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Canisius Kolleg

Missbrauchsopfer - "Es soll denen auch weh tun"

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Ehemalige Schüler des Canisius Kollegs, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, fordern jetzt finanzielle Entschädigungen – doch der Jesuiten Orden schweigt.

Persönlich hat sich der Kampf um Genugtuung und Aufklärung für Matthias Katsch gelohnt: „Ich habe zum ersten Mal seit 30 Jahren das Gefühl, dass ich ganz bei mir bin“, sagt der ehemalige Schüler des Berliner Canisius Kollegs. Jetzt endlich die Wahrheit über den massenhaften sexuellen Missbrauch von Schülern vor allem durch zwei Jesuitenpatres in den späten 70-er und frühen 80-er Jahren ans Licht zu bringen, fühle sich „gut an“, sagt der 47-jährige. „Man ist wieder Herr seiner Biografie.“

Mit der Reaktion des Jesuitenordens, der das Gymnasium an der Berliner Tiergartenstraße betreibt, ist der Sprecher der Opferinitiative „Eckiger Tisch“ jedoch weniger zufrieden. Schließlich ist es jetzt ein halbes Jahr her, dass der Skandal publik wurde und eine riesige Welle von Enthüllungen über Missbrauch nicht nur in der katholischen Kirche auslöste. Daher werfen Katsch und seine Mitstreiter dem Orden eine „Verzögerungstaktik“ vor. Auf die Forderungen nach konkreten unbürokratischen Hilfen für die Opfer sind die Oberen noch nicht eingegangen, wie etwa Therapien und eine finanzielle Entschädigung für jedes Missbrauchsopfer.

Mehr als 200 Opfer

Bisher haben sich mehr als 200 Opfer von Jesuiten aus Berlin, Hamburg, St. Blasien und Bonn bei der Missbrauchsbeauftragten des Ordens gemeldet. Die meisten davon besuchten das Canisius Kolleg. Die Opfervertreter nennen sich in Abgrenzung zum Runden Tisch der Bundesregierung zum Thema Missbrauch „Eckiger Tisch“, weil sie die direkte Konfrontation der „verantwortlichen Organisation der Jesuiten“ mit den Opfern ihrer früheren Mitbrüder suchen.

Ein halbes Jahr, nachdem die Berliner Morgenpost als erste Zeitung über einen Brief des Canisius-Rektors Pater Klaus Mertes berichtet hatte, der an ehemalige Schüler der Jahrgänge gerichtet war, die den missbrauchenden Patres am stärksten ausgelieferten waren, zogen die Opfervertreter am Montag Bilanz.

Was damals der Pater Peter R. im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit an Übergriffen beging, ist weitgehend aufgeklärt. Auch die Taten des Wolfgang S., der sich in sexuell aufgeladenen Prügel-Orgien an Schülern verging, sind bekannt. Der Bericht der früheren Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer deckt sich weitestgehend mit den Erkenntnissen der Beauftragten des Ordens, der Berliner Anwältin Ursula Raue. Andrea Fischer benennt in ihrem Bericht aber schärfer als Raue das Versagen des Ordens, wo die Oberen „weggeschaut“, die Taten „vertuscht“ und keine Gedanken an die Opfer verschwendet hätten.

30 Jahre alte Taten

So wie die Jesuiten sich im Januar mit dem Brief an die Ehemaligen an die Spitze der Aufklärungsbewegung gesetzt hätten, so sollten sie auch in Fragen der Entschädigung und Hilfe voranschreiten, fordert die Eckiger-Tisch-Initiative. Opfer-Vertreter Thomas Weiner sagte, solange der Orden zögere, gehe die „psychologische Belastung“ der Opfer weiter. „Dabei warten wir darauf, dass das möglichst bald zu Ende geht“, sagte Weiner.

Einen Schritt haben die Jesuiten im Mai gemacht, als sich die Ordensoberen um den Provinzial Stefan Dartmann und einen zur Zeit der Taten verantwortlichen Vorgänger den Opfern stellten. Vierzig Ex-Schüler und einige Angehörige schilderten sechs Stunden lang, was sie damals erlebten und wie der Missbrauch ihr Leben belastet hat. Danach ließ der oberste deutsche Jesuit Dartmann erstmals Verständnis für die Forderung nach einer einheitlichen Entschädigung für jedes Opfer erkennen. Aber seit acht Wochen schweige der Orden, bemängeln die Opfer.

Sie habe den Eindruck, dass sich die Verantwortlichen innerhalb des Ordens nicht einig seien, sagte Fischer. Zumal der Orden nicht über „Geld wie Heu“ verfüge, mit dem er solche Forderungen bedienen könne. Den Opfern schweben hohe fünfstellige Summen vor. „Es soll denen verdammt noch mal auch weh tun“, sagte Matthias Katsch und einen Moment lang spürte man am Montag beim Pressegespräch die Verletzungen, die das professionelle Auftreten der eloquenten Opfervertreter gemeinhin überdeckt.

Die Jesuiten haben sich bisher auf den Standpunkt gestellt, für eine Entschädigungslösung erst die Beschlüsse des Runden Tischs abzuwarten, der bundesweit die Fälle sexuellen Missbrauchs behandelt. Für neues Misstrauen und Empörung der Opfer sorgten Äußerungen aus der Zentrale der deutschen Jesuiten in München vom Wochenende. Der Orden-Sprecher erklärte, es könne „nicht sein, dass ein Opfer eines Sportvereins mehr oder weniger bekommt, als das Opfer einer kirchlichen Einrichtung“. Schließlich seien auch andere Organisationen von Missbrauchsfällen betroffen.

Katsch sagte, er wäre auch nicht zufrieden, wenn im Rahmen des Runden Tischs vereinbart würde, dass„die Allgemeinheit in die Bresche springt und zahlt“, während die Jesuiten als verantwortliche Organisation im Topf untergehe.

„Die Jesuiten sollten die Sportvereine Sportvereine sein lassen und sich sorgen um diese Opfer, für die sie Verantwortung ragen“; sagte Jürgen Lemke, Missbrauchsexperte der Initiative „Kind im Zentrum“; die die Opfer berät. Der Experte stützt wie Andrea Fischer die Forderung nach einer einheitlichen Entschädigung. Niemandem sei es zuzumuten, 30 Jahre nach den Taten darzulegen, was ihm im Einzelnen widerfahren sei und zu beweisen, dass dieses schwerwiegender gewesen sei als bei anderen. Jetzt warten die Opfer auf ein Angebot vom Jesuitenorden.

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