel schlimmer. Weil der Missbrauch dadurch nicht gestoppt wird, sondern weitergeht.

Morgenpost Online: Was soll ich tun, wenn ich glaube, dass mein Kind missbraucht wurde?

Jürgen Lemke: Wichtig: Wenn Sie Ihr Kind fragen, legen Sie ihm auf keinen Fall Worte in den Mund. Im Falle einer Anklage zählen nur die eigenen Worte des Kindes. Danach: fachliche Hilfe holen. Alles andere endet in einer Sackgasse. Bei „Kind im Zentrum“ bekommen Sie sofort einen Termin. Dort wird im Beratungsgespräch besprochen, wie vorgegangen wird. Jeder Fall wird individuell behandelt. Immer vertraulich und auf Wunsch anonym.

Quelle: BMO
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