Nahverkehr

Berliner S-Bahn sperrt Nord-Süd-Tunnel vier Monate lang

S-Bahn-Linien 1, 2 und 25 sind ab Mitte Januar vier Monate lang unterbrochen. Die Tunnelstrecke wird generalüberholt. Rund 100.000 Fahrgäste müssen sich so lange neue Wege zu ihren Zielen suchen.

Foto: Joerg Krauthoefer

Die Nutzer der Berliner S-Bahn sind ja einiges an Bausperrungen gewohnt. Doch gleich Anfang des neuen Jahres kommt es für sie ganz dicke: Von 16. Januar, 22 Uhr, bis voraussichtlich 4. Mai wird der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn komplett gesperrt. Dreieinhalb Monate lang fahren zwischen Gesundbrunnen und Yorckstraße keine Züge mehr.

Grund ist eine zwölf Millionen Euro teure Generalüberholung der sechs Kilometer langen Tunnelstrecke. Betroffen davon sind täglich bis zu 100.000 Fahrgäste, die in diesem Abschnitt die Linien S1 (Oranienburg–Wannsee), S2 (Bernau–Blankenfelde) oder S25 (Hennigsdorf–Teltow) nutzen. Ihnen empfiehlt die S-Bahn, die gesperrte Strecke weiträumig mit den Ringbahnlinien oder der U-Bahn zu umfahren.

Ersatzbusse keine Alternative

Die S-Bahn richtet zwar während der 15-wöchigen Vollsperrung auch einen Schienen-Ersatzverkehr (SEV) mit Bussen ein, doch dieser ist nur für Reisende eine Alternative, die kurze Strecken fahren wollen oder viel Zeit haben. Denn mit dem notwendigen Umsteigehalt am Bahnhof Friedrichstraße wird eine Fahrt im SEV-Bus über die gesamte Distanz mindestens 30 Minuten länger als mit der S-Bahn dauern. Bei einer Umfahrung über die Ringbahn müssen die Reisenden hingegen nur etwa zehn Minuten mehr Fahrzeit einplanen, sagte Jens Hebbe, Leiter der Baubetriebsplanung der Berliner S-Bahn.

Von 16. April an wird es für die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel dann noch schwieriger. Dann überschneidet sich die Tunnelsperrung bei der S-Bahn mit Arbeiten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an der U-Bahn im Bereich Gleisdreieck. Weil die Sanierung des mehr als 100 Jahre alten Kreuzungsbahnhofs nach zweijähriger Pause fortgesetzt wird, fährt die U2 voraussichtlich bis 20. November nicht zwischen Gleisdreieck und Wittenbergplatz. Die Gleichzeitigkeit der beiden Großprojekte von BVG und S-Bahn rief bereits Kritik bei Fahrgastvertretern hervor. "Es war eigentlich mal vereinbart, so etwas im Interesse der Fahrgäste möglichst zu vermeiden", sagte ein Sprecher des Fahrgastverbandes Igeb.

Beide Nahverkehrsunternehmen betonen jedoch, dass angesichts des oft hohen Alters der Berliner Verkehrsinfrastruktur solche Überschneidungen nicht vermeidbar sind. "Auch ist die U2 in diesem Bereich keine Alternative zu den Nord-Süd-Linien der S-Bahn", sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Fahrgäste könnten die U-Bahn in Ost-West-Richtung ja weiter nutzen. Sie fährt dann – wie einst die U1 zu alten West-Berliner Zeiten – als U12 zwischen Ruhleben und Warschauer Straße.

Bereits Ende 2013 gesperrt

Der zwischen 1934 und 1939 gebaute Nord-Süd-Tunnel gehört zu den am dichtesten befahrenen S-Bahn-Strecken in Berlin. Die sechs Kilometer lange Trasse wird in Spitzenzeiten stündlich von bis zu 36 Zügen in beiden Richtungen passiert. Weil die Kurvenradien sehr eng sind, bedeutet dies eine hohe Belastung für Gleise und Unterbau. Bereits Ende 2013 war der Tunnel für zwei Wochen dicht, weil zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof verschlissene Schienen ausgetauscht werden mussten. Bahn-Experten verwiesen bereits damals auf die dringende Notwendigkeit weitere Sanierungsarbeiten, sie sollten aber in zehn Wochen zu erledigen sein, hieß es.

Dieser Zeitplan ist nun aber nicht zu halten. "Für die Vielzahl der nun geplanten Arbeiten sind selbst die jetzt vorgesehenen dreieinhalb Monate eher knapp bemessen", sagte Hebbe. Ein Zeitrisiko für das Bauende stellt dabei die gleichzeitig vorgesehene Installation des neues Zugbeeinflussungssystems ZBS dar. Die elektronisch gesteuerte Anlage soll die alte, noch aus den 1930er-Jahren stammende mechanische Zugsicherung ("Bernauer Fahrsperre") ablösen. Bevor ZBS in Betrieb gehen darf, sind aber umfangreiche Prüfungen und Abnahmen erforderlich, die schnell den eigentlichen Zeitrahmen sprengen könnten.

Weniger Lärm im Tunnel

Die Bahn-Verantwortlichen gehen dennoch davon aus, dass alle Arbeiten fristgerecht beendet werden. Am aufwendigsten ist dabei der notwendige Austausch von 19 Weichen, davon zehn allein am Bahnhof Potsdamer Platz. "Weil es so eng ist, können die Weichen nicht in einem Stück im Tunnel transportiert werden. Sie müssen in Einzelteilen herangebracht und dann vor Ort montiert werden", sagte Andreas Holzapfel, Projektleiter von DB Netz. Die für die Infrastruktur zuständige Bahntochter will auch das Lärmproblem im Tunnel verringern. Dazu werden die Apparaturen zum Schmieren der Schienen gewartet oder gar ausgetauscht. "Der Krach entsteht durch die sehr engen Kurvenradien, durch die die Züge fahren müssen", so Holzapfel.

Auch die Bahntochter DB Station & Service will die Sperrung nutzen, um zahlreiche kleinere Arbeiten in den Tunnelbahnhöfen ausführen zu lassen. "Da werden Fugen abgedichtet, Wände gestrichen oder Fliesen ausgetauscht – alles Arbeiten, die man bei laufendem Zugverkehr nicht machen kann", sagte Eisenbahnbetriebsleiter Uwe Bögge. Eine Grundsanierung der S-Bahn-Stationen werde es aber nicht geben.

Bereits am Mittwoch hat die S-Bahn begonnen, ihre Fahrgäste über die anstehende Tunnel-Vollsperrung zu informieren. So werden etwa 75.000 Flyer in den nächsten Tagen verteilt, zudem gibt es umfangreiche Informationen auf der Homepage des Unternehmens (www.s-bahn-berlin.de). Ab Jahresbeginn 2015 will die S-Bahn auch Netzpläne mit der während der Tunnelsperrung veränderten Linienführung in den Bahnhöfen und in den Zügen aushängen. So wird die S2 ab 16. Januar, 22 Uhr, im Norden als S9 von Bernau nach Flughafen Schönefeld fahren und die S45 wird über den westlichen Ring bis nach Birkenwerder verlängert.

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