Drogenhandel
Berliner Polizei machtlos bei Kinder-Dealern
Innerhalb einer Woche wurde der elfjährige Arub M. zweimal festgenommen – insgesamt hat ihn die Polizei schon elfmal beim Dealen ertappt. Zwei zwölfjährige Jungen wurden ebenfalls mehrfach erwischt. Doch die strafunmündigen Drogenhändler müssen freigelassen werden.
Von J. Anker und M. Wittge
Der elfjährige Drogenkurier, der in der vergangenen Woche zwei Mal von Polizisten aufgegriffen wurde, ist bereits elf Mal festgenommen worden. Der elfjährige Arub M. ist nach Informationen von Morgenpost Online staatenloser Palästinenser und lebt in einem Heim für ausländische Kinder ohne Eltern in Lichterfelde. Er wird dort von Sozialpädagogen betreut. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung, in der 40 minderjährige Flüchtlinge, die alleine und ohne Begleitung von ihren Eltern nach Deutschland gekommen sind, untergebracht sind und betreut werden.
Der Junge ist einer von fünf minderjährigen Drogenkurieren, die den Behörden derzeit bekannt sind. Da sie noch nicht strafmündig sind, waren Polizei und Justiz bislang die Hände gebunden. Die Kinder kommen zumeist mit einem Platzverweis davon – und handeln wenige Stunden später erneut mit Drogen. Dass Minderjährige derzeit vermehrt von den Drogenhändlern als Kuriere eingesetzt werden, kann die Innenverwaltung nicht bestätigen. „Die Ermittlungen laufen noch, über die Umstände und die Hintermänner können wir derzeit noch nichts sagen“, so eine Sprecherin der Innenverwaltung.
Polizei machtlos bei elfjährigen Dealern
Nach der mehrmaligen Festnahme von Kindern als Drogenkurieren, ist die Debatte über den Umgang mit strafunmündigen Tätern neu entflammt. Während der CDU-Rechtsexperte Andreas Gram die aktuelle Häufung der Fälle erneut zum Anlass nimmt, geschlossene Heime für straffällig gewordene Kinder zu fordern, lehnt Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) das ab. „Wir brauchen keine Mauern, sondern Betreuung und Überzeugung“, sagte von der Aue am Montag. Auch die Herabsetzung der Strafmündigkeit von 14 auf zwölf Jahre ist ihrer Überzeugung nach ungeeignet, das Phänomen wirkungsvoll zu bekämpfen. Stattdessen setzt die Justizsenatorin auf erzieherische Maßnahmen und eine harte Bestrafung für die Erwachsenen, die die Kinder anleiten.
Den Anlass für die Diskussion bieten die aktuellen Fälle. Innerhalb von nur einer Woche wurde Arub M. dreimal von der Polizei erwischt, als er am U-Bahnhof Schönleinstraße (U8) in Kreuzberg mit Heroin handelte. Ein Zwölfjähriger wurde im gleichen Zeitraum zweimal erwischt. Bei weiteren Kontrollen die am Montag im U-Bahnhof Alexanderplatz durchgeführt wurden, ging den Fahndern ein weiterer zwölfjähriger Junge ins Netz, der insgesamt 19 Heroinkugeln im Mund hatte.
Die Sozialeinrichtung, in der Arub M. in Lichterfelde lebt, ist offen. Der Junge kann so jederzeit kommen und gehen. Wenn das Kind von der Polizei erwischt wird, gibt er stets an, elf Jahre alt zu sein. Die Beamten müssen ihm glauben, denn Papiere oder eine Geburtsurkunde hat er nicht.
Wie bei den Festnahmen am Dienstag und am Donnerstag vergangener Woche wurden der Elfjährige und ein Zwölfjähriger Libanese am Sonntag wieder am U-Bahnhof beobachtet, wie sie das Heroin potenziellen Kunden zum Kauf anboten.
Die U8 und die Bahnhöfe gelten als Zentren des Drogenhandels in Berlin. Medienberichten zufolge wurden dort im vergangenen Jahr 600 Personen festgenommen. Die Drogen bewahren sie meist im Mund auf, in Form von Kügelchen. Als die Kinder verhaftet wurden, schluckten sie die Heroinkugeln offenbar herunter. Die Polizeibeamten brachten sie in ein Krankenhaus, sie befürchteten, dass die verschluckten Drogenkügelchen sich im Körper auflösten. Doch aus den Krankenhäusern flohen die Kinder mindestens einmal wieder.
Die Beamten der Polizeistationen an der U-Bahnlinie 8 gehen regelmäßig gegen den Drogenhandel in den Bahnhöfen vor. So starten etwa dreimal in der Woche Polizisten aus der Brunnenstraße derartige Spezialeinsätze. Sie spüren die Drogenhändler, meist handelt es sich um Jungen zwischen 13 und 15 Jahren, auf den Bahnhöfen auf. Die Händler tragen die Drogen nie selbst am Körper, aber leiten das Geschäft ein. Sie rufen die strafunmündigen Kuriere an, die die Drogen zu liefern.
Werden sie dabei festgenommen, landen sie im Polizeigewahrsam. Wegen ihres jungen Alters erhalten die Kuriere einen Platzverweis für 36 Stunden und werden wieder entlassen. „Das ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt eine Beamtin. Manchmal dauere es keine drei Stunden, bis sie wieder irgendwo anders auf Kundenfang sind. Hinzu komme das fehlende Verständnis der Öffentlichkeit für die Arbeit der Polizei. Regelmäßig sehen sich die Polizisten schimpfenden Passanten gegenüber, die lediglich die Festnahme der Kinder wahrnehmen, ohne zu wissen, dass es sich um Dealer handelt.
Kinder gezielt ausgewählt
Das Thema des systematischen Drogenhandels strafunmündiger Kinder beschäftigte auch die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig. In ihrem Buch, das kommende Woche erscheint, beschreibt sie, wie arabische Großfamilien gezielt Kinder unter 14 Jahren aus palästinensischen Flüchtlingslagern nach Deutschland schleusen und als Drogenkuriere ausbilden, heißt es in dem Buch, das „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe vorab druckt. Sie wirft den Behörden Untätigkeit vor und fordert strengere Einreisekontrollen und geschlossene Heime. Die Kinder müssten arabischen Banden entzogen werden, wenn der Staat sie aufnehme. Heisig kritisierte seit Jahren, dass sich einige arabischstämmige Familien jedem staatlichen Einfluss entziehen und so den sozialen Frieden in der Stadt gefährden.
„Es gibt eine Kultur der Gleichgültigkeit“, kritisiert der Rechtsexperte Andreas Gram und fordert, dass das Problem parteiübergreifend ernst genommen werde. Der Druck auf Familienclans müsse erhöht werden. Für den Rechtsexperten der Grünen, Dirk Behrendt, steht dagegen die Zusammenarbeit der Behörden im Vordergrund. „Ich gehe davon aus, dass die Polizei bei derartigen Vorfällen das Jugendamt informiert und die Mitarbeiter dort tätig werden“, sagte er. Dann müsse auf die Straftäter eingewirkt werden.
Auch am Montag stand Arub wieder am U-Bahnhof und wurde kontrolliert. Drogen hatte er offenbar keine bei sich. Die Beamten stellten Bargeld sicher, das wahrscheinlich aus Drogengeschäften stammt. Er wurde seinen Betreuern in Lichterfelde übergeben - wieder einmal.
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