Jugendkriminalität
Streit um geschlossene Heime für Kinder-Dealer
Das Drama um als Drogenkuriere missbrauchte Berliner Kinder nimmt kein Ende. Schon wieder wurde ein Fall bekannt, bei dem ein Kind festgenommen wurde. Berlins Innensenator fordert schärfere Kontrollen staatenloser Minderjähriger.
Von Maren Wittge, Steffen Pletl und Peter Oldenburger
Wieder ist ein Fall eines Kindes in Berlin bekannt geworden, das offenbar am U-Bahnhof Möckernbrücke (U7) in Kreuzberg Heroinkugeln verkauft hat. Polizei, Justiz und Jugendämter sind bei der Bekämpfung des Problems nahezu machtlos. Die Forderungen nach geschlossenen Heimen für Drogenhändler im Kinder- und Teenager-Alter mehren sich. Bevor sie das 14. Lebensjahr erreicht haben, sind sie juristisch gesehen Kinder und damit noch strafunmündig. Die Polizei muss sie laufen lassen. Die Beamten bringen sie, wenn sie sie aufgreifen, zu den Erziehungsberechtigten oder in betreuende Einrichtungen.
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) will künftig minderjährige Drogenhändler in den Heimen kontrollieren lassen. „Die kriminellen Karrieren solcher Kinder müssen durch die Unterbringung in geeigneten Heimen gestoppt werden. Es geht nicht darum, sie wegzuschließen“, so Körting. Vielmehr müssten sie pädagogisch betreut und kontrolliert werden. Berlin nutzt eine solche Einrichtung im brandenburgischen Frostenwalde in der Uckermark. Für eine geschlossene Unterbringung ist auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) und regt zudem an, die Kinder aus den Familien zu nehmen und zu versuchen, sie zu resozialisieren.
Zu dem jüngsten Einsatz am U-Bahnhof Möckernbrücke war die Polizei am Montagnachmittag von einem privaten Sicherheitsdienst der BVG gerufen worden. Die Mitarbeiter hatten zwei Drogenhändler beobachtet, als einer von ihnen einer mutmaßlichen Kundin die handelsüblichen Szenekugeln gefüllt mit Heroin übergab. Den Sicherheitsleuten gelang es zwar, die 22-jährige Frau festzuhalten, aber die beiden Händler flüchteten. Dank der guten Personenbeschreibung konnte gut eine Stunde später ein 13-jähriger Junge von Polizeibeamten in der Nähe der U-Bahnhofs Gneisenaustraße festgenommen werden. Bei seiner Durchsuchung fanden die Ermittler den mutmaßlichen Handelserlös sowie eine neuwertige Digitalkamera mit Fototasche. Alles wurde beschlagnahmt.
Der 13-Jährige arabischer Herkunft ist für die Polizei kein Unbekannter; schon einige Male ging er den Fahndern ins Netz. Ein fester Wohnsitz ist der Polizei nicht bekannt. So wurde der Junge dem Kindernotdienst übergeben. Bereits am Abend stellten die Heimbetreuer gegen 20 Uhr eine Vermisstenanzeige, denn der Junge war bereits wieder geflohen.
Die Debatte über den Umgang mit strafunmündigen Kindern hatte ein elfjähriger Drogen-Kurier ausgelöst, den die Polizei bereits elfmal festgenommen hatte. Allein in der vergangenen Woche wurde der staatenlose Palästinenser dreimal am U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg festgenommen, weil ihn Drogenfahnder beim Verkauf von Heroinkugeln beobachtet hatten. Der elfjährige Arub M. ist in Lichterfelde-Süd in einer sogenannten Erstaufnahme- und Clearingstelle (EAC) für minderjährige Flüchtlinge untergebracht, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Das von einer Stiftung der Arbeiterwohlfahrt betriebene Heim ist offen, der Elfjährige kann jederzeit kommen und gehen. Am Dienstag hatte der mutmaßlich notorische Jungdealer Arub M. einen Arzttermin, den er nach Morgenpost-Informationen in Begleitung eines Sozialarbeiters wahrnahm.
Neue Altersgrenze ist keine Lösung
Der Leiter des Rauschgiftdezernats beim Berliner Landeskriminalamt, Harald Chybiak, plädierte nach dem Bekanntwerden des „Falls Arub“ ebenfalls für geschlossene Heime. Zudem hat sich der Dezernatsleiter für einen Runden Tisch mit Vertretern von Polizei, Behörden, Justiz und Sozialexperten ausgesprochen. Zu klären sei, was überhaupt gegen die Kinder-Drogenkuriere getan werden könne. Die Polizei hat den Druck auf Drogenhändler erhöht. Eine Herabsetzung des Alters der Strafmündigkeit lehnte Polizeisprecher Thomas Goldack am Dienstag ab. Dieser Schritt würde „ins Leere laufen“ und dazu führen, dass die Dealer immer jünger würden. In Berlin existieren bisher nur offene Einrichtungen, in denen kriminelle Kinder untergebracht werden können. Ob Arub M. tatsächlich elf Jahre ist, ist unklar. Bevor die Kinder aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Deutschland kommen, nehmen die Schleuser die Papiere der Kinder an sich.
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